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Beziehungen mit Soldaten "Hier fallen Bomben - ich liebe dich"

Er kämpft in Afghanistan, sie sitzt zu Hause und bangt um ihren Freund oder Ehemann. Dort geht es ums Überleben, hier geht der Alltag weiter. Nicht jede Beziehung ist diesem Druck gewachsen - die Geschichte zweier Partnerschaften, die daran zerbrochen sind.
Von Elisa Dullweber

Ganz fest hält Anne*, 21, ihren Freund in den Armen, küsst ihn immer wieder sanft auf die Schläfe. An der Schulter ist ihr T-Shirt nass von seinen Tränen. Nie zuvor hat sie Martin*, 24, weinen gesehen. Ihren starken Martin, der immer jedem half und nie selbst Hilfe brauchte. Schon seit 20 Minuten sitzen die beiden allein auf der Terrasse. Aus dem Wohnzimmer dröhnt laute Musik der Willkommensparty.

Die Muffins, auf die Anne Schoko-Herzen gelegt hat, sind fast alle. Auf dem Fernseher steht ein Teddybär in Bundeswehruniform - ein verspätetes Geburtstagsgeschenk für Martin. Davor eine Karte: "Schön, dass Du wieder da bist." Einige Partygäste tanzen neben dem Esstisch. Es ist, als würde keiner merken, dass Anne und Martin gar nicht mehr dabei sind.

Gerade erst ist Martin vom Afghanistan-Einsatz nach Wilhelmshaven zurückgekehrt. Er war in der Provinz Masar-i-Sharif: drei Monate, in denen Bomben explodierten und die vertraute Heimat weit weg war. Drei Monate, in denen Anne ihren Liebsten nicht sehen konnte - so lange wie nie zuvor in ihrer fast fünfjährigen Beziehung.

Anne wollte seine Rückkehr eigentlich ausgiebig feiern. Doch auf der Party hört Martin nicht auf zu weinen. Schluchzend erzählt er seiner Freundin von den schrecklichen Erlebnissen in Afghanistan und davon, wie einsam er sich fühlte. "Als er in meinen Armen lag, ahnte ich schon, dass ab jetzt alles anders ist", erzählt Anne.

Dass sie bereits vier Wochen später wieder Single sein würde, ahnte sie an jenem Tag nicht.

Nach der Rückkehr blieb den beiden nur noch ein gemeinsamer Monat. Dann zerbrach die Beziehung. Zu weit hatten sie sich bereits voneinander entfernt, Anne war ihr Partner fremd geworden.

"Schaff dir endlich Internet an, ich bin jetzt in Afghanistan"

Rund 4500 Bundeswehrsoldaten sind derzeit in Afghanistan. "Für Paare ist der Auslandseinsatz eine extreme Belastung und eine extreme Herausforderung", sagt Martina Müller. Die Sozialpädagogin arbeitet für die katholische Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung, sie betreut Familien und Paare, die diese Belastung auszuhalten haben.

"Wenn Soldaten nach Hause kommen, prallen Welten aufeinander", sagt sie. Während die Daheimgebliebenen im gewohnten Alltag leben, "arbeiten die Soldaten sieben Tage die Woche, haben kein Privatleben und sind konfrontiert mit einer völlig fremden Kultur, wenn sie das Lager einmal verlassen". Während sich die Partner immer nach Nähe sehnen, haben Soldaten ihrer Erfahrung nach oft das Bedürfnis, allein zu sein.

"Eine private Willkommensparty muss für den Rückkehrer nicht unbedingt die richtige Art sein, anzukommen, für manche wird das zu schnell gehen." Gerade für junge Leute sei es aber schwierig, sich und den anderen richtig einzuschätzen, "bei ihnen ist das oft noch nicht eingeübt". Das wichtigste sei, über die Bedürfnisse zu reden.

Auch Louisa*, 20, hätte gern geredet. Über ihre Ängste und über die Gefahr, in die sich ihr Freund begibt. Zu gern hätte sie wissen wollen, warum Dominik*, 20, weg will. Warum er es riskiert, nie wieder zu ihr zurückzukommen. Wenigstens verabschiedet hätte sie sich gern.

Doch dazu ließ Dominik ihr keine Chance. Stattdessen gab es einen kühlen Anruf: "Hallo Louisa. Schaff dir endlich Internet an. Ich bin jetzt in Afghanistan. Telefonieren ist zu teuer", sprach er auf ihre Mailbox. Das war im Herbst 2008.

In Uniform durchs Dorf

Über zwei Jahre lang waren sie unzertrennlich gewesen. Auch als Dominik zur Bundeswehr ging, blieben die beiden zusammen. Doch auf den Anruf aus Afghanistan folgte bald die Trennung. Dabei war Dominik nur einen Monat lang weg. Sein Fahrzeug wurde getroffen, sein bester Freund wurde schwer verletzt. Er selbst kam mit einigen gebrochenen Rippen davon. Den Einsatz musste er vorzeitig abbrechen.

"Ich war so erleichtert, als er endlich wieder in Deutschland gelandet war", erzählt Louisa. Schon am nächsten Tag wurde die BWL-Studentin von der Realität eingeholt. Dominik hatte sich verändert. Mit stolzgeschwellter Brust ging er mit ihr durch die Straßen ihres Heimatdorfes nahe Hannover, weigerte sich, seine Uniform in der Freizeit gegen Jeans und T-Shirt zu tauschen.

"Ich verdiene jetzt viel Geld. Jetzt kann ich dir endlich etwas bieten", sagte er seiner Freundin immer wieder und merkte nicht, wie sehr sie sich ihren alten Dominik zurück wünschte. Den Dominik, der als Gabelstaplerfahrer Chips-Tüten durch Lagerhallen fuhr und sich nie in den Vordergrund drängte. Einige Wochen lang versuchte sie mit ihm zu sprechen. Vergebens. Als Dominik sich nicht davon abbringen lassen wollte, wieder ins Ausland zu gehen, war das zu viel für Louisa. Sie trennte sich.

Der Einsatz im Ausland verändere jeden Soldaten, sagt Sozialpädagogin Müller. Partner sollten sich darauf einstellen, sie sollten auch akzeptieren, "wenn der Rückkehrer das Bedürfnis hat, nicht über seine Erlebnisse zu sprechen".

Der Psychologe und Paartherapeut Christian Hemschemeier rät sogar dazu, sich mit Fachliteratur vorzubereiten: "Schon im Vorfeld sollte man mal ein Buch in die Hand nehmen und sich über die Folgen von traumatischen Erlebnissen informieren", rät Hemschemeier. "Dann kann man Symptome vielleicht erkennen, sie richtig einordnen und darüber reden."

Dass Soldaten wie Dominik wieder zurück ins Einsatzgebiet wollen - trotz traumatischer Erlebnisse - überrascht ihn nicht: "Man möchte seine Kameraden nicht im Stich lassen und kehrt deshalb zurück."

Anne wiederum kann sich nicht vorstellen, dass Martins Einsatz etwas mit seinem Pflichtgefühl zu tun hat. "Er hat sich gerade erst ein neues Auto gekauft und auch sonst seinen Lebensstil verändert", erzählt sie. "Die bekommen dahinten einfach alle verdammt viel Geld. Dafür nehmen sie die ganzen Belastungen in Kauf."

Damit meint Anne vor allem die Angst, die Martin schwer belastete und sie ebenfalls. "Ich bin unfassbar sensibel für das Wort Afghanistan geworden. Wenn im Radio oder im Fernsehen jemand über Soldaten oder Bombenangriffe sprach, war ich immer sofort hellwach", sagt sie. Sogar während ihres Aushilfsjobs im Bistro eines Schwimmbads konnte sie nie abschalten. "Wenn ich hörte, dass Gäste über Afghanistan sprachen, habe ich mich immer in der Nähe ihres Tisches aufgehalten, um jedes Wort heimlich mitzuhören."

Die spärlichen Informationen, die sie von Martin bekam, halfen selten weiter. Nach den Vorlesungen jobbte die Wirtschaftsstudentin fast jeden Nachmittag. Wegen der dreistündigen Zeitverschiebung konnte sie mit Martin aber nur bis 19 Uhr chatten oder telefonieren. Für lange Gespräche blieb da selten Zeit.

"Ich hätte gern mehr mit Anne gesprochen. Aber wir hatten kaum die Gelegenheit dazu. Hinzu kam, dass Telefongespräche und auch die Internetverbindung teuer waren", erzählt Martin. "Deshalb habe ich mir in meiner Truppe einen Kameraden gesucht, dem ich alles erzählen konnte. So haben es drüben eigentlich alle gemacht."

Eine Nacht des Hoffens und Bangens

In einer Nacht tippte Martin in sein Handy: "Liebling, hier bebt die Erde. Hier fallen Bomben - ich liebe dich." Die SMS erreichte Anne um drei Uhr nachts. Bis zum nächsten Morgen versuchte sie ihren Freund anzurufen, schrieb unzählige Nachrichten. Erst nach ein paar Stunden kam das erlösende Lebenszeichen: Martin war nichts passiert. Was er in dieser Nacht als Bomben beschrieb, waren Explosionen improvisierter Sprengvorrichtungen der Aufständischen.

Als ähnlich schrecklich erlebte Anne eine andere Situation: Nach einem Streit am Telefon meldete sich Martin eine ganze Woche nicht bei ihr. Gleichzeitig dominierten Schlagzeilen über tote Soldaten die Tagespresse. In dieser Woche konnte Anne weder richtig schlafen noch essen. An Vorlesungen war für sie gar nicht zu denken.

"Ich glaube, unsere Beziehung ist auch daran gescheitert, dass wir einfach nicht richtig miteinander sprechen konnten", sagt Anne heute. "Ich wollte die ganze Zeit mit ihm darüber reden, aber ich habe mich oft nicht getraut, Fragen zu stellen. Vielleicht hatte ich auch einfach Angst vor der Antwort."

Auch Martin hatte Probleme, sich seiner Freundin anzuvertrauen: "Ich hätte gerne über alles mit ihr gesprochen. Aber ich konnte einfach keine Worte finden für das, was ich erlebt habe."

"Als er vom anstehenden Einsatz erzählte, bin ich abgehauen"

Momentan ist Martin im Kosovo im Einsatz. Die Infrastruktur ist viel besser als in Afghanistan, fast täglich kann er im Internet surfen und mit Freunden und Familie chatten. Anne ist immer noch ein Teil seines Lebens. Eine Neuauflage ihrer Beziehung ist für beide jedoch ausgeschlossen.

Auch für Louisa und Dominik gibt es wohl keine Hoffnung mehr. Kurz nach der Trennung stand er noch einmal vor ihrer Haustür, versprach aus der Bundeswehr auszutreten, wenn er noch einmal eine Chance bekäme. Louisa hatte genug - sie knallte die Tür ins Schloss und brach den Kontakt endgültig ab.

Dabei hält Psychologe Christian Hemschemeier ein Liebescomeback nicht für unmöglich: "Besonders bei Trennungen, die in einer Ausnahmesituation oder aus Affekt entstehen, lohnt es sich, einen Neuanfang zu probieren."

Davon wollen die beiden Frauen nichts wissen. Sie sind auf der Suche nach einer neuen Beziehung. Und wenn es ein Soldat wäre? Für Anne kommt das nicht in Frage. "Ich hatte neulich ein Date mit einem vom Bund", sagt sie. "Er war wirklich nett, aber ich musste die ganze Zeit an Martin denken. Als er mir dann noch stolz von seinem anstehenden Afghanistaneinsatz erzählte, bin ich abgehauen."

Louisa reagiert zögernd auf die Frage. Sie möchte nichts ausschließen: "Man hat ja keine Kontrolle darüber, wann es einen erwischt", erklärt sie vorsichtig. "Außerdem haben doch besonders Soldaten ein bisschen Liebe verdient."

(*Namen geändert)

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