Berufseinstieg für Postdocs "Uni kann entfremden"

Viele Nachwuchswissenschaftler hängen an die Promotion zunächst eine Postdoc-Phase an. Wer anschließend in der Wirtschaft arbeiten will, kann Probleme bekommen. Denn neben Qualifikation und Auslandserfahrung spielt auch das Alter eine wichtige Rolle.


Junger Physiker (in Jena): Nach der Postdoc-Phase kann es schwierig werden
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Junger Physiker (in Jena): Nach der Postdoc-Phase kann es schwierig werden

Sehen so künftige Bankangestellte aus? Nicht einmal Gunta Saul-Soprun konnte sich das bei so manchem Kandidaten vorstellen, dem sie im Rahmen eines Vorbereitungskurses des Arbeitsamtes gegenübersaß. Dabei fehlte es den Kursteilnehmern keineswegs an Qualifikation - alle waren Akademiker -, sondern an einer beruflichen Perspektive. Sie waren Langzeitarbeitslose und sollten nun in den Kreditinstituten zu Bankangestellten umgeschult werden.

"Ich habe vor meinem Studium selbst als Bankangestellte gearbeitet", sagt Saul-Soprun, "mir war sofort klar, dass einige der Kursteilnehmer dort nie glücklich werden würden." Diese Leute seien viel zu lange an der Universität gewesen, um sich nochmals auf etwas Neues einlassen zu können. "Manchen war nicht einmal klar, dass sie in der kommenden Woche nicht einfach im Pullover bei ihrem neuen Arbeitgeber auftauchen konnten." Die gelernte Soziologin hat 1995 die Firma Academic Consult in Dreieich nahe Frankfurt gegründet, um Studenten und Doktoranden bei der Planung einer wissenschaftlichen Karriere zu beraten.

Ab 30 wird der Berufseinstieg schwierig

Das Beratungsunternehmen Boston Consulting Group (BCG) schätzt Bewerbungen von Postdocs, sagt Just Schürmann, Recruiting Director für Deutschland. Allerdings müsse die Postdoc-Phase das Gesamtbild eines Bewerbers ergänzen oder zumindest abrunden. "Wer als Postdoc ins Ausland geht oder ein Forschungsprojekt vorantreibt, erweitert seine Fähigkeiten und Erfahrungen", so Schürmann. Ein Ausschlusskriterium ist laut Schürmann allerdings das Alter: "Ab Mitte 30 ist der Berufseinstieg bei uns nicht mehr möglich." Man habe die Erfahrung gemacht, dass dann die Integration in Projektteams schwierig werde, deren Leiter teils deutlich jünger seien.

Beraterin Saul-Soprun: "Sozialphobisches Verhalten"

Beraterin Saul-Soprun: "Sozialphobisches Verhalten"

"Im Forschungsbereich beschäftigen wir überwiegend Postdocs", sagt Ursula Fuggis-Hahn, Personalleiterin für die Bereiche Medizin, Forschung und Entwicklung beim Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim. Wegen der internationalen Ausrichtung schätze man dabei einen Auslandsaufenthalt.

Auch Karriereberaterin Saul-Soprun hält eine Postdoc-Phase "für eine akzeptable Herangehensweise, um möglichst lange Zeit viele Erfahrungen zu machen". Aber spätestens mit der Gründung einer Familie wollten die meisten Akademiker eine Perspektive, hat sie beobachtet. Aufrüttelnd wirkte da wohl auch die Novellierung des Hochschulrahmengesetzes im vergangenen Jahr: "Seitdem ist die Zahl der Einzelberatungen sprunghaft angestiegen", stellt Saul-Soprun fest.

Professor - oder gar nichts

Durch die Novellierung des Gesetzes ist die Befristung der Arbeitsverträge von wissenschaftlichen Mitarbeitern an Hochschulen und staatlichen Forschungseinrichtungen reglementiert. Durften befristete Verträge zuvor bei einem bestimmten Arbeitgeber die Gesamtdauer von fünf Jahren nicht überschreiten, so ließ sich das leicht durch einen Wechsel der Einrichtung unterlaufen.

Dieses Schlupfloch gibt es nun nicht mehr. Seitdem bezieht sich die Höchstdauer befristeter Arbeitsverhältnisse auf die Person: Wer die Promotion noch nicht abgeschlossen hat, kann Zeitverträge mit einer Gesamtlaufzeit von maximal sechs Jahren bekommen. Nach der Dissertation sind weitere sechs Jahre möglich; hat man die Phase bis zur Promotion nicht voll ausgeschöpft, kann man die verbliebene Zeit anhängen.

Damit will der Gesetzgeber das Ausufern von Zeit- und Anschlussverträgen unterbinden. Er unterstellt dabei aber auch, dass alle Arbeitsplätze in der Zeitspanne zwischen Abschluss des Studiums und Habilitation der weiteren wissenschaftlichen Qualifikation dienen. "In der universitären Wissenschaft kann man entweder Professor werden oder gar nichts", so Karriereberaterin Saul-Soprun.

"Es gibt viele schüchterne Naturwissenschaftler"

Diese Erkenntnis setze sich bei manchem Akademiker viel zu spät durch. Während Academic Consult ursprünglich vor allem Geisteswissenschaftler bei der Beratung im Auge gehabt habe, nehme inzwischen die Zahl der Naturwissenschaftler bei den Einzelberatungen zu.

"Es gibt viele schüchterne Naturwissenschaftler", sagt Saul-Soprun, "und die Strukturen des Wissenschaftsbetriebes begünstigen zunächst dieses sozialphobische Verhalten." Die Beraterin empfiehlt deshalb allen Studenten, sich über die Frage "Wissenschaft oder Wirtschaft?" möglichst früh im Klaren zu werden.

"Uni kann entfremden", hat auch Josef Fritsch, Personalleiter bei Siemens für den Bereich Unternehmensforschung, festgestellt. Wer fünf bis acht Jahre als Postdoc tätig gewesen sei, dürfe keine unspezifischen Kenntnisse über die für Siemens relevanten Themen haben, wenn er sich bewerbe. Und da viele frisch Promovierte bereits Auslandsaufenthalte mitbrächten, "kann das einzige Alleinstellungsmerkmal eines Postdocs seine inhaltliche Arbeit sowie Projekt- und Führungsverantwortung sein".

Von Michael Vogel, Jobpilot.de

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