Berufsanfänger Hilfe, ich habe einen Job

Von Steffen Eggebrecht

3. Teil: Christian Hennig, 27, Informatiker - "Ich erledigte nur noch das Nötigste"


Christian wollte seinen Doktor machen, wurde aber mit der Promotion nicht glücklich. Nun ist er als Diplom-Informatiker angestellt.
Steffen Eggebrecht

Christian wollte seinen Doktor machen, wurde aber mit der Promotion nicht glücklich. Nun ist er als Diplom-Informatiker angestellt.

"Während meines Studiums war ich nicht davon überzeugt, dass ich das Zeug für die Forschung hätte. Aber als ich ein Praktikum bei einem großen IT-Unternehmen machte, fehlte mir der Freiraum für eigene Ideen. Bei Gesprächen sagten mir ein paar Uni-Mitarbeiter, dass es in der Forschung für meine Vorstellungen eher Möglichkeiten gebe. Man könne dort eigene, manchmal auch unsinnige Projekte verfolgen und erproben.

Die Promotion führte mich 2009 nach Berlin. Meine Erwartungen waren eher vage, da ich keinem konkreten Thema oder Projekt zugeteilt war. Die Ideenfindung lief sehr schleppend und zog sich über Monate hin. Besonders fehlte mir der Gedankenaustausch, der eine solche Arbeit befruchten kann.

Ich regte bei meinem Doktorvater ein wöchentliches Meeting an, bei dem jeder kurz seinen Forschungsstand und sein aktuelles Problem darstellen sollte. Der Doktorvater sagte nur, dass der letzte Versuch wöchentlicher Treffen zum Kaffeeklatsch verkommen sei - das war's dann.

Nach ein paar Nächten des Grübelns: Schluss mit der Promotion

Nach etwa vier Monaten durfte ich an einem Aufsatz mitarbeiten, lieferte allerdings nur Zahlenmaterial zu. Das war nicht wirklich das, was ich mir unter Teamarbeit vorstelle. Mein Name stand zwar bei den Autoren, aber in der entscheidenden Phase blieb ich außen vor. Ich war unzufrieden und fuhr zunächst unbewusst meine Leistung runter. Weil das nicht weiter auffiel, erledigte ich bald nur noch das Nötigste. Wollte ich die nächsten fünf Jahre meines Lebens so weitermachen?

Ich besuchte ein paar Jobmessen, die Gespräche gaben mir bald wieder Zuversicht. Die Firmen waren an mir interessiert, ich war überzeugt, meine Fähigkeiten sinnvoller einbringen zu können als an der Uni. Nach ein paar Nächten des Grübelns stand mein Entschluss fest, die Promotion zu canceln.

Mein Doktorvater hatte Verständnis und unterstützte mich sogar. Dennoch möchte ich das Jahr in der Forschung nicht missen. Manchmal muss man sich eben eingestehen, dass etwas nicht erreichbar ist und man sich verändern muss.

In meinem aktuellen Job als Softwareentwickler habe ich endlich das Gefühl, etwas von Wert zu schaffen und Anerkennung dafür zu erhalten. Die Ergebnisse meiner Arbeit werden eingesetzt, darauf bin ich stolz."

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Moridin 29.06.2010
1. Titellos
Aus dem Artikel: ---Zitat--- In meinem aktuellen Job als Softwareentwickler habe ich endlich das Gefühl, etwas von Wert zu schaffen und Anerkennung dafür zu erhalten. Die Ergebnisse meiner Arbeit werden eingesetzt, darauf bin ich stolz." ---Zitatende--- Wegen dieser elenden (nur gefühlten?) Sinnlosigkeit habe ich mein Studium abgebrochen und eine Ausbildung begonnen. Heute geht es mir so wie im Zitat ausgesagt. Ich will nie wieder zurück in eine Bildungsinstitution - für einige war das die schönste Zeit des Lebens, für mich jedenfalls nicht. Wenn jemand nach seiner Ausbildung auch noch ein Studium absolvieren will, finde ich das sehr bewundernswert.
Parzival v. d. Dräuen 29.06.2010
2. Wie jetzt?
Zitat von sysopHektik, Frust, alles neu, Chaos im Kopf - fast jeder zweite Uniabsolvent startet holprig in den Beruf. Denn das Studium bereitet kaum auf den Joballtag vor. Drei Berufseinsteiger erzählen von Stress, Therapiewünschen und einer Notausstiegs-Option. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,700152,00.html
Ich dachte bisher, die haben alle im Schnitt zwanzig Praktika hinter sich. Da kann die neue Firma doch nicht mehr so bedrohlich wirken.
Mulharste, 29.06.2010
3. -
Zitat von sysopHektik, Frust, alles neu, Chaos im Kopf - fast jeder zweite Uniabsolvent startet holprig in den Beruf. Denn das Studium bereitet kaum auf den Joballtag vor. Drei Berufseinsteiger erzählen von Stress, Therapiewünschen und einer Notausstiegs-Option. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,700152,00.html
Stress? Überstunden? Arbeit? Ungerechtigkeit? Willkommen im Leben! Da skommt davon, wenn man alles glaubt, was einem in der Werbung erzählt wird, wenn man mit völlig falschen Erwartungen an sich selbst in dne Beruf einsteigt, nach Trends studiert, keine Eier hat und bei IKEA die Einrichtung zusammenstellt. Das kommt davon, wenn man glabut zu irgendeiner Elite zu gehören, oder denkt, 2 Auslandspraktika befähigen zum Erreichen der Weltherrschaft. Nein - liebe Studies - genau so ist es nicht! Kommt endlich im Leben an - wer ne Therapie braucht, weil er arbeiten muß, sollte über seine Lebenseinstellung nachdenken.
john mcclane, 29.06.2010
4.
Zitat von MoridinAus dem Artikel: Wegen dieser elenden (nur gefühlten?) Sinnlosigkeit habe ich mein Studium abgebrochen und eine Ausbildung begonnen. Heute geht es mir so wie im Zitat ausgesagt. Ich will nie wieder zurück in eine Bildungsinstitution - für einige war das die schönste Zeit des Lebens, für mich jedenfalls nicht. Wenn jemand nach seiner Ausbildung auch noch ein Studium absolvieren will, finde ich das sehr bewundernswert.
Das kann ich voll unterschreiben. Immer wenn ich einen reden höre, das die Zeit des Studiums die schönste in seinem Leben war, dann frage ich mich wie beschissen sein vorheriges oder aktuelles Leben wohl sein muß. Jemandem, der bereits eine abgeschlossene Ausbildung und etwas Berufserfahrung hat würde ich in jedem Fall von einem Vollzeit-Präsenzstudium abraten: Eigenständiges Denken ist zumindest im Grundstudium unerwünscht, der Prof hat qua Amt Recht, ein regelmäßiger Geldeingang auf dem Konto findet nicht mehr statt und wenn einen das alles noch nicht geschafft hat, muß man sich mit den Mega-Idioten von der Hochschulverwaltung rumärgern, die in jeder Behörde die Papiere bekommen würden, in der Uni aber den Macker raushängen lassen und die Studenten traktieren dürfen...
autocrator 29.06.2010
5. Universitätsverständnis
Die Bologna-Reformen hätten es bringen sollen, aber der notwendige 2. Schritt der Reform wurde mal wieder nicht getan. Die Universität ist keine Berufsvorbereitungs-Veranstaltung! An einer Uni wird Wissenschaft, Forschung und Lehre betrieben. Auch wenn 90% der Studenten ihr Studium nicht aus Liebe zum Fach und zu Wissen und Forschung betreiben, sondern eben genau das darin sehen: eine Voraussetzung um im Berufsleben Fuß zu fassen: Es ist nicht Aufgabe einer Uni, Leute auf die Berufswelt vorzubereiten. (Allerdings sollten das Arbeitgeber und Personalmanager auch verstehen ...)
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