Bewerbungsfotos "Sie können wie Marilyn Monroe aussehen"

Zum reibungslosen Karrierestart gehört ein Bewerbungsfoto vom Profi, kein Zombiebild aus dem Automaten. Von der Versessenheit auf den perfekten ersten Eindruck profitieren gute Fotografen. Und Retuscheure, die selbst unscheinbare Gestalten zu Supermodels machen.

Von Benedikt Mandl


"Wenn Sie wollen, können Sie wie Marilyn Monroe aussehen", verkündet Gabriele Kircher. Die Fotografin aus Marburg hat sich darauf spezialisiert, ihre Kunden für eine sehr spezielle Zielgruppe abzulichten: Personalchefs und zukünftige Arbeitgeber. Kirchers Fotos finden sich auf Lebensläufen, Bewerbungsmappen und Musterdeckblättern. Und sie ist überzeugt: Für eine erfolgreiche Bewerbung ist ein professionelles Foto unerlässlich - denn, so Kircher, "der Mensch wird gesucht". Und der lasse sich eben auf einem guten Bild am besten darstellen.

Solche Fotos empfiehlt der Profi: Bitte recht freundlich
Gabriele Kircher

Solche Fotos empfiehlt der Profi: Bitte recht freundlich

Die Idee, ihr Kerngeschäft auf Bewerbungsfotos zu verlagern, kam der Fotografin, als immer weniger Geld mit klassischen Portraitaufnahmen zu machen war. "Die Leute wollen für so etwas nichts mehr ausgeben. Aber weil Marburg ja eine Unistadt ist, sind Aufnahmen für Bewerbungen schon immer ganz gut nachgefragt worden."

Und was unterscheidet ein anständiges Bewerbungsfoto vom ordinären Billigabzug aus dem Bahnhofsautomaten? Dem Fototermin geht bei Kircher eine längere Beratungssitzung voran, bei der sie auf die entsprechende Berufsgruppe eingeht. "Natürlich ist es für einen Handwerker nicht zwingend, Anzug und Krawatte zu tragen - das kann womöglich sogar unnatürlich oder verkrampft wirken. Wollen Sie sich aber für einen Job bei einer Bank bewerben, dann ist ein förmliches Auftreten viel wichtiger." Für kreative Branchen wie etwa Werbung oder Journalismus seien sogar künstlerische "Hingucker" durchaus kein Tabu.

Der erste Eindruck zählt

"Natürlich sind uns Bewerbungsfotos wichtig", bestätigt Marc Kast vom Online-Portal GMX. "Es kommt aber auf die Art der Stelle an. Bewirbt man sich für einen Job im Marketing oder im Vertrieb, ist ein gepflegtes Aussehen sehr viel wichtiger als in technischen Bereichen." Ob Farbe oder Schwarzweiß, das sei eigentlich egal - ein professionelles Foto mache aber auf jeden Fall einen guten Eindruck. "Der Schnappschuss vom letzten Urlaub wäre sicher ein Fehler."

Wie wichtig Kleidung und Styling sein können, hat eine Mannheimer Soziologin untersucht: In ihrer Dissertation fand Anke von Rennenkampff heraus, wie stark das Äußere den Bewerbungs-Erfolg beeinflusst. Wenn es mit der Führungsposition klappen soll, ist Männlichkeit Trumpf - sogar bei Frauen, so Rennenkampffs verblüffende Erkenntnis.

Das Frontalfoto hat bei vielen Bewerbern ausgedient; gern wird das Gesicht in neckische Winkel gedreht und mit subtiler Beleuchtung die persönliche Schokoladenseite unterstrichen. Dass ein Bewerbungsfoto ein wichtiger Bestandteil der Bewerbung geworden ist, betont auch Gitte Härter. "Ein unvorteilhaftes Foto als erster Eindruck kann natürlich ein Stolperstein sein", meint die Münchnerin, die eine Personalberatung leitet und Fachbücher zum Thema Karriere schreibt.

Erfolg versprechend sei ein "offener, sympathischer Gesichtsausdruck mit Blickkontakt zum Betrachter". Wer nicht der "Lächeltyp" sei, der könne auch ruhig auf einen entspannten Gesichtsausdruck setzen. Die Kleidung sollte man nicht überbewerten, sie dürfe durchaus auf die Persönlichkeit abgestimmt sein. Allerdings solle man sich gut überlegen, welches Erscheinungsbild das Unternehmen erwarte.

Mit Photoshop zum perfekten Antlitz

Automatenfotos sind laut Härter ein Kardinalfehler bei jeder Bewerbung: "Ich kenne niemanden, der auf einem Automatenbild gut aussieht. Das Licht ist immer so, dass es Zombies produziert." Bei Bewerbungen per E-Mail sei außerdem auf technische Details zu achten: Die Auflösung muss hoch genug für eine gute Druckqualität sein, sollte die Dateigröße aber nicht unnötig aufplustern.

Der Hype um das Bewerbungsfoto treibe mitunter seltsame Blüten, weiß Gabriele Kircher - immer mehr Menschen wollten aussehen wie Fotomodelle. Bei vielen Kunden muss die Fotografin mit dem Photoshop-Programm nachhelfen: Fältchen werden retuschiert, Pickel nachträglich entfernt, schiefe Zähne digital begradigt. Solche Tricks sind dank moderner Bildbearbeitung heute weit verbreitet. Selbst Laien erlangen mitunter hohe Fertigkeit darin, das eigene Antlitz zu "fotogenisieren".

"Wenn ein Student frisch vom Stress der Abschlussprüfung gezeichnet ist", so Kircher, "dann mache ich schon mal das Bäuchlein kleiner oder nehme die Ränder unter den Augen weg." Wenn Änderungen zu weit gehen, kann aber leicht ein alberner Eindruck entstehen. "Natürlich kann ich jeden aussehen lassen wie ein Supermodel", sagt Gabriele Kircher. "Oder wie den Sprecher der Tagesschau."

Werden Unterschiede zwischen aufgepepptem Foto und dem tatsächlichen Erscheinungsbild beim Vorstellungsgespräch aber allzu offensichtlich, kann das sogar negativ wirken: Der Arbeitgeber hatte sich ja schließlich auf ein Supermodel eingestellt.



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