Uni-Präsidentin Birgitta Wolff "Ich habe keine Probleme mit Sponsoring"

Birgitta Wolff kostete ihr Protest gegen Kürzungen das Amt als Wissenschaftsministerin von Sachsen-Anhalt. Jetzt wird die CDU-Frau Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität. Im Interview erklärt sie, woher sie künftig mehr Geld für ihre Uni nehmen will.

Uni-Präsidentin Wolff: "Studiengebühren sind hierzulande im Moment kein Thema"
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Uni-Präsidentin Wolff: "Studiengebühren sind hierzulande im Moment kein Thema"


Zur Person
    Birgitta Wolff, Jahrgang 1965, war BWL-Professorin, bevor sie 2010 Kultus- und 2011 Wissenschafts- und Wirtschaftsministerin von Sachsen-Anhalt wurde. Nachdem sie öffentlich die Sparpläne ihrer Regierung im Hochschulbereich kritisiert hatte, wurde sie 2013 von Regierungschef Reiner Haseloff entlassen. Am 15. Juli 2014 wurde Wolff im vierten Wahlgang zur Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt gewählt.
SPIEGEL ONLINE: Frau Wolff, Ihre Entlassung als Wissenschaftsministerin von Sachsen-Anhalt sorgte im vorigen Jahr für Aufsehen. Sie hatten gegen die Kürzungen der Hochschuletats protestiert - werden Sie denn in Ihrem neuen Amt als Präsidentin der Goethe-Universität Frankfurt am Main genug Geld haben?

Wolff: Na ja, verglichen mit den stetig wachsenden Aufgaben haben Hochschulen selten ausreichend Geld. In den vergangenen Jahren sind die Studierendenzahlen massiv gestiegen, zugleich hat sich der Wettbewerbsdruck in der Forschung erhöht. Durch Programme wie die Exzellenzinitiative und den Hochschulpakt 2020 sind zwar zusätzliche Mittel ins System geflossen, aber häufig befristet oder für Projekte. Der Anteil der Grundfinanzierung ist hingegen gesunken.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Folgen?

Wolff: Etwa mit der Folge, dass die Beschäftigungsverhältnisse für den wissenschaftlichen Nachwuchs häufig prekär sind. Da müssen wir etwas tun. Wir sollten wegkommen von der exzessiven Projektitis und stattdessen die Grundfinanzierung stärken.

SPIEGEL ONLINE: Die Große Koalition in Berlin hat den Bundesländern versprochen, künftig das Bafög vollständig zu übernehmen. Freiwerdende Mittel sollen die Länder in die Bildung lenken.

Wolff: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung; das Problem wird ja inzwischen auch in Berlin parteiübergreifend erkannt. Es ist wichtig, auch außerhalb der Wissenschaftsgemeinde zu vermitteln, dass Wissenschaft und Forschung ein regionaler und nationaler Wirtschaftsfaktor sind. Verbal befürworten ja alle Investitionen in Köpfe. Nur wird in den alltäglichen Einzelentscheidungen häufig eine andere Politik gemacht. Wer Hochschulen als Instrument der Standortpolitik erkannt hat, sollte versuchen, ihnen nicht nur Geld aus Wissenschaftsbudgets zukommen zu lassen, sondern etwa auch aus dem Wirtschaftsressort, zum Beispiel Struktur- oder EU-Mittel.

SPIEGEL ONLINE: Für einen Landespolitiker sind eine neu eröffnete Kita oder eine renovierte Schule einfacher als Erfolg zu verkaufen.

Wolff: Unis treten ja nicht in Konkurrenz zu Schulen oder Kitas. Es geht darum, die Finanzierung der Bildung insgesamt auszubauen.

SPIEGEL ONLINE: Sollten sich Studenten daran beteiligen, über Studiengebühren?

Wolff: Normalerweise nicht. Ich lehne aber nicht jede Art von privater Studienfinanzierung ab. Wenn eine Wirtschaftsfakultät zum Beispiel einen internationalen MBA für Berufstätige anbietet, sollte sie dafür auch Gebühren verlangen dürfen. Alles andere fände die Zielgruppe auch suspekt.

SPIEGEL ONLINE: Die Bundesrepublik ist als Studienziel bei Ausländern beliebt. Verschenkt Deutschland Geld, wenn von diesen Studenten keine Gebühren verlangt werden?

Wolff: Bei EU-Ausländern geht das sowieso nicht. Für andere Zielgruppen könnten maßgeschneiderte Programme entwickelt werden, etwa englischsprachige Masterstudiengänge. Die können selbstverständlich gebührenfinanziert sein; dafür gibt es ja inzwischen einen weltweiten Markt. Im grundständigen Programm sollten wir es bei der Gebührenfreiheit für alle lassen.

SPIEGEL ONLINE: Die deutschen Studenten bleiben verschont?

Wolff: Studiengebühren sind hierzulande im Moment kein Thema. Ich halte andere Wege der Beteiligung für denkbar. An der Universität etwa, an der ich studiert habe, in Witten-Herdecke, ist es üblich, dass die Absolventen als Ehemalige ihren Beitrag für die Universität leisten. Das ist aber eine private Uni. An einer öffentlichen Hochschule muss das Engagement freiwillig sein. Ebenso wenig habe ich im Allgemeinen Probleme mit Sponsoring und Fundraising.

SPIEGEL ONLINE: Macht sich Wissenschaft damit nicht abhängig?

Wolff: In Frankfurt gibt es bereits seit 2008 einen bundesweit einmaligen Stifterkodex, der die Annahme privater Mittel präzise regelt. Wichtig ist für eine Hochschule, sich nicht in Inhalte hineinreden zu lassen und unabhängig zu bleiben. Dabei hilft auch, wenn man viele Unterstützer hat, nicht nur einzelne oder wenige Großspender.

SPIEGEL ONLINE: Frankfurt ist eine Stiftungsuniversität, aber ohne ausreichenden Kapitalstock, wie ihn etwa US-Unis haben. Wozu die formale Freiheit, wenn die Unis doch im Wesentlichen vom Staat leben?

Wolff: Stiftungsuniversitäten können autonomer entscheiden, zum Beispiel über Budgets, Personal oder Immobilien. Der Aufbau einer Stiftungsuniversität ist in Deutschland ein Jahrhundertprojekt. US-Hochschulen haben ihren Kapitalstock auch nicht über Nacht aufgebaut.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es mittlerweile zu viele Studenten?

Wolff: Ich betrachte Studium und Ausbildung als komplementäre Bildungswege, die gleichwertig sind. Es sollte Wechsel in beide Richtungen geben können. Also auch in der Form, dass Betriebe unter Studienaussteigern Azubis gewinnen. In Magdeburg ist es gelungen, beispielsweise BWL-Abbrecher in kaufmännische Berufe zu vermitteln. Die Resonanz war immer sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Müssten die Unis ihre Studenten besser auswählen, etwa durch Tests, um die Abbruchquoten zu senken ?

Wolff: Ich befürworte Aufnahmeverfahren, aber nicht im Sinne eines Screenings, sondern als gegenseitiges Kennenlernen, soweit das an einer Massenuniversität möglich ist. Das schafft eine Verantwortung füreinander und ist eine Geste der Wertschätzung. So können auch die hohen Abbrecherquoten sinken.

Das Gespräch führte Jan Friedmann

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Seite 1
nixkapital 18.07.2014
1. Hm...
Zitat von sysopDPABirgitta Wolff kostete ihr Protest gegen Kürzungen das Amt als Wissenschaftsministerin von Sachsen-Anhalt. Jetzt wird die CDU-Frau Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität. Im Interview erklärt sie, woher sie künftig mehr Geld für ihre Uni nehmen will. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/birgitta-wolff-praesidentin-der-goethe-uni-frankfurt-ueber-sponsoring-a-981719.html
...Sponsoring ist mit Sicherheit der falsche Weg. Erst enthalten viele Unternehmen dem Staat trickreich Steuern vor, so dass z.B. Bidlungsträger wie eine Universität immer schlechter finanziert werde und dann "erkaufen" sich diese Unternehmen praktisch Wissenschaft in ihrem Sinne. Außerdem ist Sponsoring eine wackelige Angelegenheit. Was passiert wenn das geldgebende Unternehmen in Schwierigkeiten gerät? Die Antwort wäre einfach: Der Staat sollte sich mehr Geld da holen, wo es zu Unmengen herum liegt und damit u.a. ein Recht auf (gute) Bildung finanzieren. Das sich Unis über ihre Finanzierung Gedanken machen müssen ist ein Unding.
quark@mailinator.com 18.07.2014
2. Kann gleich wieder gehen
Na klar ... angesichts der traurigen Tatsache, daß der Staat nicht mehr in der Lage ist, die Unis zu finanzieren, kommt immer mehr Geld von Unternehmen, welche dann auch Einfluß auf die Richtung der Forschung nehmen und die Ergebnisse kommen dann nicht der Allgemeinheit zugute wie früher, sondern Einzelunternehmen, meist Großunternehmen. Und die Frau hat also kein Problem mit dieser Entwicklung. Das als "Sponsoring" zu bezeichnen ist eh eien Frechheit. Sorry, aber mit der Einstellung kann sie gerne gleich wieder gehen.
ambulans 18.07.2014
3. warum
verwundert mich diese aussage "keine probleme mit sponsoring" der neuen präsidentin der JWvG-uni in FfM nicht - ist doch sowieso eine stiftungsuniversität ("the money rules") und die dame, die sich ja ein wenig rustikal durchzusetzen beliebt, stammt auch noch aus der CDU. hessen bleibt also (leider - bin selbst einer) weiterhin unbetretbar - noch fragen?
Mac_Beth 21.07.2014
4. Die Menschen...
...hatten schon immer diese Eigenschaft zusätzliche finanzielle Mittel, die konstant fließen, als selbstverständlichen Posten in die Leistungsbilanz aufzunehmen. Irgendwann führt das dann dazu, dass dafür andere Gelder, von Seiten des Staates, gekürzt werden. Staatliche Finanzierung (welche eigentlich auch die Unabhängigkeit der Lehre garantieren soll) wird somit immer weniger, während die privaten Investoren sich immer weiter beteiligen. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis sowas auch auf die Schulen überspringt. Vielleicht gehe ich da jetzt einen Schritt zu weit, aber wir entwickeln uns gerade ganz bequem hin zu einer Gesellschaft, in der Bildung noch extremer vom gesellschaftlichen Stand der Eltern abhängt. Es wird immer weniger eine allgemeine Grundbildung existieren, sondern maßgeschneiderte Packete für Unternehmensbedürfnisse. Wer seinem Kind dennoch eine "vernünftige" Bildung ermöglichen möchte, muss schlicht nur tiefer in die Tasche greifen. Streng genommen haben wir das in einigen Bereichen ja schon. Wird halt immer extremer.
hermannheester 11.08.2014
5. Wer zahlt hat Recht?
Zitat von sysopDPABirgitta Wolff kostete ihr Protest gegen Kürzungen das Amt als Wissenschaftsministerin von Sachsen-Anhalt. Jetzt wird die CDU-Frau Präsidentin der Frankfurter Goethe-Universität. Im Interview erklärt sie, woher sie künftig mehr Geld für ihre Uni nehmen will. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/birgitta-wolff-praesidentin-der-goethe-uni-frankfurt-ueber-sponsoring-a-981719.html
Bildung und Forschung sind frei - sagt man. Dabei gilt schon heute, dass staatliche und oft auch religiöse oder ideologische Einflüsse auf deutschen und anderen Unis längst nicht (mehr?) ganz auszuschließen waren oder sind. Da ist es nur eine logische Folge, wenn Konzerne sich ihre eigenen Unis halten und Professoren zu externen Mitarbeitern ernennen. Was früher die Inqusition war ist heute der Konzernboss vom Dienst.
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