Bewerbungen Maulhelden haben Vorfahrt

Vor dem Sprung ins Berufsleben steht meist ein Bewerbungsmarathon. Erfolgreich durchs Vorstellungsgespräch kommen nach einer Studie der FU Berlin nur Bewerber, die viel schwätzen und wenig Gefühle zeigen. Frauen haben dabei meist schlechtere Karten.

Von Alexander Hüsing


Bloß nicht nervös werden

Bloß nicht nervös werden

War es die rote Krawatte? Das blaue Kostüm? Habe ich die Fragen nicht richtig beantwortet? Oder war ich dem Personalchef zu nervös und unsicher? Nach einem Vorstellungsgespräch schießen jedem Bewerber unzählige Gedanken durch den Kopf. Aber woran hat es wirklich gelegen? Die Psychologin Monika Sieverding, 43, von der Freien Universität Berlin ist dieser Frage nachgegangen. Die Gastprofessorin am Institut für Arbeits- Organisations- und Gesundheitspsychologie untersuchte kürzlich, inwieweit eine souveräne Selbstdarstellung tatsächlich den Erfolg einer Bewerbung beeinflusst.

Als Versuchskaninchen dienten 37 Frauen und genau so viele Männer - alles Studierende der FU Berlin. Zur Bewerbungssituation gehörten ein schriftlicher Leistungstest, ein Vortrag zur Selbstdarstellung der beruflichen Situation und ein standardisiertes Bewerbungsinterview. Bei der Selbstdarstellung sollten die Bewerber in maximal fünf Minuten die eigenen Qualifikationen darstellen. Beim Interview wurden zehn typische Fragen wie "Was qualifiziert Sie eigentlich für die Stelle?" und "Wozu sind Sie sich zu schade?" gestellt.

Eine Ärztin und eine Psychologin ermittelten dann mit einer Videoaufzeichnung die Dauer des Vortrags zur beruflichen Selbstdarstellung und die Reaktionen auf die Frage "Welche Schwächen haben Sie?". Dabei achteten die beiden vor allen auf nonverbale Signale wie Gefühlregungen im Gesicht. Abschließend bewerteten sie die Testpersonen auf einer zehnstufigen Skala.

Das Ergebnis der Studie ist wenig überraschend: Bewerber, in deren Gesicht wenig Emotionen abzulesen waren und die lange über sich selbst gesprochen haben, wurden besser beurteilt. Der Gradmesser für Erfolg ist offenbar die Sprechzeit. Im Schnitt sprachen die Testpersonen 136 Sekunden. Nur jeder vierte nutzte die vorgegebene Zeit voll aus. Besonders maulfaulen Bewerbern reichten sogar magere 50 Sekunden Sprechzeit.

Deutliche Unterschiede zeigten sich in der Rededauer von Männer und Frauen. Frauen sprachen im Schnitt eine Minute weniger als Männer. Laut Sieverding ist dies darauf zurückzuführen, dass Frauen häufig ihre Kompetenzen unterschätzen und das "Anpreisen" eigener Fähigkeiten als unangenehm empfinden. Frauen müssten lernen ihre eigenen Fähigkeiten zu erkennen, um diese an andere vermitteln zu können. Einen Ausweg aus dem Dilemma sieht Sieverding in professionellen Bewerbungstraining oder schlicht im Üben mit Freunden.

Wenn es beim Vorstellungsgespräch dann immer noch nicht klappt, kann es auch an ganz anderen Dingen liegen: Nach einer Studie der britischen Coventry University haben blonde Frauen immer schlechtere Karten. In einer Versuchsreihe wurden 120 Männern und Frauen Fotos eines Models vorgelegt - jeweils mit einer blonden, dunkelblonden, braunen und roten Perücke. Als Blondine machte das Model auf die Testpersonen den unintelligentesten Eindruck. Nach Professor Hans Wolf von der Dermatologischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München können aber auch Männer mit ihrem Haaren Probleme haben: Glatzköpfe haben nämlich deutlich geringere Chancen, wenn sie sich auf Jobsuche begeben.



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