Berufschancen für Juristen Nobeladvokat oder Anwaltsproletariat?

Hinterher ist man meistens klüger - nur ist es dann manchmal schon zu spät. Das gilt auch für junge Juristen. Hartnäckig glauben sie daran, dass man "mit Jura alles werden kann". Doch der Arbeitsmarkt ist äußerst angespannt. Und als Anwalt zu starten, wird für viele zur Berufsfalle.

Von Tobias Gostomzyk


Nur das BWL-Studium ist bei Abiturienten noch beliebter als die Rechtswissenschaften. Das Interesse an der Juristerei ist ungebrochen. Das mag an Fernsehserien wie "Ally McBeal" oder "Edel & Starck" liegen, an den gehobenen Einkommenserwartungen oder daran, dass Juristen als Spezialisten fürs Allgemeine gelten und "eigentlich alles können". In der Realität jedoch schrumpfen die Perspektiven rasch: 90 Prozent der Jurastudenten wollen Anwalt werden, wie eine Untersuchung des Gladbecker Soziologen Christoph Hommerich ergab.

TV-Serie Ally McBeal: Der Juristen-Alltag bietet etwas weniger Glamour
AP

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Damit streben Nachwuchsjuristen scharenweise in einen äußerst angespannten Sektor des Arbeitsmarktes. Nach Angaben der Bundesrechtsanwaltskammer stehen derzeit rund 210.000 berufstätigen Juristen über 115.000 Jurastudenten gegenüber. Allein die Zahl der Rechtsanwälte hat sich in den letzten zehn Jahren um 81 Prozent auf über 116.000 erhöht. Jährlich kommen 6000 bis 7000 Anwälte hinzu. Und bereits Mitte des vergangenen Jahres verzeichnete die Bundesanstalt für Arbeit 7000 Rechtsberater auf Stellensuche.

"Ich mache erst mal das Staatsexamen" - diese Antwort genügt nicht mehr auf die Frage nach der beruflichen Zukunft. Gute bis sehr gute Chancen, ob im Staatsdienst, in der Wirtschaft oder bei Großkanzleien, haben allein Bewerber mit Prädikatsexamen oder anderen, für einen bestimmten Job passgenauen Qualifikationen.

Die Not mit den Noten

Alle anderen müssen sich nach der Decke strecken. Gemessen an der Ausbildungsdauer warten nicht selten unbefriedigende Arbeitsbedingungen: Vom "Discount-Juristen" ist die Rede, wenn Tätigkeiten im Rechtsauskunfts-Callcenter oder in Rechtsberatungsecken von Kaufhäusern für das Auskommen sorgen.

Jurastudenten: Wenn schon nicht Richter, dann Anwalt
[M]:AP;mm.de

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Auch der Schritt in die Selbstständigkeit bietet nur selten einen Ausweg. Als freiberufliche Rechtsanwälte haben Juristen nur mäßige Erfolgsaussichten, besonders als Berufseinsteiger unmittelbar nach dem zweiten Staatsexamen. So gaben im vergangenen Jahr 15 Prozent der Einzelanwälte zwischen 27 und 39 Jahren ihre Berufszulassung zurück. Wer nicht das Handtuch wirft, verfügt häufig über ein Nettoeinkommen zwischen 1800 und 2000 Euro. Die Kluft zwischen Nobeladvokaten und einem Anwaltsproletariat wächst also.

Für den Berufsstart haben nach wie vor die Examensnoten die größte Bedeutung - schon um überhaupt zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Während Studenten anderer Fächer serienweise Traumnoten abräumen, sind bei Juristen allerdings dürftige Notendurchschnitte an der Tagesordnung. "Gute Noten sind das Wichtigste, aber nicht alles", beschreibt Petrus Gerbaulet, Personalberater bei TMP/Hudson Global Resources, die gängige Haltung der Arbeitgeber.

SPIEGEL-Ranking (von 1999): Wie Jurastudenten ihre Unis bewerten

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Ausnahmen gibt es durchaus. "In unserer Kanzlei - zumindest bei mir - läuft das anders", erzählte Alexander Unverzagt, Rechtsanwalt einer renommierten Hamburger Sozietät im Magazin "kunstrecht.de", "bei vielen unserer Leute habe ich kein einziges Mal ins Zeugnis geschaut, sondern habe nach einem persönlichen Gespräch entschieden: 'Der ist es!'."

Über die Berufschancen entscheidet auch eine Reihe weiterer Auswahlkriterien, zum Beispiel die Studiendauer. Nach Angaben von Sigmar Gleiser vom Hochschulteam des Arbeitsamtes Frankfurt wird das Jurastudium nach durchschnittlich zehn Fachsemestern abgeschlossen. Damit sind die Absolventen nach der ersten Staatsprüfung in der Regel 26 bis 27 Jahre, nach dem zweiten Staatsexamen 28 bis 29 Jahre alt. Wird dieses Zeitraster wesentlich überschritten, brauchen Juristen schon in den Bewerbungsunterlagen eine gute Erklärung.

Seht zu, dass ihr Land gewinnt!

Zu den wichtigsten Zusatzqualifikationen zählen Fremdsprachenkenntnisse und Auslandsaufenthalte, die interkulturelle Kompetenz belegen. "Ich kann nur jedem sagen: möglichst früh raus!", unterstreicht Friedrich-Carl Wachs von der deutsch-englischen Großsozietät Taylor-Wessing. Bewerber sollten sich nach Ansicht des Berliner Anwalts auf dem internationalen Parkett souverän bewegen. "Dazu gehört auch, aus dem Stand mal eine kleine Rede halten zu können."

Studiendauer: Juristen sind besonders schnell
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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Computerkenntnisse sind bei Arbeitgebern ohnehin willkommen, aber auch die Promotion steht bei Absolventen weiter hoch im Kurs. Allerdings empfiehlt Arbeitsmarktexperte Sigmar Gleiser, sich genau Rechenschaft abzulegen, wozu der Doktorgrad dienen soll: "Wird mit dem Ziel promoviert, nicht an der Hochschule zu bleiben, sollte man möglichst ein praxisbezogenes Thema wählen und beim Abschluss das Alter von 30 Jahren nicht weit überschreiten."

Nicht zu unterschätzen sind erste Berufserfahrungen durch Praktika sowie außerfachliche Qualifikationen - die "Academy of Life". Der frühe Blick in die Praxis hilft dabei, den fachlichen Schwerpunkt richtig zu setzen, Arbeitszeugnisse zu sammeln und vor allem ein Netzwerk zu knüpfen, das den Berufseinstieg erleichtert. Daneben schlägt die Mitarbeit in Institutionen des gesellschaftlichen wie politischen Lebens günstig zu Buche. "Solches Engagement lässt Rückschlüsse auf das soziale Verhalten zu, auf die persönlichen Eigenschaften sowie Organisationstalent, Durchsetzungsvermögen, Kreativität und Belastbarkeit", meint Gleiser.

Nur im Team sind Rechtsberater gut

Nicht umsonst findet man in Stellenanzeigen regelmäßig den Hinweis auf soziale und kommunikative Kompetenz. Recht zu sprechen ist nicht nur für den Richter ein kommunikativer Akt; auch beratend arbeitenden Juristen stehen in ständigem Kontakt zu Mandanten und Kollegen. Teamarbeit sei für Juristen besonders wichtig, sagt Katja Fleschütz, Anwältin bei der Kanzlei Lederer, Merget & Kollegen: "Bei der unübersichtlichen Materie, der wechselhaften Gesetzgebung und dem hohen Anspruch an die juristische Beratung kann man nicht gut genug sein, wenn man nur alleine arbeitet."

Alternativen jenseits der klassischen juristischen Berufsbilder finden Juristen zum Beispiel als Unternehmensberater, Informationsbroker, Öffentlichkeitsarbeiter oder Journalisten. Recherchieren und Analysieren, Strukturieren und Präsentieren haben sie schließlich gelernt - und können damit zwar noch nicht alles, aber deutlich mehr, als viele zu können glauben.

In jedem Fall müssen Jurastudenten früh an später denken, um sich Berufschancen zu erarbeiten. Denn eine günstigere Arbeitsmarktlage ist nicht in Sicht. Den meisten Nachwuchsjuristen wird der Rat des Münsteraner Medienrechtsspezialisten Prof. Dr. Thomas Hoeren eher akademisch als praktikabel erscheinen: "Die Studienzeit nutzen, nicht nur an die Karriere denken, sondern sich ausprobieren." Aber Recht hat er schon.

Tobias Gostomzyk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle "Recht und Innovation" an der Universität Hamburg

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