Deutscher Absolvent in New York Jobsuche mit trainiertem Lächeln

Bestens ausgebildet sucht Jungökonom Marc Maleika Arbeit. Normalerweise hätte er rosige Aussichten. Aber er sucht mitten in der Wirtschaftskrise und in New York - Hauptstadt des Kapitalismus, Epizentrum des Finanzbebens. Protokoll eines derzeit schwierigen Unterfangens.


Ich suche einen Job. Eigentlich sollte das kein Problem sein, zumindest in normalen Zeiten: Ich bin 29, spreche vier Sprachen, habe zwei Master-Studiengänge, einen davon an der Ivy-League-Universität Columbia in New York abgeschlossen, eine eigene Firma gegründet und auf vier verschiedenen Kontinenten in neun verschiedenen Ländern für renommierte Firmen und Organisationen wie die Weltbank gearbeitet.

Wahrscheinlich bin ich einer dieser jungen High Potentials, die gern in der Eigenwerbung von Unternehmen mit smartem Perlweißlächeln dargestellt werden. Das Lächeln ist noch da. Aber es muss jeden Morgen mühsam vorm Spiegel trainiert werden, bevor ich wieder raus muss zum Bewerbungsmarathon.

Ich suche einen Job in New York, dem Epizentrum des Finanzbebens. Hier hat die Krise ihre Spuren hinterlassen: Kaum ein Straßenblock, in dem nicht drei Ladengeschäfte verlassen und verrammelt sind, die Eckpinte hat vor kurzem auch aufgegeben, das hippe Restaurant in der Lower East Side ist menschenleer und das Mode-Viertel Soho vollgeklebt mit Ausverkaufsplakaten. Nur die Coffeeshops sind noch gut besucht; sie locken mit drahtlosem Internet-Zugang und billigem Kaffee Arbeitssuchende und Studenten. Kaum einer, der nicht mit seinem Laptop auf Jobseiten surft oder an seinem Bewerbungsschreiben feilt.

Firmen suchen die besten Leute aus - und halten sie hin

In den USA läuft die Stellensuche weniger formal ab als in Deutschland. Man schickt seinen Lebenslauf und das Anschreiben an die entsprechende Kontaktperson. Bewerbungsmappen, Zeugnisse oder irrelevante Angaben im Lebenslauf, etwa zur Religionszugehörigkeit, sind hier unangebracht.

Von großer Bedeutung ist das "Networking", das uns an der Uni sogar in lästigen Pflichtseminaren beigebracht wurde. Die Kontaktpflege über den Alumni-Club der Columbia hilft aber wirklich, um Job-Interviews zu bekommen. Das Bewerbungsgespräch folgt dann im Unternehmen oder ganz profan bei Starbucks an der Ecke.

Das Treffen hat meist etwas Freundschaftliches und ähnelt oft einer Unterhaltung unter Bekannten. Beide Parteien machen Werbung in eigener Sache. So sind die Interviews von überschwänglichem Optimismus geprägt. "Sie entsprechen genau unserem Profil", diesen Satz habe ich schon so oft gehört.

Doch eine Antwort bleibt dann aus. Das ist im derzeitigen Arbeitsmarkt ganz normal. Die Firmen haben alle Zeit der Welt, sich die besten Leute auszusuchen und sie dann erst einmal eine Weile hinzuhalten. Da die Personalabteilung auch beschäftigt sein will, wird weiterhin fleißig eingeladen und interviewt, ohne den Kandidaten über die Ausweglosigkeit seiner Bewerbung zu informieren.

Schluss mit den Freiflügen

Erst über Kontakte erfahre ich dann, dass entweder ein Einstellungsstopp herrscht oder Uni-Absolventen zurzeit nicht gefragt sind, sondern nur Experten mit langjähriger Berufserfahrung. Und diese sind im Überfluss vorhanden. Im Wochenrhythmus höre ich von Bekannten und Freunden, die bei Investmentbanken wie Goldman Sachs oder Merrill Lynch, bei Private-Equity-Firmen oder Hedgefonds rausgeflogen sind. Das war vor einem Jahr noch ganz anders.

Rückblende: Im April 2008 sitze ich im Flugzeug von New York nach Hamburg. Eine international bekannte Unternehmensberatung hat mich zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, Flug und Hotel inklusive - und das für ein Praktikum! Ich freute mich auf ein bisschen angenehmen Bewerbungstourismus nach dem Studium.

Diesen Februar gab es dann keine Freiflüge mehr nach London oder Hongkong und erst recht keine Zusage. Auch meine Freunde mit dem Abschluss "Master of Business Administration" hatten weniger Angebote.

Viele geraten in Geldnot. Vor kurzem erzählte mir eine amerikanische Freundin, dass die Krise ihr geerbtes Aktienportfolio zusammengeschmolzen habe. Verfügte sie zu Beginn ihres Studiums noch über 250.000 Dollar, sind davon nach Studiengebühren (38.000 Dollar pro Jahr) und Konjunktureinbruch nur 40.000 übrig geblieben.

Ins Berufsleben mit einem Schuldenberg

Viele meiner amerikanischen Freunde haben Schulden von mehr als 100.000 Dollar aufgehäuft und müssen die jetzt über Jahre mühsam abstottern. Wenn nach Studienabschluss der sicher geglaubte, hochdotierte Job ausbleibt und auch andere soziale Absicherungen fehlen, ist der Absturz in die Armut auch für gut ausgebildete Akademiker schnell Realität.

Manch einer greift zu ungewöhnlichen Mitteln. So habe sich, meldet ein Regionalsender, die Anzahl von New Yorkern, die ihr Sperma oder ihre Eizellen für die Reproduktionsmedizin verkaufen, in den vergangenen Monaten verdoppelt. Zwei von den kürzlich geschassten Bankerfreunden haben sogar ihre private Leidenschaft zum neuen Berufsfeld erkoren: Eine Analystin ist jetzt SM-Domina und der Investmentbanker ein Edel-Callboy in Chelsea.

Und ich? Ich suche weiterhin einen Job bei einem Wagniskapitalgeber, der sich an innovativen Kleinunternehmen in Entwicklungsländern beteiligt und diesen beratend zur Seite steht. Leider tut man sich in Deutschland noch immer recht schwer, Entwicklungsländer als vielversprechende Märkte zu erschließen. In den USA gibt es ungefähr 25 bis 30 solcher Risikokapital-Fonds, in Deutschland keinen einzigen.

Dafür hat Deutschland seinen Sozialstaat: Noch hoffe ich, dass ich nicht unter dem Hartz-IV-Schutzschirm die Krise abwettern muss!

Mark Maleika, 29, stammt aus Stuttgart und studierte Volkswirtschaft und Finanzen an der Universität Maastricht, der Universidad des Autonoma Madrid und der Columbia University in New York

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