Debatte Karriere an der Uni "Zurück an den Verhandlungstisch"

Die Dienstrechtsreform, die Juniorprofessur und die Abschaffung der Habilitation bleiben an den Hochschulen umstritten. Im Gastbeitrag für UniSPIEGEL ONLINE fordert Gerd Köhler von der Bildungsgewerkschaft GEW ein Ende des "Kleinkrieges" zwischen Bund und Ländern.


Die Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL) hat die für den 10. und 11. Juli angesetzten Tarifverhandlungen für die Hochschulen und Forschungseinrichtungen platzen lassen. Sie torpediert damit das Programm "Moderner Staat - moderne Verwaltung", mit dem die Bundesregierung die Anstellungs- und Vergütungsbedingungen im gesamten Wissenschafts- und Personalbereich optimieren wollte. Ein Hauptbestandteil der von der Bildungsgewerkschaft GEW geforderten "Paketlösung" für die Modernisierung des Arbeitsplatzes Wissenschaft droht nun wegzubrechen.

Gerd Köhler, 57, leitet den Vorstandsbereich "Hochschule und Forschung" bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Gerd Köhler, 57, leitet den Vorstandsbereich "Hochschule und Forschung" bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Ich meine, dass sich wissenschaftsadäquate und sozialverträgliche Arbeitsbedingungen nur im gemeinsamen Dialog erreichen lassen. Für die Reform der Personalstruktur muss das Hochschulrahmengesetz überarbeitet werden, für die Veränderung des Dienstrechts das Besoldungsrecht. Dazu sollten die Arbeitsbedingungen für das wissenschaftliche, technische und Verwaltungspersonal tarifvertraglich geregelt werden. Die TdL muss zurück an den Verhandlungstisch.

Den Politikern muss klar sein, dass die Hochschulmisere nicht allein durch Zulagen zu den Gehältern verbeamteter Professoren behoben werden kann. Die Nachwuchsförderung ist ernsthaft gefährdet: Unzureichende Stipendien und Betreuung haben die Attraktivität der Promotion mächtig eingeschränkt. Die jahrelange Unselbständigkeit in der Habilitationsphase lässt "gute Leute" aus den Hochschulen auswandern. Die Abschaffung der Habilitation wird nicht konsequent genug betrieben.

Gute Leute wandern aus den Hochschulen aus

Künftig soll es den Ländern überlassen bleiben, ob sie an der Habilitation festhalten. Diese Hängepartie wird die Abhängigkeiten nicht beseitigen und junge deutsche Wissenschaftler auf dem internationalen Arbeitsmarkt weiter benachteiligen. Starre Fristvertragsregelungen verbauen die Chance, hochqualifiziertes Personal längerfristig an die Hochschulen zu binden: Die Qualität der Lehre leidet, weil die pädagogische Betreuung in Kleingruppen und Projekten fehlt. Die Forschung verliert an Attraktivität, weil jungen Wissenschaftlern keine ausreichenden beruflichen Perspektiven eröffnet werden. Eine motivierende Personalpolitik und -entwicklung findet an den Hochschulen nicht statt.

"Ohne Perspektive keine Qualität" - diese Einsicht gilt sowohl für Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen als auch für Hochschulen und Forschungsinstitute, die ja um die gleichen Drittmittel konkurrieren. Die unzureichenden Arbeitsbedingungen des Drittmittel-finanzierten Forschungspersonals hat die Bundesregierung nicht aufgegriffen. Der hohe Anteil von Fristverträgen und Teilzeitarbeit lässt deutsche Wissenschaftseinrichtungen im internationalen Vergleich schlecht abschneiden. Das zeigt eine Studie des Kasseler Hochschulforschers Jürgen Enders über die Arbeitsbedingungen an den europäischen Hochschulen.

Warum müssen junge Wissenschaftler Beamte sein?

Weil sie in Deutschland nur halbe und befristete Verträge erhalten, gehen viele junge Wissenschaftler in die USA. Die Initiativen der Bundesregierung greifen bislang zu kurz, es fehlt ein Gesamtkonzept. Der Vorschlag, Doktoranden einen eigenen Status zu verleihen, ist gut. Konsequenter wäre es, sie arbeits- und personalrechtlich abzusichern.

Durch Juniorprofessuren können junge Wissenschaftler früher eigenständig arbeiten. Aber warum muss dieses im Beamtenverhältnis geschehen, das man doch eigentlich abschaffen wollte? Zudem fehlen Regelungen für alle, die sich zur Zeit habilitieren und fürchten, im Übergangsprozess verloren zu gehen. Unsinnig ist die Zwischenevaluation, die nach drei Jahren über die weitere Arbeit der Juniorprofessoren entscheiden soll. Besser sollten die Hochschulen nachweisen, dass sie Kurse in Hochschuldidaktik und Wissenschaftsmanagement anbieten.

Darüber hinaus drohen Wissenschaftler nach Ablauf der sechsjährigen Juniorprofessur ins Bodenlose zu fallen. Mit 360 Millionen Mark Zusatzförderung scheint Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn viele Kritiker "überzeugt" zu haben. Der Kampf um diese Mittel hat begonnen, noch bevor das Gesetz beschlossen ist. Offen geblieben ist die Frage, wer künftig die Arbeit derer erledigen soll, deren Stellen zur Finanzierung der Juniorprofessuren eingespart werden sollen. Die Sprachlosigkeit der Hochschulen dazu ist beängstigend.

Es dürfen nicht "Markt und Mode" regieren

Die GEW ist - wie die anderen Gewerkschaften - bereit, über eine neue Professorenbesoldung zu verhandeln. Die Kriterien und Entscheidungsverfahren müssen allerdings transparent sein, wenn nicht "Markt und Mode" regieren sollen. Entscheidend ist ein ausgewogenes Verhältnis von Grundgehalt und Zulagen.

Nach Auffassung der GEW wäre es konsequenter, an Universitäten und Fachhochschulen ein einheitliches Professorenamt als Ausgangspunkt für eine individuelle Differenzierung der Gehälter zu schaffen und so überkommene Hierarchien zu überwinden. Ob der jetzt gewählte Weg tatsächlich die "besoldungssystematische Gleichstellung" bringen wird, ist angesichts der Haushaltslage und der Mehrheitsverhältnisse in den Ländern sehr ungewiss.

Weggefallen ist die Zusage, dass die Zulagen für die Professuren nicht durch Kürzungen beim wissenschaftlichen, technischen und Verwaltungspersonal erwirtschaftet werden sollen. Gute Wissenschaft wird von Teams betrieben. Teams funktionieren nur, wenn die Motivation aller Beteiligter stimmt. Wenn die Politik heute die Gehälter für die einen "nach oben grenzenlos öffnet" und die anderen in prekäre Beschäftigungsverhältnisse "nach unten durchfallen lässt", dann leidet darunter die kreative wissenschaftliche Kooperation.

Ob Bund und Länder die Chance des Generationswechsel in den Hochschulen für eine Neuordnung des Arbeitsplatzes Wissenschaft nutzen, wird in den nächsten Wochen davon abhängen, ob sie - im Parlament und am Verhandlungstisch - "nachlegen".

Der Kleinkrieg zwischen Bundesregierung und Ländern muss im Interesse der Hochschulen beendet werden. Wann begreifen das auch die Länder?

Von Gerd Köhler



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