Detektive in Weiß Ein Fall für Dr. Quincy

Für Rechtsmediziner auf Verbrecherjagd zählt oft jede Minute. Ohne ihren Einsatz würde mancher Mörder frei herumlaufen - eine Knochenarbeit, die seelische Narben hinterlässt. Doch an den Unis gilt das Fach als unattraktiv. Und stirbt langsam aus.


Sein Name ist Sperhake. Dr. Jan Sperhake. Er ist Arzt. Und seine Patienten sind meistens tot.

Der 35-Jährige arbeitet am Institut für Rechtsmedizin an der Uni Hamburg. Allein der Gedanke an den Berufsalltag ruft bei vielen Menschen Abscheu hervor, Sperhakes Arbeitsplatz ist oftmals der Tatort schrecklicher Verbrechen. Und doch geht eine merkwürdige Faszination von seinem Wirken aus.

Rechtsmediziner Sperhake, Kollegin: "Möglichst keine Spuren übersehen"
Arne Weychardt

Rechtsmediziner Sperhake, Kollegin: "Möglichst keine Spuren übersehen"

Rechtsmediziner sägen Knochen auf, entnehmen Organe und schneiden sie auf der Suche nach der Todesursache in Scheiben. Sie legen Schuss- und Stichkanäle frei und pulen Insekten aus faulendem Fleisch. Es sei eine "harte Arbeit", sagt der Frankfurter Facharzt Hansjürgen Bratzke, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Rechtsmediziner, "die seelische Narben hinterlässt".

Orthopäde, Kinder- oder Landarzt - das waren eigentlich die Vorstellungen des Studenten Sperhake von seinem späteren Beruf. Im zweiten Staatsexamen aber fand er die Fragen zur Rechtsmedizin am interessantesten. Nach der Approbation 1996 bildete er sich in dieser Disziplin weiter, ein Jahr Pathologie und ein halbes Jahr Psychiatrie gehörten dazu. Seit knapp zwei Jahren ist er Facharzt. "Die Riten der Chefvisite im Krankenhaus waren nie mein Ding", sagt er.

Die Leiche mit bloßen Händen ausgegraben

Die Stille und Abgeschiedenheit der Rechtsmedizin kann schnell in Hektik umschlagen. Wenn die Polizei zu Kapitaldelikten oder Vergewaltigungen ausrückt, zählt jede Minute. Dann muss auch Sperhake sich sputen. Sein Einsatzgebiet reicht von Helgoland bis Bremerhaven, von Uelzen bis Nienburg an der Weser. Meist kommt er selbst zum Tatort, egal ob tags oder nachts. An einem Bahnsteig in Achim bei Bremen, erinnert er sich, "haben wir die Leiche mit bloßen Händen ausgegraben, um möglichst keine Spur zu übersehen".

Als Detektive in Weiß sind Rechtsmediziner zwar nicht mehr aus den TV-Serien wegzudenken. Doch an den Hochschulen spielt Dr. Quincy zunehmend eine Nebenrolle. "Die herkömmliche Universität hat andere Ansprüche an ihre Fächer", sagt Sperhakes Chef, Klaus Püschel.

Die Zukunftsaussichten für Rechtsmediziner sind denn auch alles andere als rosig. Ein Viertel aller Institute, so klagt Standesvertreter Bratzke, ist von Zusammenlegung oder Schließung bedroht. Lehrstühle werden gestrichen, junge Rechtsmediziner bekommen fast nur unattraktive Zeitverträge. Die Folge: Die Zahl der Sektionen sinkt, mancher Mord wird möglicherweise aus Personalmangel nie aufgeklärt. Vergewaltigte Frauen, verprügelte Kinder, Opfer medizinischer Fehlleistungen, so Bratzke, würden immer seltener kompetent behandelt.

Schlechte Aussichten für die Rechtsmedizin

Doch in der Kosten-Nutzen-Rechnung der Universitäten spielt das kaum eine Rolle. Rechtsmediziner haben wenig an prestigeträchtiger Forschung zu bieten und sind deshalb von Kürzungen besonders betroffen. So gilt der genetische Fingerabdruck zwar als Revolution in der Kriminalistik, ist für die medizinische Analyse aber uninteressant. Die Erforschung der Verpuppungsdauer von Käfern zur Eingrenzung der Todeszeit werde gar als "lächerlich abgetan", klagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, der Münchner Professor Wolfgang Eisenmenger.

Sperhake hat dennoch seine Berufswahl nie bereut. Der Dienst an den Toten sei hochinteressant und abwechslungsreich, beteuert er. Und das Wichtigste: "Ohne uns würde mancher Mörder frei herumlaufen."

ANDREAS ULRICH



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