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05. Oktober 2001, 12:18 Uhr

Diffuser Karrierefaktor

Viel heiße Luft um die "Soft Skills"

Von Oliver Mest

Teamfähig, organisationsstark, flexibel, belastbar, mobil. Und natürlich motiviert und kreativ: All das verlangen Unternehmen in Kleinanzeigen von Bewerbern. Was aber verbirgt sich hinter diesen Soft Skills? Und woher wollen Personalentscheider wissen, ob ein Kandidat sie mitbringt?

Hanns Meierhoff hat klare Vorstellungen vom idealen Bewerber: "Vor allem Führungskräfte müssen sich durchsetzen können", sagt der Personalchef einer Kölner Medienagentur. "Sie sollten in der Lage sein, ihre Vorstellungen sachlich zu präsentieren, sich und ihre Arbeit zu organisieren. In der Regel brauchen sie ein gewisses Maß an Mobilität und Flexibilität", erläutert Meierhoff seine Kriterien bei der Auswahl neuer Mitarbeiter. Er weiß aber auch: Solche Eigenschaften mussten leitende Angestellte und Manager stets mitbringen. "Was schon immer gefordert wurde, heißt heute nur anders", meint Meierhoff.

Handschlag auf den Arbeitsvertrag: Das Ziel der Bewerbung
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Handschlag auf den Arbeitsvertrag: Das Ziel der Bewerbung

Gefragt sind Merkmale wie emotionale Intelligenz, Motivation, Kreativität - doch was Firmen damit genau meinen, bleibt häufig im Nebel. Wenn es darum geht, Mode-Begriffe mit Leben zu füllen, offenbaren viele Personalentscheider eine gewisse Ratlosigkeit. So umschreiben sie emotionale Intelligenz gern als "Fähigkeit, mit Menschen umgehen zu können".

Tatsächlich fasst emotionale Intelligenz aber eine Menge menschlicher Verhaltensweisen zusammen, die nicht alleine im Job anzutreffen sind, etwa Menschenkenntnis oder Selbstkontrolle. Im Beruf zeigt sich das durch ein rücksichts- und verständnisvolles Miteinander, das sich nicht nur an optimalen Leistungen, großen Erfolgen und diszipliniertem Arbeiten misst.

Vorsicht, Falle: Flexibilität kann jede Menge Überstunden bedeuten

Das Wortgeklingel um die Soft Skills bedeutet viel heiße Luft. Bewerber sollten sich weder von den vermeintlich riesigen Anforderungen einschüchtern noch von großen Namen und tollen Titeln blenden lassen. Wichtig ist das Kleingedruckte, der Anzeigentext im Zusammenhang: Welche Qualifikationen genau sind gefordert? Was steckt auf den zweiten Blick dahinter?

Teamfähigkeit, Kommunikationsgeschick oder Beweglichkeit: Häufig liefern die Beschreibungen in den Stellenanzeigen nicht nur ein Bild vom Wunschkandidaten, sondern dem Interessenten auch ein ziemlich unverfälschtes Profil vom neuen Job. Denn nichts umschreibt die Eigenschaften der vom Chef gesuchten Wunsch-Besetzung besser. "Wenn Unternehmen Mitarbeiter suchen, die motiviert und flexibel sind", hat Bewerber Christian Wohlfahrt festgestellt, "dann heißt das häufig, dass der Job den Mitarbeiter zu 120 Prozent fordert, denn dafür braucht man Motivation. Und dass Überstunden angesagt sind, dafür ist Flexibilität nötig."

Assessment Center liefern ein genaueres Persönlichkeitsbild

Aber wenn Soft Skills für die Karriere so entscheidend sind - wie genau machen die Verantwortlichen sich ein Bild davon, ob die Bewerber die gewünschten Eigenschaften besitzen? "In den üblichen Interviews mit den Bewerbern ist das kaum möglich", erklärt Personaler Meierhoff. Er favorisiert Assessment Center (AC), ebenso wie Claus Peter Müller-Thurau. Der Karriereexperte und Autor und Karriereexperte sieht auch die Vorteile für die Bewerber: "Wer die Einladung zu einem AC erhält, hat schon gewonnen. Denn eine kostenlose Trainingsmöglichkeit in Soft Skills wie Kommunikationsfähigkeit und Teamkompetenz ist damit allemal sicher."

Auf dem Prüfstand im Assessment Center sollen die Kandidaten beweisen, ob sie den soften Karrierefaktor mitbringen. "Vorrangig geht es dabei um die Frage, wie der Bewerber die Gratwanderung zwischen Durchsetzungsvermögen und Teamfähigkeit schafft", erklärt Müller-Thurau.

Schauspielerei kann zu Bruchlandungen führen

Sie müssen also eigene Lösungen ausarbeiten, Initiativen einbringen und dabei trotzdem auf andere Ideen eingehen, kontroverse Meinungen auf einen Nenner zu bringen. Wer indes unnachgiebig gegen alle Vernunft argumentiert und sich selbst allzu gerne reden hört, ist schnell aus dem Rennen.

Ein wenig Schauspielkunst mag im Assessment Center noch helfen. Doch wer sich selbst nicht treu bleibt, riskiert nach den ersten Wochen im Beruf eine Bauchlandung. "Ich wollte unbedingt diesen Job und habe mich in den Gesprächen und Tests total verstellt", räumt Bewerberin Katja Wullenberg ein. "Am Ende war ich, die eigentlich am liebsten alleine konzentriert vor sich hinarbeitet, die große kommunikative Team-Playerin - und war schon in der Probezeit wieder draußen."

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