Bewerbungs-Party Schaulaufen am Rhein

Für diese Party muss man sich erst bewerben: Die Modekette Peek & Cloppenburg buhlt mit ihrer Kölner "Karrierelounge" um junge Management-Talente. Bei Drinks, Tanz und Modenschau sollen die Bewerber locker werden - aber bloß nicht in Champagnerlaune aus der Rolle fallen.

Von Jochen Brenner


Ein Donnerstagabend, kurz vor sechs. Weil ein kräftiger Wind bläst, sind die Teilnehmer der "Karrierelounge" von Peek & Cloppenburg leicht zu orten: Designer-Parfums ziehen in dicken Schwaden durch die Luft, großzügig aufgetragen für einen langen Abend, an dem alles stimmen soll. Vor dem Kölner Restaurant "Rheinterrassen" warten Männer und Frauen Mitte zwanzig in Anzügen oder Kostümen auf den Einlass zur Karriere-Party, auf der sie einen Job bei dem Düsseldorfer Mode-Riesen ergattern könnten. Make-up-starre Wangen und glattrasierte Herrenmienen wärmen sich im Gespräch mit anderen Wartenden auf für die drei Königsdisziplinen des Abends: gewinnend lächeln, interessiert dreinschauen, souverän plaudern.

Vor den adretten Gästen liegt ein wichtiges Schaulaufen. Wer als Bewerber kommt, könnte die Party als "Young Professional" bei Peek & Cloppenburg ein paar Stunden später verlassen. Wenig beiläufig wandern die Blicke der Partygänger über die Konkurrenz. Die steife Brise vom Rhein her bringt die komplizierte Beiläufigkeit einiger Damenfrisuren durcheinander. Leiser Unmut, dann kommt Bewegung in die Schlange. Rein in die Lounge kommt nur, wer auf der Gästeliste steht. Drinnen überspielt rhythmische Fahrstuhlmusik die Unschlüssigkeit der Gäste. Am Revers tragen alle ein Namensschild, das auch über den Studienort Auskunft gibt - ein erster Anknüpfungspunkt für ein Gespräch unter mutmaßlich Gleichgesinnten.

Die Düsseldorfer Modekette Peek & Cloppenburg veranstaltet zum fünften Mal die "Karrierelounge", ein Zusammentreffen von akademischem Nachwuchs und Unternehmens-Entscheidern. Denn für den Managernachwuchs sind große Bekleidungsfirmen nicht immer Favoriten auf ihrer Karriere-Wunschliste. In der Selbstdarstellung des Familienunternehmens dient die Veranstaltung vor allem der Information höherer Semester oder junger Absolventen, die "in lockerer Atmosphäre" ihre Chancen bei der Firma kennenlernen sollen.

Ganz locker auf Kommando

Diese sektlaunige Eigen-PR - im Jargon "employer branding" - ist jedoch kein Fest modeinteressierter Studenten, keine kostenlose After-Work-Party für neugierige Nachwuchskräfte. Und locker sind am ehesten die beiden DJs, die dezent die Rheinterrassen beschallen. Der Abend verläuft streng durchkomponiert: Ankunft, Begrüßung, Job-Gespräche, Unterhaltungsprogramm, Ausklang.

Für Frank Paulsen (Name geändert) ist die Karrierelounge die erste Recruiting-Veranstaltung im Studium. Auf der Rückseite seines Namensschildes steht 19.45 Uhr und der Name eines Managers: Mit Thomas Dageförde soll der 27-jährige BWL-Student über seine Karriere bei Peek & Cloppenburg sprechen - ein Bewerbungsgespräch unter leicht veränderten Bedingungen. Pünktlich sitzen die beiden etwas abseits auf zwei weißen Lounge-Würfeln, in der Hand zwei Gläser, und stehen sich Rede und Antwort. Frank fragt, wo bei P&C er seine Karriere beginnen könnte; Dageförde hat, wie sich herausstellt, einen Job im Gepäck. In gut zehn Minuten will er herausfinden, ob Frank dafür der Richtige ist.

Natürlich verrät der Manager nichts über Franks Chancen, später, bei Saté-Spießen und einem Glas Wein, während im Hintergrund die Rheinschiffe vorbeiziehen. Nur so viel: Von den fünf Bewerbern aus seinen Gesprächen hat er sich einen vorgemerkt. Ihn wird er am nächsten Tag seiner Kollegin Stefanie Saga vom Personalmarketing vorschlagen. Eine Festanstellung bedeutet das nicht - aber die Einladung zum Assessment-Center in ein paar Wochen.

Hemdenverkäufer mit Diplom?

Beworben haben sich für die Karrierelounge über 300 Studenten und Absolventen, vorwiegend Wirtschaftswissenschaftler und Juristen. An 150 hat Organisatorin Saga eine Einladung geschickt. Gekommen sind aber längst nicht alle: Viele der Namensschilder bleiben am Einlass unabgeholt liegen.

Viele Interessenten haben eine weite Anreise hinter sich. Wiener Wirtschaftsstudenten tummeln sich auf der Party ebenso wie Julia Wetzel, 24, die morgens in Kiel in den Zug gestiegen ist. Die BWLerin ist Marketingexpertin, in wenigen Wochen diplomiert und möchte einen Job als Trainee bei P&C. Das Unternehmen kennt sie von einem Praktikum, danach hat die groß gewachsene Norddeutsche während des Studiums im Verkauf gejobbt. Heißt: Hosen verkaufen, Kunden beraten, Ware nachfüllen. Eine Tätigkeit, vor der es so manche der auslands- und praktikaerfahrenen Jungakademiker graut. Julia kennt die Welt von P&C schon zu gut, um sich aufs Glatteis führen zu lassen: "Die Verkaufserfahrung am Kunden gehört einfach dazu", philosophiert sie.

Anna Braun, 28, Studentin an der Düsseldorfer Akademie für Mode und Design und ebenfalls interessiert am achtmonatigen Traineeprogramm, spricht hingegen aus, was viele über die "Verkaufserfahrung am Kunden" denken: "Wir haben alle Angst davor, als Hemdenverkäufer mit Wirtschaftsdiplom zu enden." In der offiziellen P&C-Karriere-Welt kommen solche Szenarien nicht vor. "Store-Manager", "Geschäftsleiter", "Zentraleinkäufer" - solche Titel stellt Personalmanagerin Saga ihren Trainees in Aussicht. Doch längst nicht alle können am Ende wirklich Führungspositionen besetzen.

Hilfe, der Personalchef schaut rüber

Inzwischen ist die Dämmerung über Köln hereingebrochen. Auf den Rheinterrassen soll "front cooking" die Stimmung endlich anheizen. Vor den Augen der Gäste schmieren zahlreiche Köche Ziegenkäse auf Brote, braten Hähnchenspieße auf dem Grill. Drinnen führen P&C-Azubis die Frühjahrskollektion vor - in selbst ausgedachter Choreografie. Natürlich, sie sind keine Profi-Models, aber "dass die das neben der Arbeit noch auf die Beine stellen", findet Organisatorin Saga "beachtlich". Man müsse "einfach zum Unternehmen passen". Der Satz ist zweideutiger, als er scheint. Denn passende Kriterien sind für die Firma nicht nur die Studienleistungen, meint auch Manager Dagenförde: "Die P&C-Leute müssen stilsicher sein, offen, präsent."

Von den aktuellen Trainees fällt niemand aus der Reihe. Hübsch, adrett, zuvorkommend, mit einem Lächeln auf den Lippen stehen sie ihren potenziellen jungen Kollegen Rede und Antwort. Stets beschreiben sie die Arbeit als "aufregend", "spannend", "abwechslungsreich", "vielseitig". Ohne kritische Töne.

Als später die DJs die Musik lauter drehen, fangen einige sogar an zu tanzen. Nur wenige rauchen, der Weißwein bleibt oft ungetrunken. Niemand will negativ auffallen, wo doch die Namensschilder jegliche Anonymität vereiteln und der Personalchef gerade so lange rüberschaut. Gegen halb elf kursiert ein Gerücht: P&C-Mitarbeiter hätten sich inkognito unter die Menge gemischt, um einzelnen Bewerbern auf die Finger zu schauen. Das Gerücht verschwindet so schnell, wie es aufkam.

Dennoch gehen die meisten früh. Die Gespräche sind vorbei, die Visitenkarten getauscht. Und so locker, dass man gern bleibt, ist die Party dann doch nicht. Außerdem ist Donnerstag. Kurz vor zwölf, die Musik spielt immer noch, haben sich die Reihen mächtig gelichtet. Sicherheitsbeamte wärmen sich draußen an den Heizpilzen ihre Finger. Der Rückzug der P&C-Party-People geht so geordnet vonstatten wie die Ankunft. Die Frisuren sitzen immer noch perfekt, kein einziger Krawattenknoten hat sich gelöst. Und ab und an trägt der Wind sogar noch ein paar schwache Parfumwolken über den Rhein.



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