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Bildungsbericht 2008 Hauptschüler fallen auf dem Jobmarkt noch weiter zurück

Der neue Bildungsbericht ist alarmierend: Deutschland investiert zu wenig in Bildung, Hauptschüler haben auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance. Die Wirtschaft hält jeden vierten Jugendlichen für nicht ausbildungsfähig. Kanzlerin Merkel kündigt einen Bildungsgipfel an.

Berlin - Vier von zehn Jugendlichen mit Hauptschulabschluss oder gar keinem Abschluss haben auch zweieinhalb Jahre nach Verlassen der Schule noch keinen Ausbildungsplatz. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt der zweite Nationale Bildungsbericht der Kultusministerkonferenz. Schwache Jugendliche würden in der Berufsausbildung zunehmend nicht mehr integriert. Dies betreffe auch Migrantenkinder und sei insbesondere deshalb bedenklich, da deren Anteil in Schulklassen jährlich steige.

Dem Bericht zufolge sind die deutschen Bildungsinvestitionen mangelhaft. So wachsen die Bildungsausgaben in Deutschland deutlich langsamer als die Wirtschaftskraft. Während Mitte der neunziger Jahre noch 6,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die Bildung flossen, gab der Staat 2006 nur noch 6,2 Prozent dafür aus. Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit unter dem OECD-Schnitt. Vor allem bei den allgemeinbildenden Schulen sind die Ausgaben zurückgegangen.

Am Lehrstellenmangel für Hauptschüler seien schlechte Schulen schuld, kritisierte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Wenn die Jugendlichen besser qualifiziert von der Schule kämen, könnten wir heute mindestens 30.000 Ausbildungsplätze mehr anbieten", sagte DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben am Donnerstag im WDR. Etwa 20 Prozent der Schulabgänger könnten gerade mal auf Grundschulniveau lesen, schreiben und rechnen - "das geht nicht", so Wansleben.

Merkel sieht Bildung nun als Chefsache

Auch der Handwerksverband ZDH schlug Alarm. Die Qualifikation der Schulabgänger sei erschreckend gering. Jeder vierte Jugendliche eines Jahrgangs sei nicht ausbildungsfähig, acht bis neun Prozent verließen die Schule ohne Abschluss. ZDH-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer forderte daher einen Bildungsgipfel unter Beteiligung der Kanzlerin, der Länder und der Unternehmensverbände. "Nur so bekommen wir diese dramatische Lage in den Griff", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel griff die Idee am Donnerstag auf und bezeichnete den Ausbau des Bildungssektors als zentrale politische Aufgabe für die nächsten Jahre. "Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden", forderte die CDU-Vorsitzende in Berlin. Nur eine ausreichende Bildung schaffe die Voraussetzung für Chancengleichheit für Kinder unterschiedlicher sozialer oder geografischer Herkunft und lege den Grundstein für bessere Arbeitsplätze und soziale Aufstiegsmöglichkeiten. "Wohlstand für alle heißt heute und morgen: Bildung für alle", sagte die Kanzlerin.

Für Oktober kündigte Merkel einen "Nationalen Bildungsgipfel" an, will zudem in den nächsten Monaten eine "Bildungsreise" quer durch die Republik unternehmen und unter anderem Kindergärten, Seniorenfakultäten und Elterninitiativen besuchen.

Bildungsgewerkschaft warnt vor "verlorener Generation"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mahnte mehr Bildungshilfen für "Risikokinder" an. "Wir können und wollen uns keine 'verlorene Generation' leisten", sagte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne am Donnerstag in Berlin. Es sei "höchste Zeit für eine gemeinsame, abgestimmte Politik zwischen Bund, Ländern, Kommunen und anderen gesellschaftlichen Kräften".

Thöne forderte eine "Neuausrichtung des deutschen Bildungssystems - weg von der Selektion, hin zu Integration und Unterstützung" jedes Einzelnen. Im Unterschied zu anderen Industrienationen verliere Deutschland den Anschluss. "Wir katapultieren uns ins triste Mittelalter zurück", wenn nicht auch in Deutschland mehr in Bildung investiert werde, sagte Thöne.

Grüne und Linkspartei forderten angesichts der schlechten Chancen für Hauptschüler die Abschaffung dieses Schultyps. Grünen-Chefin Claudia Roth sagte, die Hauptschulen seien "längst zu Restschulen geworden", die die Chancen auf dem Arbeitsmarkt "dramatisch reduzieren". Sie müssten daher abgeschafft werden. "Wir brauchen längeres gemeinsames Lernen und mehr individuelle Förderung", betonte Roth.

Nele Hirsch, bildungspolitische Sprecherin der Linkspartei, sagte, die Hauptschule sei "für den überwiegenden Teil der Jugendlichen eine Sackgasse, die ihnen die Zukunft verbaut". Der Vorschlag von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD), das Recht auf einen Hauptschulabschluss gesetzlich zu verankern, reiche längst nicht aus.

Der Bildungsbericht 2008 wurde als Reaktion auf das schlechte Abschneiden Deutschlands bei der ersten Pisa-Studie 2001 geschaffen. Er wird zum zweiten Mal veröffentlicht und soll einen Überblick über das deutsche Bildungswesen geben. Vorgestellt wird die Studie von KMK-Präsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer und Eckard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), das die Federführung bei der Erstellung des Berichts hat.

phw/jol/ddp/AP/Reuters

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