Berufsanfänger Hilfe, ich habe einen Job

Von Steffen Eggebrecht

4. Teil: Charlotte*, 29, Produkt-Managerin - "Es fühlte sich an wie eine Niederlage"


Charlotte litt unter ihrer Arbeit als Product Managerin eines Social-Media-Internetportals. Ihr BWL-Diplom half ihr im Alltag mit wechselnden Zuständigkeiten nicht wirklich weiter.
Michael Schultz

Charlotte litt unter ihrer Arbeit als Product Managerin eines Social-Media-Internetportals. Ihr BWL-Diplom half ihr im Alltag mit wechselnden Zuständigkeiten nicht wirklich weiter.

"Der ersten Schritt in meinen Job führte vor drei Jahren über ein Marketing-Praktikum. Zu dieser Zeit wirkte die Firma cool, lebendig, jung, dynamisch, es machte Spaß dort zu arbeiten. Ich hinterließ einen guten Eindruck und bekam anschließend eine Festanstellung. Schnell bemerkte ich aber, dass es kaum Konstanten oder richtige Strukturen gab - weder bei den Kollegen noch bei den Aufgaben.

Bisher durchlief ich mehrere Arbeitsbereiche. Die ständigen Wechsel und Anpassungen wurden bald sehr anstrengend, alle und alles waren austauschbar. Nach einem Jahr erdrückte mich diese Situation immer mehr. Es gab Momente, in denen ich meine zentralen Aufgaben nicht kannte. Meine Chefs übten stetig höheren Druck aus, fortwährend musste ich eine Daseinsberechtigung liefern. Es ging nur noch darum, seinen aktuellen Bereich zu verteidigen.

Ich fühlte mich eingeengt, Angst gewann die Oberhand. Ständig fragte ich mich, wie ich den Ansprüchen überhaupt gerecht werden kann. Bei der Arbeit hatte ich niemanden, mit dem ich mich austauschen konnte. Die Firma saugte mich aus.

Bis zum Jahresende will ich einen neuen Job finden

Irgendwann fingen sogar Freunde an, mich auf meinen Zustand anzusprechen. Ich redete ständig nur von meinem Job und über das, was mich bedrückte. Dabei weinte ich oft. Die fröhliche Charlotte, die meine Freunde kannten, gab es nicht mehr.

Schließlich ging ich in Psychotherapie. Ich holte mir eine Krankschreibung, es fühlte sich wie eine Niederlage an. Im Nachhinein war es jedoch genau die richtige Entscheidung. Das war der erste Zeitpunkt, an dem ich die Kraft besaß, das Thema auch bei meinen Chefs anzusprechen, ohne dass mir dabei Tränen in die Augen schossen. Die Kollegen zeigten viel Verständnis, einige meinten aber auch, ich nähme mir alles zu sehr zu Herzen.

Die Therapie stärkte mich und gab mir neue Energie. Allerdings funktioniert das auch nicht immer. Daher suche ich jetzt nach Alternativen. Bis zum Jahresende will ich einen neuen Job finden, das steht für mich fest. Ich hab auch wieder Spaß am Arbeiten mit Stoffen und am Nähen gefunden. Am glücklichsten wäre ich, wenn ich einen eigenen Laden hätte. Aber erst einmal hat mich der Arbeitsalltag wieder."

(*Namen geändert)

insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
Moridin 29.06.2010
1. Titellos
Aus dem Artikel: ---Zitat--- In meinem aktuellen Job als Softwareentwickler habe ich endlich das Gefühl, etwas von Wert zu schaffen und Anerkennung dafür zu erhalten. Die Ergebnisse meiner Arbeit werden eingesetzt, darauf bin ich stolz." ---Zitatende--- Wegen dieser elenden (nur gefühlten?) Sinnlosigkeit habe ich mein Studium abgebrochen und eine Ausbildung begonnen. Heute geht es mir so wie im Zitat ausgesagt. Ich will nie wieder zurück in eine Bildungsinstitution - für einige war das die schönste Zeit des Lebens, für mich jedenfalls nicht. Wenn jemand nach seiner Ausbildung auch noch ein Studium absolvieren will, finde ich das sehr bewundernswert.
Parzival v. d. Dräuen 29.06.2010
2. Wie jetzt?
Zitat von sysopHektik, Frust, alles neu, Chaos im Kopf - fast jeder zweite Uniabsolvent startet holprig in den Beruf. Denn das Studium bereitet kaum auf den Joballtag vor. Drei Berufseinsteiger erzählen von Stress, Therapiewünschen und einer Notausstiegs-Option. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,700152,00.html
Ich dachte bisher, die haben alle im Schnitt zwanzig Praktika hinter sich. Da kann die neue Firma doch nicht mehr so bedrohlich wirken.
Mulharste, 29.06.2010
3. -
Zitat von sysopHektik, Frust, alles neu, Chaos im Kopf - fast jeder zweite Uniabsolvent startet holprig in den Beruf. Denn das Studium bereitet kaum auf den Joballtag vor. Drei Berufseinsteiger erzählen von Stress, Therapiewünschen und einer Notausstiegs-Option. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,700152,00.html
Stress? Überstunden? Arbeit? Ungerechtigkeit? Willkommen im Leben! Da skommt davon, wenn man alles glaubt, was einem in der Werbung erzählt wird, wenn man mit völlig falschen Erwartungen an sich selbst in dne Beruf einsteigt, nach Trends studiert, keine Eier hat und bei IKEA die Einrichtung zusammenstellt. Das kommt davon, wenn man glabut zu irgendeiner Elite zu gehören, oder denkt, 2 Auslandspraktika befähigen zum Erreichen der Weltherrschaft. Nein - liebe Studies - genau so ist es nicht! Kommt endlich im Leben an - wer ne Therapie braucht, weil er arbeiten muß, sollte über seine Lebenseinstellung nachdenken.
john mcclane, 29.06.2010
4.
Zitat von MoridinAus dem Artikel: Wegen dieser elenden (nur gefühlten?) Sinnlosigkeit habe ich mein Studium abgebrochen und eine Ausbildung begonnen. Heute geht es mir so wie im Zitat ausgesagt. Ich will nie wieder zurück in eine Bildungsinstitution - für einige war das die schönste Zeit des Lebens, für mich jedenfalls nicht. Wenn jemand nach seiner Ausbildung auch noch ein Studium absolvieren will, finde ich das sehr bewundernswert.
Das kann ich voll unterschreiben. Immer wenn ich einen reden höre, das die Zeit des Studiums die schönste in seinem Leben war, dann frage ich mich wie beschissen sein vorheriges oder aktuelles Leben wohl sein muß. Jemandem, der bereits eine abgeschlossene Ausbildung und etwas Berufserfahrung hat würde ich in jedem Fall von einem Vollzeit-Präsenzstudium abraten: Eigenständiges Denken ist zumindest im Grundstudium unerwünscht, der Prof hat qua Amt Recht, ein regelmäßiger Geldeingang auf dem Konto findet nicht mehr statt und wenn einen das alles noch nicht geschafft hat, muß man sich mit den Mega-Idioten von der Hochschulverwaltung rumärgern, die in jeder Behörde die Papiere bekommen würden, in der Uni aber den Macker raushängen lassen und die Studenten traktieren dürfen...
autocrator 29.06.2010
5. Universitätsverständnis
Die Bologna-Reformen hätten es bringen sollen, aber der notwendige 2. Schritt der Reform wurde mal wieder nicht getan. Die Universität ist keine Berufsvorbereitungs-Veranstaltung! An einer Uni wird Wissenschaft, Forschung und Lehre betrieben. Auch wenn 90% der Studenten ihr Studium nicht aus Liebe zum Fach und zu Wissen und Forschung betreiben, sondern eben genau das darin sehen: eine Voraussetzung um im Berufsleben Fuß zu fassen: Es ist nicht Aufgabe einer Uni, Leute auf die Berufswelt vorzubereiten. (Allerdings sollten das Arbeitgeber und Personalmanager auch verstehen ...)
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