Berufsstart Wie Unternehmen Elite-Studenten umschwärmen

Wie lassen sich die Besten unter den Studenten anwerben? Die Unternehmensberatung McKinsey buhlt mit Luxus-Seminaren um die Führungskräfte von morgen. So durften die Talente in Barcelona "Ich bin ein kleiner Berater" spielen.


Sie sieht klasse aus: braune, schulterlange Haare, volle Lippen, die Sonnenbrille meist lässig ins Haar geschoben. Und sie ist klug, richtig klug: Abi-Schnitt 1,3, eine der besten Studentinnen für Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Karlsruhe. Christiane Barz, 21, weiß, dass sie begehrt ist ­ und das nicht nur bei ihren männlichen Kommilitonen. Studienschwerpunkt Informatik, exzellente Noten, ehrgeizig und weiblich ­ damit gehört sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt, wo Zehntausende Informatiker und Ingenieure verzweifelt gesucht werden, zu den kommenden Superstars. Eines aber hasst die junge Frau aus der Umgebung Nürnbergs: "Gefördert zu werden, nur weil ich eine Frau bin. Es gibt nur einen einzigen Grund, mich auszuwählen", so Barz selbstbewusst, "weil ich etwas kann." Christianes Gastgeber im Hotel "Fira Palace" in Barcelona hielt sich an die Vorgabe: Die Unternehmensberatung McKinsey hatte in die gediegene Vier-Sterne-Unterkunft nur Studenten eingeladen, die zu den Besten unter den Besten gehören, Hochschüler de luxe eben ­ 29 junge Männer, 5 Frauen, aus Hunderten Bewerbern herausgefiltert und zum "Spring Seminar" in die spanische Metropole geflogen. "Erst mal sehen, was die so bieten" Das so genannte Business Technology Office (BTO) der Firma, die Sondereinsatztruppe für Fragen in Zusammenhang mit Informationstechnologie, benötigt dringend neue Kräfte für seinen globalen Kreuzzug. Noch vor zwei Jahren hieß es in der Wirtschaftspresse, McKinsey habe das Internet verschlafen. Das war nicht schön für ein Unternehmen, das sich selbst ganz unbescheiden nur "the firm" nennt. "In diesem Job zählt nur Leistung, da darf sich niemand Illusionen machen", weiß Wirtschaftsstudent Christian Binder aus Jena. Der 25-Jährige, der mit "dem Begriff Elite keine Probleme" hat, absolvierte bereits vor Beginn des Studiums ein zweijähriges Trainee-Programm bei einer Londoner Investmentbank und verkaufte anschließend in Frankfurt am Main eineinhalb Jahre lang Wertpapiere an institutionelle Anleger. Wie die meisten der Top-Studenten will auch Binder später einmal viel Geld verdienen ­ aber der Kontostand allein ist für jemanden wie ihn langweilig: Er sucht zusätzlich eine spannende Aufgabe, gern auch im Ausland, und besondere Aufstiegsmöglichkeiten ­ um dann mit einigen Jahren Erfahrung vielleicht ein eigenes Unternehmen zu gründen. McKinsey ist eine der "drei oder vier Companies", bei denen er sich vorstellen kann, nach dem Examen zu arbeiten. Aber: "Erst mal sehen, was die so bieten." Und das wolle er in den vier Tagen in Spanien testen. Talent-Reisen als Freizeitvergnügen Um die Elite von morgen zu gewinnen, reichen Anzeigen in Zeitungen, Kontaktmessen an Hochschulen oder AssessmentCenter nicht mehr aus. Akademiker mit den besten Noten, möglichst mobil und international, kreativ und selbstverständlich gigantisch motiviert, sind eine nur begrenzt verfügbare Ware. Deshalb rüsten die Firmen auf im "war for talents", den die Personalchefs der Weltunternehmen ausgerufen haben. Ein Segeltörn auf dem Mittelmeer, eine Konferenz in Buenos Aires, Bergsteigen mit Reinhold Messner oder doch lieber ein Schloss-Wochenende in Bayern? Wer die so genannten High Potentials, die fünf Prozent Besten, für sich rekrutieren will, der muss sich etwas einfallen lassen. Für manchen der zukünftigen Führungskräfte sind Talent-Reisen schon zu einem Freizeitvergnügen geworden. Ja, er war schon bei einem Technologie-Wochenende an der Côte d'Azur, so einer der Barcelona-Teilnehmer, ja, das war eine andere Beratungsfirma. Ja, Italien wäre auch einmal interessant.

McKinsey gilt als die renommierteste Unternehmensberatung der Welt: Über 8000 Berater schuften in 87 Büros in 41 Ländern für das heilige Ziel der Gewinnsteigerung. Die Firma arbeitet für rund 400 der 500 größten Konzerne und Unternehmen der Welt, in Deutschland für alle 30 im Börsenindex Dax notierten Gesellschaften. Der Jahresumsatz liegt bei 2,6 Milliarden Dollar. Die Zahl der Mitarbeiter wächst jedes Jahr um rund 15 Prozent. Allein die Zahl der Berater des BTO erhöhte sich weltweit von 57 im Jahr 1998 auf heute 528. Tendenz weiter steigend. Alle sind ganz locker und mit jedem per Du Aber McKinsey hat wie andere Unternehmensberatungen, etwa die Boston Consulting Group oder Roland Berger, ein Image-Problem: Die Männer in den blauen oder grauen Anzügen gelten bei vielen Studenten als kaltherzige Rationa-lisierer und rücksichtslose Job-Killer. Außerdem kennen, insbesondere in den technisch orientierten Studienfächern, noch zu wenige Studenten die Unternehmen. Informatiker oder Elektroingenieure denken beim Wort Karriere eher an Siemens oder BMW. In Barcelona haben die McKinsey-Berater den Schlips weggelassen und sich in Freizeitkleidung geworfen. Alle sind ganz locker und natürlich mit jedem per Du. Die Firma ist irgendwie eine große Familie, und das bekannte Motto "up or out", aufsteigen oder rausfliegen, gelte so natürlich nicht. "Wenn jemand nicht weiter nach oben kommt, dann muss man im Interesse beider Seiten eben eine Lösung suchen", erklärt einer der freundlichen Berater. Alles klar? Okay, es stimme, 60 Stunden sei die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche. Häufig in Hotels leben, das müssten die Mitarbeiter ebenfalls. Aber der berüchtigte Unternehmens-Leitspruch "Erst der Kunde, dann die Firma, zuletzt Du" werde heute nicht mehr so hart gesehen. Das Klischee von den "Jesuiten der Wirtschaft" habe ausgedient. Die McKinsey-Leute bemühen sich in den klimatisierten Konferenzräumen, dem Berater ein menschliches Antlitz zu verpassen. Beraterspiele im Kauderwelsch-Denglisch Dann dürfen die Studenten endlich "Ich bin ein kleiner Berater" spielen: Die Novizen der Gewinnmaximierung sollen einer Versicherung zu mehr Erfolg verhelfen. Vier Stunden analysieren sie Unternehmensdaten, entwickeln und verwerfen Strategien, schätzen die mögliche Kostenersparnis. Dabei wird nur noch im Kauderwelsch-Denglisch geredet. Da müssen "back-up-Informationen nach vorne zum client" gebracht, verschiedene "sales channels definiert" und "highly proprietary systems" kreiert werden. Plötzlich taucht die Frage auf: "Ist ein channel nicht einfach ein advice tool, ein interface irgendwie nach draußen, eben zum Kunden?" Tja, wer weiß das schon? Bei der anschließenden Präsentation zeigen die künftigen Dienstleister, dass sie ihre Lektionen schon gut gelernt haben: Leicht verständliche Folien werden per Overhead-Projektor an die Wand geworfen, sachliche Kommunikation soll für Glaubwürdigkeit sorgen, freundliches Auftreten den Kunden überzeugen. Jetzt natürlich alles in sauberem Englisch. Und es macht den Studenten Spaß, sie sind engagiert, als würden sie im Studentenwohnheim oder in der Wohngemeinschaft "Monopoly" spielen. Ein Manager von der Lufthansa Systems Group, der am Abend einen Gastvortrag hält, erweist sich als Supervitalo, der früher in der Ski-Nationalmannschaft war und daran glaubt, dass a) in Zukunft alles schneller geht, und b) alles automatisch per Computer. An der Lebenswirklichkeit der jungen Leute schrammt er jedoch flott vorbei. Die Aussage, dass man sich einen Porsche kaum leisten könne, vor allem weil Benzin und Versicherung so teuer seien, sorgt bei den Top-Beratern des nächsten Jahrzehnts für Verwunderung. Beim Coolness-Faktor liegt die New Economy vorn Dann geht es ab in die Wirklichkeit: Firmenbesichtigungen, darunter Traditionsunternehmen genauso wie Start-ups. Die Meinung der aufstrebenden Manager ist eindeutig: Die Old Economy ist langweilig und out, die New Economy macht Spaß und ist in. Zumindest was den Coolness-Faktor betriff, scheint der Börseneinbruch vom vergangenen Jahr folgenlos geblieben zu sein. Weil der umsorgte High-end-Student auch Abwechslung schätzt, ist das Freizeitprogramm im durchorganisierten 14-Stunden-Tag vom Feinsten. Die größte Sektkellerei der Welt, Codorníu, wird besichtigt, die seit über hundert Jahren im Bau befindliche Kirche "Sagrada Familia" des genialen Architekten Antoni Gaudí steht auf dem Programm, gegessen wird in edlen Restaurants, gern mit Blick auf den Hafen, und um Mitternacht reicht in der Hotelbar ein Barkeeper noch Drinks nach Wunsch. Niemandes Leistung werde beurteilt, versichert Peter Leukert aus dem BTO-Büro in Frankfurt am Main und einer der Organisatoren des Seminars den Teilnehmern. Es bekomme auch niemand einen Vertrag vorgelegt. McKinsey wolle vor allem Transparenz schaffen, Hürden abbauen, um Vertrauen werben. Die Konkurrenz macht schließlich das Gleiche. Wenn in den nächsten Jahren gerade einmal acht oder neun der eingeladenen Studenten bei McKinsey eine Stelle antreten, sei er zufrieden, erklärt er intern. Dann versichert er noch: "Bei solch einer Veranstaltung sind mir kritische Teilnehmer lieber, weil, nur wer sich wohl überlegt für McKinsey entscheidet, wird eine guter Mitarbeiter." Leukert meint das ernst. Markus Meister, 23, ein angehender Wirtschaftsingenieur aus Karlsruhe, auch: Er kann sich vorstellen, ein McKinsey-Mann zu werden. Ursprünglich wollte er einmal zu einer Bank, aber das Praktikum dort sei stupide gewesen. Angst zu scheitern habe er keine, nein, Stress sei für ihn reizvoll. Und eine Freundin könne er ja am Wochenende haben. "Berater ist schon ein Weg, glücklich zu werden", schwärmt Meister. Christiane Barz ist noch nicht so weit: Bei der Party in einer In-Disco am letzten Abend sorgt sie mit lockerem Hüftschwung für Unruhe unter den Jungs. Sie will vielleicht ein Praktikum bei McKinsey machen. Mal überlegen. Aber in einem ist sie sich sicher: "Du darfst denen nicht alles glauben." JOACHIM MOHR



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