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29. Juni 2010, 13:20 Uhr

Berufsanfänger

Hilfe, ich habe einen Job

Von Steffen Eggebrecht

Hektik, Frust, alles neu, Chaos im Kopf - fast jeder zweite Uni-Absolvent startet holprig in den Beruf. Denn das Studium bereitet kaum auf den Joballtag vor. Drei Berufseinsteiger erzählen von Stress, Therapiewünschen und einer Notausstiegs-Option.

Die Uni gibt ihren Absolventen im günstigsten Fall allerhand mit auf den Weg: solides Fachwissen plus Fähigkeit zu wissenschaftlicher Arbeit plus vielleicht die Peilung für eigenständiges Denken. Doch die meisten haben beim Lernen für Credits und Abschluss ein konkretes Ziel im Visier - einen möglichst festen und gut bezahlten Job.

Beim Berufsstart ist jeder allein und erfährt meist erst mitten unter den neuen Kollegen: Wie gut ertrage ich Hektik, Frust, starke Belastung? Und hat mich mein Studium ausreichend auf den Berufsalltag vorbereitet?

Forscher des Hochschul-Informations-Systems (HIS) haben ermittelt, dass 83 Prozent der jungen Akademiker während des Studiums ein Praktikum oder ein Praxissemester absolvieren. Trotzdem strauchelt fast die Hälfte im ersten ernsthaften Job: "Knapp die Hälfte der Absolventen fühlt sich beim Berufseinstieg überfordert", sagt HIS-Mitarbeiter Kolja Briedis.

Die Hochschulen kümmern sich ihm zufolge zu wenig um Berufsorientierung. Allerdings überschätze auch ein Teil der Studenten die praktische Anwendbarkeit ihres Hochschulwissens. Geisteswissenschaftler zum Beispiel würden darauf bei der Gestaltung ihres Studiums weniger achten als Kommilitonen anderer Fachrichtungen, sagt Briedis. Allerdings schätzten sie ihre Möglichkeiten oft realistischer ein als angehende Betriebswirte - die dann oft deprimierter sind als die genügsameren Denker.

Die Sorgen der Berufseinsteiger ähneln sich - das zeigt die HIS-Befragung von 10.000 Absolventen des Jahrgangs 2005 ganz deutlich. Arbeitsüberlastung und Termindruck belasten 41 Prozent. Hinzu kommen fehlendes Feedback, zu schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, unüberschaubare Entscheidungsprozesse oder schlicht Überforderung.

Zum Frustfaktor kann es aber auch werden, wenn Absolventen sich unter ihrem Niveau beschäftigt und unterfordert fühlen. Das Problem trifft vor allem jene, die ihre erste Stelle eher als Überbrückung zu einem besseren Job sehen.

Besser rechtzeitig die Reißleine ziehen

Dass der Start für die Neuen gelingt, sei auch Aufgabe der Arbeitgeber, sagt Wolfgang Lichius vom Fachverband Personalberatung im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater. Nicht nur auf die Vorbereitung komme es an, "die Unternehmenskultur ist genauso bedeutend". Da müsse der Bewerber eben hineinpassen, doch das könnten auch sorgfältige Jobinterviews und Assessment-Center nicht immer sicherstellen.

Um Stolperfallen zu umgehen, brauche es einen ehrlichen Austausch der Erwartungen, sagt Lichius und sieht vor allem die Arbeitgeber in der Pflicht. Wenn Bewerber und Firma aber nicht zueinander passen, sollte der Bewerber besser rechtzeitig selbst gehen.

"Ein Berufsanfänger muss nicht alles schlucken", sagt Lichius; ein gewisses Maß an Kompromissbereitschaft sei allerdings gerade im Abschwung nötig. Der Personaler rät Unternehmen, Neulingen möglichst Paten zur Seite zu stellen, die Interna erklären können - "das kann das Einleben wesentlich erleichtern".

Drei Erfahrungsberichte: Jule, Christian und Charlotte erzählen, was ihnen den Start verhagelt hat - und wann nur noch ein Jobwechsel hilft:

Jule*, 28, Account-Mangerin - "Wir verpfeifen uns nicht"

"An vielen Tagen arbeite ich bis zu zwölf Stunden, 50 Stunden pro Woche im Büro sind nicht selten, teilweise muss ich noch am Wochenende ran. Bezahlt kriege ich die Mehrarbeit nicht, Abbummeln erlauben meine Chefs auch nicht.

Den Beruf habe ich vor zwei Jahren nicht unbedingt freiwillig gewählt. Mir war aber bewusst, dass ich einen Traumjob nicht gleich nach dem Abschluss ergattern werde. An meiner jetzigen Firma reizte mich, dass es ein junges Unternehmen ist. Weil man in fast allen Bereichen mitarbeitet, lernt man mehr und kann schnell aufsteigen, wenn es gut läuft, so meine Gedanken beim Einstieg.

Inzwischen hält sich meine Motivation in Grenzen. In der jetzigen Position fühle ich mich einerseits wohl, andererseits aber auch oft überfordert. Nicht weil ich zu blöd für den Job wäre, sondern weil ich zu viel auf einmal tun muss.

Während andere Abteilungen neue Stellen bekamen, durfte ich immer nur Praktikanten einarbeiten. Bei Großprojekten verliere ich manchmal einfach den Überblick. Beim aktuellen Auftrag muss ich rund 30 freie Mitarbeiter koordinieren, die für uns Übersetzungen machen. Dieser Job geht aber gerade den Bach runter, weil die Freien die Fristen nicht einhalten.

Eine gesunde Portion Sarkasmus hilft

Mein Glück ist, dass brenzlige Situationen meist unbemerkt bleibt. Meine Chefs interessiert das nicht sonderlich, oder sie bekommen es gar nicht erst mit. Ich arbeite recht eigenständig, außerdem verpfeifen wir uns untereinander nicht.

Das schlimmste Gefühl ist oft die Ohnmacht. Ich bin völlig von den freien Mitarbeitern abhängig - wenn sie schlecht arbeiten oder unpünktlich liefern, bin ich die Dumme. Verständlicherweise sind am Ende die Kunden stocksauer, was wiederum ich abkriege.

Ich stehe zwischen den Fronten, den Kunden muss ich beruhigen und die freien Mitarbeiter in die Mangel nehmen. Gegenüber dem Stress bin ich aber inzwischen abgestumpft. Natürlich geht nicht alles schief. Es gibt auch gute Momente, wenn Kunden mal ein Lob aussprechen. Das passiert aber äußerst selten.

Ende des letzten Jahres habe ich beschlossen, noch etwas abzuwarten, vielleicht geht das Konzept des Unternehmens tatsächlich auf. Mittlerweile schaue ich mich aber nach einer neuen Stelle um. Zum Ausgleich für all den Stress habe ich mit Yoga angefangen und mir eine gesunde Portion Sarkasmus zugelegt. Das nützt mir sicher auch im nächsten Job."

Christian Hennig, 27, Informatiker - "Ich erledigte nur noch das Nötigste"

"Während meines Studiums war ich nicht davon überzeugt, dass ich das Zeug für die Forschung hätte. Aber als ich ein Praktikum bei einem großen IT-Unternehmen machte, fehlte mir der Freiraum für eigene Ideen. Bei Gesprächen sagten mir ein paar Uni-Mitarbeiter, dass es in der Forschung für meine Vorstellungen eher Möglichkeiten gebe. Man könne dort eigene, manchmal auch unsinnige Projekte verfolgen und erproben.

Die Promotion führte mich 2009 nach Berlin. Meine Erwartungen waren eher vage, da ich keinem konkreten Thema oder Projekt zugeteilt war. Die Ideenfindung lief sehr schleppend und zog sich über Monate hin. Besonders fehlte mir der Gedankenaustausch, der eine solche Arbeit befruchten kann.

Ich regte bei meinem Doktorvater ein wöchentliches Meeting an, bei dem jeder kurz seinen Forschungsstand und sein aktuelles Problem darstellen sollte. Der Doktorvater sagte nur, dass der letzte Versuch wöchentlicher Treffen zum Kaffeeklatsch verkommen sei - das war's dann.

Nach ein paar Nächten des Grübelns: Schluss mit der Promotion

Nach etwa vier Monaten durfte ich an einem Aufsatz mitarbeiten, lieferte allerdings nur Zahlenmaterial zu. Das war nicht wirklich das, was ich mir unter Teamarbeit vorstelle. Mein Name stand zwar bei den Autoren, aber in der entscheidenden Phase blieb ich außen vor. Ich war unzufrieden und fuhr zunächst unbewusst meine Leistung runter. Weil das nicht weiter auffiel, erledigte ich bald nur noch das Nötigste. Wollte ich die nächsten fünf Jahre meines Lebens so weitermachen?

Ich besuchte ein paar Jobmessen, die Gespräche gaben mir bald wieder Zuversicht. Die Firmen waren an mir interessiert, ich war überzeugt, meine Fähigkeiten sinnvoller einbringen zu können als an der Uni. Nach ein paar Nächten des Grübelns stand mein Entschluss fest, die Promotion zu canceln.

Mein Doktorvater hatte Verständnis und unterstützte mich sogar. Dennoch möchte ich das Jahr in der Forschung nicht missen. Manchmal muss man sich eben eingestehen, dass etwas nicht erreichbar ist und man sich verändern muss.

In meinem aktuellen Job als Softwareentwickler habe ich endlich das Gefühl, etwas von Wert zu schaffen und Anerkennung dafür zu erhalten. Die Ergebnisse meiner Arbeit werden eingesetzt, darauf bin ich stolz."

Charlotte*, 29, Produkt-Managerin - "Es fühlte sich an wie eine Niederlage"

"Der ersten Schritt in meinen Job führte vor drei Jahren über ein Marketing-Praktikum. Zu dieser Zeit wirkte die Firma cool, lebendig, jung, dynamisch, es machte Spaß dort zu arbeiten. Ich hinterließ einen guten Eindruck und bekam anschließend eine Festanstellung. Schnell bemerkte ich aber, dass es kaum Konstanten oder richtige Strukturen gab - weder bei den Kollegen noch bei den Aufgaben.

Bisher durchlief ich mehrere Arbeitsbereiche. Die ständigen Wechsel und Anpassungen wurden bald sehr anstrengend, alle und alles waren austauschbar. Nach einem Jahr erdrückte mich diese Situation immer mehr. Es gab Momente, in denen ich meine zentralen Aufgaben nicht kannte. Meine Chefs übten stetig höheren Druck aus, fortwährend musste ich eine Daseinsberechtigung liefern. Es ging nur noch darum, seinen aktuellen Bereich zu verteidigen.

Ich fühlte mich eingeengt, Angst gewann die Oberhand. Ständig fragte ich mich, wie ich den Ansprüchen überhaupt gerecht werden kann. Bei der Arbeit hatte ich niemanden, mit dem ich mich austauschen konnte. Die Firma saugte mich aus.

Bis zum Jahresende will ich einen neuen Job finden

Irgendwann fingen sogar Freunde an, mich auf meinen Zustand anzusprechen. Ich redete ständig nur von meinem Job und über das, was mich bedrückte. Dabei weinte ich oft. Die fröhliche Charlotte, die meine Freunde kannten, gab es nicht mehr.

Schließlich ging ich in Psychotherapie. Ich holte mir eine Krankschreibung, es fühlte sich wie eine Niederlage an. Im Nachhinein war es jedoch genau die richtige Entscheidung. Das war der erste Zeitpunkt, an dem ich die Kraft besaß, das Thema auch bei meinen Chefs anzusprechen, ohne dass mir dabei Tränen in die Augen schossen. Die Kollegen zeigten viel Verständnis, einige meinten aber auch, ich nähme mir alles zu sehr zu Herzen.

Die Therapie stärkte mich und gab mir neue Energie. Allerdings funktioniert das auch nicht immer. Daher suche ich jetzt nach Alternativen. Bis zum Jahresende will ich einen neuen Job finden, das steht für mich fest. Ich hab auch wieder Spaß am Arbeiten mit Stoffen und am Nähen gefunden. Am glücklichsten wäre ich, wenn ich einen eigenen Laden hätte. Aber erst einmal hat mich der Arbeitsalltag wieder."

(*Namen geändert)

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