Debatte Karriere an der Uni Forschung mit null bis fünf Sternen

In Deutschland gilt der Weg in akademische Top-Jobs als hart, beschwerlich, riskant. Doch im Vergleich zu Großbritannien schneidet das deutsche System nicht schlecht ab, meint Christiane Lange-Küttner, Forscherin in London. "Hart, aber fair", lautet ihr Urteil im Gastbeitrag für UniSPIEGEL ONLINE.


Im deutschen Hochschulsystem wird niemandem vorgelogen, dass eine akademische Karriere ein sicherer Weg ist. Die Beschäftigungsverhältnisse vor der Professur scheinen jedoch oft unterprivilegiert. Im Ausland gibt es in der Tat für junge Wissenschaftler feste Stellen. Doch diese Verträge sind nicht mit deutschen Professuren zu vergleichen - und selbst britische Professuren halten dem Vergleich oft nicht stand.

Christiane Lange-Küttner: "Die deutschen Hochschulen sind berechenbarer"

Christiane Lange-Küttner: "Die deutschen Hochschulen sind berechenbarer"

Deutsche Professorinnen und Professoren dürfen als Beamte nicht streiken, sind aber auch unkündbar und somit loyal per Definition. In Großbritannien liegt die Kündigungsfrist bei sechs Wochen bis sechs Monaten, vielleicht ein Jahr, aber keinesfalls länger. Universitäten können bankrott gehen, Ressourcen kürzen und Beschäftigte entlassen - oft auch Akademiker.

Aus diesem Grund ist die Feststellung der Konsumentenzufriedenheit so wichtig. Studentenratings der Lehre stellen relativ sicher, dass der Betrieb läuft. Häufig sind glückliche Studenten wichtiger als neue, kluge Akademiker. Keep them happy! Bei gleicher Lehre kann ein Hochschullehrer, der wechselt oder emeritiert wird, viele Prozentpunkte verlieren, nur weil er geht und damit die Studenten unzufrieden macht.

Keine sicheren Regeln in Großbritannien

Auf der anderen Seite gibt es in Großbritannien kaum Regeln, die für zwei Universitäten gelten. Schon benachbarte Schulen im selben Stadtteil haben unterschiedliche Ferienzeiten. Briten teilen unser Sicherheitsbedürfnis selten. Gehälter nach der Promotion sind niedriger als die Gehälter von jungen Polizisten nach sechs Wochen Training.

Um jungen Wissenschaftlern auf der Suche nach dem besseren Anstellungspaket das Weglaufen zu erschweren, gibt es alle möglichen Maßnahmen. Nicht unüblich sind Probezeiten von drei Jahren bei Fünfjahresverträgen, überraschende Verlängerungen der Kündigungsfristen oder Probezeiten - der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Reine, unbefristete Forschungsstellen unterhalb einer Professur gibt es sowohl in den Instituten der deutschen Max-Planck-Gesellschaft als auch in britischen Forschungseinrichtungen. Eine deutsche Professur an einer normalen deutschen Universität unterscheidet sich jedoch von einer britischen durch eine feste Ausstattung, die aus Mitarbeitern, Sekretariat und oft auch Labors besteht. Diese Ausstattung schafft Freiräume für die Forschung und erfordert kein besonderes Verhandlungsgeschick. In Großbritannien hat selbst der Professor weder automatisch ein Sekretariat noch Mitarbeiter.

In Italien werden Schullehrer mit "Professore" angesprochen, in den USA heißt jeder Hochschullehrer mit Doktortitel Professor. In Großbritannien dagegen wird dieser Titel sehr viel seltener oder später vergeben, selbst wenn entsprechende Leistungen vorliegen. In England und Schottland werden oft international bekannte Wissenschaftler, bis sie über 50 Jahre alt sind, als "Senior Lecturer" gehalten. Dafür gibt es viele (Gehalts-)Abstufungen beim "Reader", "Tutor" und "Lecturer".

"Im britischen System muss man auf alles gefasst sein"

Die Unterschiede in Großbritannien sind größer - und zugleich ist das System nach unten offen: Manche Universitäten können reinen Forschungseinrichtungen das Wasser reichen, andere stellen gar keine Forschungsressourcen bereit und entsprechen beinahe unseren Volkshochschulen. Es gibt Hochschullehrer ohne Promotion oder Veröffentlichungslisten, ganze Abteilungen ohne Professoren. Das britische System hält viele Standards bereit und ist insofern sehr viel zufälliger, als wir in Deutschland annehmen.

Im britischen System muss man auf alles gefasst sein. Und man ist gut beraten, sich nach den Forschungs- und Lehrratings der Abteilungen zu erkundigen. Denn sie variieren - wie bei Sternen für die Hotelqualität - in der Forschung zwischen keinem und fünf Sternen. Weil den Institutionen nach unten fast alles erlaubt ist, bilden diese Überprüfungen bei geringerem akademischem Ehrgeiz häufig den einzigen Anlass für Investitionen und Verbesserungen von Forschung und Lehre. Schließlich bedeuten die Sterne bares Geld vom Staat.

Für deutsche Hochschulreformer ist es wichtig, nicht allein die Errungenschaften im Ausland zu bewundern, sondern auch den sozialen Kontext zu sehen. Die deutschen Hochschulen sind berechenbar: Studenten bekommen Forschung und Lehre in einheitlicher Qualität an jeder Universität, und zwar als Verkörperung des deutschen Bildungsideals - nicht nach marktwirtschaftlichen Regeln als Angebot der Firma Universität, die mit Schließungen und Zentralisierung auf mangelnde Nachfrage reagieren muss.

Nebenwirkungen: Gier, Neid und Ressentiment

Mitarbeiter unterhalb der Professur wissen, wie viel sie unterrichten, wie lange sie beschäftigt sein werden und was sie erreichen sollen. All dies ist im anglo-amerikanischen System open-ended und hängt von Chef und Institution ab. Zudem bietet das deutsche System auch emotionale Sicherheit: Bei standardisierten Gehältern muss man nicht viel über Geld nachdenken. Vom Abschluss unabhänige Gehälter, ganz unterschiedliche Ausstattungen und Zuschüsse lassen genug Raum für schräge Phantasie: Gier, Vergeltung, Angst vor Entlassung, der Drang sich unentbehrlich zu machen, Neid und Ressentiment auf allen Ebenen.

Wenn wir nach Vorbildern im Ausland reformieren, können wir auch damit umgehen?

Im Alltag ist oft nicht wahrnehmbar, wie viel Sicherheit und Zuverlässigkeit das deutsche System mit sich bringt und wie sehr es als Konzept bei den Beteiligten handlungsleitend wirkt - und sei es im Sinne einer Doppelstrategie bei der Karriereplanung "vor der Professur", denn die meisten Studienabschlüsse haben ein praktisches Berufsfeld.

Vergleicht man die Selektionsmechanismen, so erscheint das deutsche System schon jetzt darwinistischer, als die Deutschen denken. Und das britische System humanistischer und "more charitable", als die Briten sich geben, bedingt durch die Breite und Vielfalt des anglo-amerikanischen Systems. Die Homogenität von Standards und die Berechenbarkeit im Sinne von Vorhersagbarkeit der Studien-, Beschäftigungs- und Forschungsbedingungen an deutschen Universitäten werden oft unterschätzt. Do yourself proud.

Dr. Christiane Lange-Küttner promovierte 1993 am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und wechselte ein Jahr später nach Großbritannien. Derzeit arbeitet sie mit einem unbefristeten Vertrag an der University of North London.



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