Bewerbungen Witzischkeit kennt durchaus Grenzen

Im Internet ticken die Uhren anders, Dresscodes sind tot, selbst die Chefs geben sich betont lässig. Wirklich? Bei der Bewerbung ist schnell Schluss mit lustig - auch in der New Economy zählt der Inhalt mehr als eine zwangswitzige Verpackung.


Mit der neuen Lockerheit in der Dot.com-Branche ist es nicht weit her. Das jedenfalls meint Janina Strobel: "Für meine Traumstelle in einer Internetagentur wollte ich etwas Außergewöhnliches machen, damit meine Bewerbung interessant und spannend ist", erzählt die 27-jährige Publizistin.

In ihre Bewerbungsmappe legte sie einige Snickers mit einem kleinen Zettel. "Wenn's mal wieder länger dauert", stand darauf, wie in der Werbung. "Das sollte die Personaler ein bisschen zum Schmunzeln und mich ins Rennen bringen. Aber das hat wohl nicht geklappt", analysiert die Hamburgerin ihre vermeintlich witzige Bewerbung, "ich habe nicht einmal eine Einladung zum Gespräch bekommen!"

Bewerbungsberaterin Gitte Härter wundert sich darüber kaum und warnt: "Ganz generell sollte aufpassen, wer witzig sein will. Außergewöhnlich sein und dadurch aus der Masse hervorstechen, ist wunderbar. Aber nicht jeder Gag ist auch originell." Und sie macht auch die Konsequenzen des schlechten Humors klar: "Unpassendes bringt Ihre Bewerbung gleich auf den Absagestapel - oder kann Ihre ansonsten gute Bewerbung gleich etwas ins falsche Licht rücken."

Keine Zeit für Schnickschnack und Kinkerlitzchen

Die meisten Personaler winken ab bei der Frage nach originellen Bewerbungen: "Wir haben wenig Zeit und müssen gute Fachleute finden - da bleibt keine Zeit für Schnickschnack und Kinkerlitzchen", sagt Personalchef Holger Ahrens. In seiner Hamburger Medienagentur gehen wieder verstärkt sachliche, nüchterne und aussagekräftige Mappen ein. "Immer mehr Bewerbern wird offensichtlich klar: Auch in der New Economy gelten die alten Regeln - auch wenn das nicht immer so war", sinniert der 37-Jährige.

Im Klartext für die Bewerber: Nicht witzig und originell muss das Anschreiben sein, sondern informativ. Und auch beim Lebenslauf erwarten die Personaler nüchterne Information statt inhaltslosen Geschwafels, das nur ein bisschen optisch aufgepeppt ist. "Meist verrät die Sprache der Anzeige, welche Art der Bewerbung gewünscht wird", sagt Personalberater Peter Herdegen, "ist ihr Stil eher klassisch, wird das auch von der Bewerbung erwartet. Ist sie etwas lockerer und frecher gestaltet, gibt es für den Kandidaten natürlich auch mehr Spielraum."

"Wohin mit dem Klavier"-Auftritte kommen schlecht an

Mehr als Stil und Kreativität des Bewerbers zählt ohnedies der Inhalt der Bewerbung. Auch in der New Economy möchte der Personalverantwortliche im Zweifel wissen, was der Bewerber kann und nicht, ob er originell oder witzig ist.

Auch im Bewerbungsgespräch weht mittlerweile in den meisten jungen Unternehmen ein anderer Wind - ein kälterer. Denn die jungen, wilden Start-ups von gestern sind heute ernst zu nehmende Wirtschaftsunternehmen mit vielen Personalprofis in den eigenen Reihen. Wer das ignoriert, vergreift sich in der New Economy schnell im Ton.

Lockeres Plaudern im jovialen und kumpelhaften Ton ist im Interview kaum noch angesagt. "Als ich zum ersten Mal ein Gespräch in einem Internet-Start-up hatte, wollte ich ganz besonders locker wirken", verrät der Informatiker Kayan Göskens, "aber mein Hey-hier-bin-ich-Auftritt ging nach hinten los, und mein freundschaftliche Hallo zur Begrüßung wurde mit einem distinguierten 'Guten Tag' abgebügelt - ich kam mir ziemlich blöd vor."

Im Zweifel lieber eine klassisch-spaßfreie Bewerbung

Der Stil der Bewerbung also scheint klassischer zu werden - aber werden es auch die Anforderungen an neue Mitarbeiter? Fachliches Know-how haben die Firmen schon immer von ihren Mitarbeitern erwartet, in der Old wie in der New Economy. Daneben sind verstärkt die Soft Skills gefragt. Darunter verstehen die Unternehmen zum Beispiel eine eigenständige Persönlichkeit - aber auch Einfühlungsvermögen, Teamfähigkeit, korrektes Kommunikationsverhalten oder Kritikfähigkeit und Stressresistenz.

Die Meinungen driften auseinander, ob Bewerber bei Unternehmen der New Economy die "weichen" oder "harten" Qualifikationen in den Vordergrund stellen sollen. Karriereautor Torsten Knobbe setzt auf die Soft Skills: Schlüsselqualifikationen sind überlebenswichtig im Job. Wer sie nicht hat, verliert unweigerlich den Anschluss", behauptet er in seinem Buch "Kernkompetenzen für Ihren Erfolg - Was im Job wirklich zählt".

Personaler Ahrens sieht das anders: "Natürlich müssen die Leute ins Team passen - das ist klar. Aber was soll ich mit Soft Skills? Wir wollen doch nur gemeinsam Erfolg - und nicht das Leben miteinander verbringen!" Know-how oder emotionale Intelligenz? Für die Bewerber ist also nicht klar, was von ihnen erwartet wird.

Vielleicht einfach beides, behauptet zum Beispiel Rudolf Vogler: "Die Vermittlung von Hard Skills ist hier zu Lande immer noch dominant. Dabei ist erst die Kombination beider Fähigkeiten ein Garant dafür, das gesamte Potenzial eines Unternehmens freizusetzen." Und er muss es eigentlich wissen. Mit seinem Unternehmen Qualification network GmbH beschäftigt Vogler sich seit immerhin acht Jahren mit der didaktischen Vermittlung von Soft Skills - für Unternehmen in der New wie in der Old Economy.

Von Oliver Mest, jobpilot.de



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.