Deutscher Studienpreis Querköpfe für den Markt

100.000 Euro schüttet die Körber-Stiftung an junge Wissenschaftler aus, dazu goldene Sägen oder Mistgabeln. Die Talente suchten nach dem "Mythos Markt" und Trends der modernen Arbeitswelt. Ihre Arbeiten sind undogmatisch - von der Fotoausstellung mit "Insolvenzruinen" bis zum Theater als Labormodell.

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Der Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz hatte kein Interesse an einer weiteren akademischen Karriere. Dem 20-Jährigen, gerade zum Doktor der Rechte promoviert, erschien die Entfaltung seiner Fähigkeiten in den verkrusteten Strukturen einer Universität nicht möglich.

Nida-Rümelin (links) mit Preisträgern: Auf der Spur des "Mythos Markt"
David Ausserhofer

Nida-Rümelin (links) mit Preisträgern: Auf der Spur des "Mythos Markt"

Im nach Leibniz benannten Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften scheint das 350 Jahre später nicht anders zu sein. Der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, den der Kanzler ob seiner markanten Lockenpracht "Kulturpudel" getauft haben soll, klagt an: Die deutschen Universitäten seien in einer "desolaten Situation". Zwar werde reformiert, doch fehle dabei die "geistige Substanz". Statt Verschulung über Bachelor-Studiengänge müsse wieder die Autonomie der Wissenschaften in den Vordergrund rücken. "Es geht um die Befähigung zum eigenen Urteilen", sagt Nida-Rümelin, Inhaber des Münchner Lehrstuhls für politische Theorie, "wir brauchen Spielraum für die Querköpfe, wir müssen solche Persönlichkeiten in ihrer Provokation aushalten."

Die Querköpfe sitzen vor ihm: 50 junge Wissenschaftler, die meist interdisziplinäre Arbeiten zum Thema "Mythos Markt?" bei einem Wettbewerb der Körber-Stiftung eingereicht hatten. Die Frage: Wie ist die moderne Arbeitswelt zu gestalten, was sind die Trends? Die besten sieben Teilnehmer erhielten am Montag den jeweils mit 5000 Euro dotierten Deutschen Studienpreis.

"Insolvenz - Alles muss raus"

Christin-Melanie Fuchs, 27, gehört dazu. Sie hat aus ihrer Psychologie-Diplomarbeit eine Anleitung für deutsche Unternehmer gebastelt, die sich auf dem brasilianischen Markt zurechtfinden wollen. "Wegen der unterschiedlichen kulturellen Standards kommt es zu Missverständnissen zwischen deutschen Arbeitgebern und brasilianischen Mitarbeitern", sagt Fuchs. Ihre Mutter ist Brasilianerin, der Vater Deutscher - sie weiß, wovon sie schmunzelnd spricht: "Zu Hause habe ich die interkulturellen Konflikte am eigenen Leib erlebt." Grundsätzlich seien die Brasilianer flexibler als die Deutschen, sie seien engagiert, auch wenn ihnen Überstunden nicht extra vergolten würden. Aber sie gäben nicht unbedingt Bescheid, wenn ein Termin nicht eingehalten werden könne. Fuchs' Arbeit soll deutschen Unternehmern bei "kritischen Interaktionssituationen" weiterhelfen.

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Deutscher Studienpreis: "Insolvenz - Alles muss raus"

Der Markt wird nicht verherrlicht im Leibniz-Saal. Eher im Gegenteil: "Insolvenz - Alles muss raus" heißt die Arbeit von Susanne Ludwig, 29, aus Kiel. Als Designstudentin hat sie bankrotte Betriebe fotografiert: "Es gibt eben auch diese Seite des Marktes. Ich zeige ein Bild der Arbeitswelt, das man nicht kennt. Mit dem Zerfall will man sich nicht beschäftigen." Auf ihren Bildern zeigt sie "Insolvenzruinen": bemooste Räume, zurückgelassene Insignien eines Möbelhauses, leer geräumte Hallen.

Menschen zeigt Ludwig nicht, "die Leute, die da mal gearbeitet haben, sind nur durch ihre hinterlassenen Spuren gegenwärtig". Ein halbes Jahr hat sie an den Bildern gearbeitet, war vor allem in Norddeutschland unterwegs - beim Pleite gegangenen Möbelhaus Meyn in Neu Wulmstorf bei Hamburg etwa, oder beim insolventen Telefonhersteller Hagenuk in Kiel. Für Ludwig hat es sich gelohnt: "Künstler sind sehr darauf angewiesen, auch mal einen Wettbewerb zu gewinnen."

Gesucht: Schräges und Unfertiges

Studierende wie Fuchs und Ludwig sind hier gefragt, weil sie "Brücken zwischen Theorie und Praxis bauen", sagt Wolf Schmidt, Vorstandsmitglied der nach dem Hamburger Unternehmer Kurt A. Körber benannten Stiftung. Diese Brückenbauer und interdisziplinären Forscher aber würden an den Universitäten "eher abgestraft. Deshalb zeichnen wir hier auch das Schräge, das manchmal Unfertige aus", so Schmidt. Gerade beim Thema Arbeit sei ein Perspektivwechsel notwendig, um die öffentliche Diskussion auf neue Wege zu bringen, denn "Wissenschaft soll mithelfen, die Gesellschaft zu gestalten". Schmidt ist einer, der schnell leuchtende Augen bekommt. Er ballt dann die Fäuste, gibt seinen Schultern einen Ruck nach vorn: "Unsere Idealvorstellung ist die, dass die hier eingereichten Beiträge nur für uns erstellt sind."

Plakat zum Wettbewerb: "Die Gesellschaft gestalten"

Plakat zum Wettbewerb: "Die Gesellschaft gestalten"

Anne Giebel, 25, und Christian Apfelbacher, 27, haben sich diesem Ideal unterm Münchner Himmel genähert: "Lange Gespräche im Englischen Garten haben uns auf die Idee gebracht, eine Arbeit über den Pflegesektor zu schreiben", sagt die Historikerin Giebel. "Wir haben uns ordentlich reingekniet und sechs Wochen daran gearbeitet - bis vor wenigen Tagen", ergänzt Apfelbacher, Student der London School of Hygiene and Tropical Medicine. In ihrer Arbeit suchen die beiden Nachwuchswissenschaftler nach Gründen für den deutschen Pflegenotstand und machen Vorschläge zur Behebung des Arbeitskräftemangels. Aus Soziologie, Arbeitspsychologie und Geschichtswissenschaft ziehen sie ihre Argumente.

Apfelbacher und Giebel fordern die "Professionalisierung der Pflegeberufe durch akademische Abschlüsse" sowie eine "Anerkennungskultur für ehrenamtliche und familiäre Arbeit". Neben den 5000 Euro Preisgeld erhält jeder Sieger einen Gegenstand aus dem Handwerk, der die Theorie an ihre dienende Funktion in der Praxis erinnern soll. So gibt es für das Pflege-Duo eine golden lackierte Mistgabel.

Klarer Vorsprung der Frauen

Christiane Mück, 27, und Karen Mühlenbein, 26, bekommen eine goldene Säge. "Warum noch studieren?", fragten sie in ihrer Arbeit. Das Ergebnis: Zwar gibt es immer mehr Akademiker, doch werden sie nicht vermehrt arbeitslos. Allerdings schmelze der frühere Vorsprung beim Einkommen gegenüber den Lehrberufen ab: "Die Bildungsprämie wird geringer." Nur bei Juristen und Medizinern geht noch was.

Die Organisationstheoretikerin Doris Eikhof, 28, hat die Beschäftigungsformen der Zukunft zu prognostizieren versucht. Und dabei eine Entdeckung gemacht: "Das, was für andere Arbeitswelten prognostiziert wird, das gibt es schon - am Theater." Das Labormodell Theater sei "wie eine Modelleisenbahn: Ich habe alle Variablen auf dem Tisch und kann sie mir anschauen".

Eikhof hat so herausgefunden, dass sich "transorganisationale Formen" von Arbeit ausweiten werden. Menschen arbeiten immer öfter in Form befristeter Projekte zusammen, ohne Mitglied in einer bestimmten Organisation zu sein. Die Lebensführung werde "verbetrieblicht", Beruf und Privatleben verschmelzen. "Der Sport zum Beispiel dient dann der Erhaltung des Körpers und der Kinobesuch letztlich der Konkurrenzbeobachtung", so Eikhof.

Die Spitzenkonkurrenz beim Deutschen Studienpreis ist fast ausschließlich weiblich. Und auch unter den Zweitplatzierten dominieren die Frauen, obwohl sich mehr Männer beworben haben. Einen derartigen Vorsprung eines Geschlechts, so die Veranstalter, habe es noch nie gegeben. Körber-Geschäftsführer Lothar Dittmer erkennt im Studienpreis 2005 gar "ein ausgeprägtes Frauenförderprogramm". Aber auch aus Universitätsseminaren ist zu hören, dass Frauen verstärkt nach vorne drängen, dass sie leistungsbereiter und effizienter sind als ihre männlichen Mitstreiter.

Anders als Leibniz scheinen die Frauen sehr wohl in den Universitäten Karriere machen zu wollen. "Wenn ich groß bin, will ich Professorin sein", sagt Doris Eikhof und lächelt ihr energisch nickendes professorales Gegenüber an.



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