Debattenbeitrag von Edelgard Bulmahn "Es ist Zeit zum Handeln"

Bisher ist die Habilitation der Königsweg in die akademische A-Liga. Mit Juniorprofessuren will Bildungsministerin Edelgard Bulmahn mehr junge Forscher für eine Uni-Karriere begeistern. Im Gastbeitrag für UniSPIEGEL ONLINE plädiert sie für ein modernes Dienstrecht.

Von Edelgard Bulmahn






Konflikte mit der Professorenlobby scheut Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, nicht
S. Sauer/ DER SPIEGEL

Konflikte mit der Professorenlobby scheut Edelgard Bulmahn, Bundesministerin für Bildung und Forschung, nicht

Damit unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen auch künftig im internationalen Wettbewerb bestehen können, ist es dringend notwendig, die Probleme unseres Hochschulsystems an der Wurzel zu packen. Daher will die Bundesregierung endlich das aus dem vorletzten Jahrhundert stammende Dienstrecht durch ein neues, modernes ersetzen. Die Zeit ist reif für Veränderungen. Den jetzt stattfindenden Generationswechsel an den Hochschulen müssen wir nutzen!

International können wir uns mit einem Erstberufungsalter von 42 Jahren wahrlich nicht mehr sehen lassen. Wohlgemerkt: 42 Jahre ist das Durchschnitts-, nicht das Höchstalter. Die Qualifikationsdauer unserer Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ist eindeutig zu lang. Zudem arbeiten sie immer noch unselbständig und in vielen Fällen in persönlicher Abhängigkeit vom Institutsleiter oder Professor.

Wie problematisch das ist, wurde mir bei meinem letzten USA-Besuch ganz deutlich vor Augen geführt. Bis zu 15 Prozent unserer Nachwuchswissenschaftler wandern dorthin ab. Als Gründe nannten mir die jungen Leute, dass sie dort viel freier arbeiten könnten, eben ohne das starre System persönlicher Abhängigkeiten. Sie alle waren - gerade durch das hohe Maß an Eigenverantwortung - hochmotiviert, erfolgsorientiert und sehr effektiv bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Diese Köpfe wollen wir für unser Land zurückgewinnen. Auch dafür müssen wir unser System verändern.

Viele Hochschulen sitzen bereits in den Startlöchern

Zu modernen Hochschulen gehört auch eine moderne Besoldung. Heute steigt das Gehalt nach Altersstufen, allein bei Berufungen zählt der Leistungsgedanke. Hohes Engagement in der Lehre oder in Gremien wird nicht gewürdigt. Außerdem bieten wir nur unzureichende Möglichkeiten, Wissenschaftler im Wettbewerb mit der Industrie und ausländischen Hochschulen durch konkurrenzfähige Bezahlung zu gewinnen.

Mit dem neuen Dienstrecht werden wir nun eine neue Dynamik initiieren. Viele Hochschulen sitzen bereits in den Startlöchern. Die Probleme sind bekannt und jahrelang diskutiert, nun ist es Zeit zum Handeln.

Die Kernpunkte der Dienstrechtsreform sind:

* Einführung einer Juniorprofessur mit selbständiger Forschung und Lehre
* umfassende Qualifikationsbewertung bei Berufungen; dabei soll die Habilitation keine Rolle mehr spielen
* leistungsbezogene, flexible Vergütungsstruktur statt altersabhängige Besoldung
* Karrierechancen an der eigenen Hochschule statt striktes Hausberufungsverbot
* besoldungssystematische Gleichstellung von Universitäten und Fachhochschulen


Mit der Juniorprofessur will ich erreichen, dass junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer kreativsten Phase mit Ende 20 und Anfang 30 selbständig lehren und forschen können. Die Juniorprofessur soll möglichst umgehend nach der Promotion beginnen, maximal sechs Jahre dauern und die Regelvoraussetzung für eine Universitätsprofessur sein. Alternative Berufungswege wird es aber auch künftig geben. Diese Strukturveränderungen werden auch dazu beitragen, die Frauenförderung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Wissenschaft zu verbessern.

Unser Hochschulsystem muss attraktiver werden

Ein Kernelement der neuen Qualifikationsphase: Künftig entscheiden nicht mehr die abgebenden, sondern die aufnehmenden Institutionen, ob Juniorprofessoren sich bewährt haben und eine Berufung auf eine Lebenszeitprofessur erhalten sollen. Dieses international bereits übliche Verfahren macht unser Hochschulsystem für deutsche wie ausländische Nachwuchswissenschaftler attraktiver.

Juniorprofessorinnen und -professoren verfügen künftig eigenverantwortlich über ein drittmittelfähiges Forschungsbudget. Die Lehrverpflichtung von vier bis acht Semesterwochenstunden steigt innerhalb der sechs Jahre an. Am Ende sollte der Juniorprofessor in der Lage sein, annähernd soviel zu leisten wie ein richtiger Professor. Die Stellen sind nun bei den Fachbereichen statt bei einzelnen Professuren angesiedelt. Anders als die bisherigen Assistentenstellen ist die Juniorprofessur durchgehend auf selbständige wissenschaftliche Arbeit ausgerichtet - und, anders als die Habilitation, nicht auf den Erwerb einer Formalqualifikation.

Erwachsene sollen auch in Forschung und Lehre Verantwortung übernehmen

Nach der Promotion sollen Nachwuchsforscher Juniorprofessoren werden statt habilitieren
DPA

Nach der Promotion sollen Nachwuchsforscher Juniorprofessoren werden statt habilitieren

Es muss Schluss damit sein, dass junge Wissenschaftler ihre Habilitation in direkter persönlicher Abhängigkeit von einem Professor schreiben müssen. Das Argument des Deutschen Hochschulverbandes, unser wissenschaftlicher Nachwuchs brauche noch bis zum 40. Lebensjahr Anleitung, überzeugt mich nicht. Spätestens mit Anfang 30 haben Erwachsene in allen Bereichen der Gesellschaft volle Verantwortung übernommen, privat wie beruflich. Warum sollte davon die Forschung und Lehre ausgenommen sein, während schon eine 20-Jährige ein Unternehmen gründen und leiten kann?

Ich halte die Habilitation für antiquiert. Nur wenige Länder halten daran noch fest. Gerade in den Naturwissenschaften kann man vor allem durch Veröffentlichung in international führenden Zeitschriften die Forschungsleistung dokumentieren; in den Geisteswissenschaften eher durch das "zweite Buch", das aber - anders als die Habilitation - eine eigenverantwortliche, unabhängige Forschungsarbeit sein sollte.

Die Bundesregierung will die Länder bei der Einrichtung von Juniorprofessuren unterstützen und ab 2002 ein Ausstattungsprogramm starten - mit einer Laufzeit bis 2005 und einem Gesamtvolumen von 360 Millionen Mark. Die gegenwärtigen Zeitvertragsregelungen sind unhandlich und unübersichtlich. Wir wollen sie grundlegend neu gestalten. Die künftigen Befristungsgrenzen lehnen sich an den vorgesehenen Zeitrahmen von maximal 12 Jahren an (6 Jahre Juniorprofessur im Anschluss an maximal 6 Jahre Promotions- und Postdoc-Phase).

Exzellente Arbeit soll das Gehalt bestimmen,
nicht das Alter


Leistungskriterien bei der Besoldung sind die zweite wesentliche Neuerung. Mit dem neuen Dienstrecht setzt der Bund klar auf Leistung und Engagement. Nicht mehr das Älterwerden bestimmt dann das Gehalt der Hochschullehrer, sondern exzellente Arbeit. Denn nach Lebensalter zu besolden, passt nicht mehr in unsere Zeit. Es soll leistungsgerechter, aber insgesamt keinesfalls weniger gezahlt werden!

Professor oder Professorin zu sein ist ein schöner Beruf. Für viele ist es eher eine Berufung, der sie mit Leidenschaft und Engagement nachgehen. Einen Vergleich mit hart arbeitenden Managern in der Industrie brauchen sie nicht zu scheuen. Sie tragen Verantwortung für den wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt unserer Gesellschaft. Sie bilden die Führungskräfte von morgen heran. Zudem haben sie interessante Aufgabenfelder und ein sehr selbstbestimmtes Arbeitsleben. Dieses Engagement und hervorragende Leistungen können in Zukunft besser honoriert werden. Auch dies ist ein starker Anreiz, nicht ins Ausland oder in die Industrie abzuwandern, sondern unsere Hochschulen im 21. Jahrhundert aktiv mitzugestalten.

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