Diplom-Anerkennung Fördert die EU den Titelhandel?

Weil sechs Bundesländer ausländische Diplome nur bedingt anerkennen, muss Deutschland sich vor dem Europäischen Gerichtshof verantworten. Setzt sich aber die EU durch, erhalten fragwürdige Franchise-Angebote Auftrieb - und dann ist so mancher akademische Abschluss nichts mehr wert.

Von Bärbel Schwertfeger


Wer ist in Europa für Abschlüsse an Hochschulen zuständig?

Wer ist in Europa für Abschlüsse an Hochschulen zuständig?

Wie kommt ein Versicherungsvertreter möglichst einfach und legal zu dem begehrten akademischem Abschluss Master of Business Administration (MBA)? Ganz einfach: Über das Franchise-Angebot der University of Wales mit der Hamburger Allfinanz Akademie. Zwar setzt der MBA als Postgraduate-Abschluss in Deutschland ein vorheriges Hochschulstudium voraus, und genau das haben viele Interessenten an dem imageträchtigen Titel nicht. Aber bei der Allfinanz Akademie geht es auch ohne.

Wer dort den MBA für Finanzdienstleister erwerben will, braucht nicht einmal das Abitur. Er muss lediglich 25 Jahre alt sein, zwei Jahre in einem fachlich einschlägigen Job tätig gewesen sein und einen ziemlich lächerlichen Aufnahmetest bestehen (Wie heißt der längste Fluss Europas: Rhein, Wolga, Rhone oder Donau?). Dann absolviert er ein viersemestriges Fernstudium an der Allfinanz Akademie und bekommt dafür den MBA der University of Wales at Cardiff.

Glückliche Absolventen: Was ist der Titel wirklich wert?
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Glückliche Absolventen: Was ist der Titel wirklich wert?

Reisen nach Großbritannien sind dafür gar nicht notwendig. Denn die Briten sind nach "gründlicher Überprüfung" zu dem Schluss gekommen, dass das deutschsprachige Allfinanz-Programm einem MBA-Studiengang an der University of Wales als gleichwertig anzusehen ist. Und weil die University of Wales eine anerkannte britische Universität ist, darf der akademische Titel auch in Deutschland geführt werden. So sagt es die EU-Vorschrift.

Das ging einigen Bundesländern dann doch zu weit - sie verweigerten den Allfinanz-Absolventen die Genehmigung, den Titel zu führen. Ihr Standpunkt: Der Titel muss nicht nur an einer anerkannten Uni, sondern dort auch in einem ordnungsgemäßen Studium erworben worden sein. Doch das fand niemals statt. Denn die Briten vergeben den Titel nicht für ihr eigenes Studium, sondern für ein ihrer Meinung nach gleichwertiges Studium der Allfinanz Akademie.

Lukrative Einnahmequelle für darbende Unis

Die Ablehnung der Titelführung brachte jedoch einen Allfinanz-Absolventen auf die Barrikaden. Er beschwerte sich bei der EU Kommission, die nun Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland erhob.

Nach britischem Recht ist das Titel-Gemauschele nicht angreifbar. Denn auch wenn die Ausbildung anderswo stattgefunden hat, können die Unis einen akademischen Grad verleihen. Und solange sie dies in Großbritannien tun, haben sie freie Bahn.

Doch sobald sie dabei mit einer deutschen Einrichtung kooperieren, wird es problematisch. Denn damit erkennen die Briten eine deutsche Institution ohne Hochschulstatus quasi als Hochschule an - nicht nur ein unzulässiger Eingriff in das nationale Hochschulrecht, sondern auch eine Einladung zum Missbrauch. So könnten die Briten beispielsweise auch die Krankengymnastikausbildung an einer privaten Schule als gleichwertig zu einem Medizinstudium betrachten.

Für die darbenden britischen Universitäten ist das Franchise-Konzept natürlich eine lukrative Einnahmequelle: Sie brauchen nur den Titel zu vergeben und können dafür ein fürstliches Honorar kassieren. Aber auch für deutsche Einrichtungen ohne Hochschulstatus ist das eine prima Sache. Ohne sich um die staatliche Anerkennung kümmern und damit auch um gewisse Qualitätsstandards einhalten zu müssen, können sie ihren Teilnehmern für teures Geld einen anerkannten akademischen Abschluss vermitteln.

Ist das Studium eine Dienstleistung wie Haareschneiden?

Nach einem ähnlichen Muster arbeitet zum Beispiel auch die umstrittene Privatschule International Business School (IBS) in Lippstadt, Bad Nauheim und Berlin. Die IBS hat ebenfalls keinen Hochschulstatus, ihr "Internationaler Betriebswirt" ist daher kein akademischer Abschluss. Aber durch die Kooperation mit der britischen University of Lincoln können die IBS-Studenten im Fernstudium auch einen Bachelor of Arts und einen MBA erwerben. Kein Wunder, dass Schulen wie die IBS die EU-Klage begrüßen.

Europäischer Gerichtshof: Muss über Diplom-Anerkennung entscheiden
AFP

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Interessant dabei ist, dass die Klage von der Generaldirektion Binnenmarkt kommt: Hochschulausbildung wird als ganz normale Dienstleistung wie Schuhreparatur oder Haareschneiden eingestuft. Deutschland wird daher ein Verstoß gegen die Vorschriften des EU-Vertrages über die Dienstleistungsfreiheit (Artikel 49 und 50) vorgeworden. Schließlich wird den britischen Unis das Geschäft vermiest, wenn die Deutschen ihren Titel nicht führen dürfen. Doch das Ganze ist äußerst heikel. Denn es ist fraglich, ob die EU überhaupt in die nationale Hochschulpolitik eingreifen darf.

Zuständig für die Klage ist das Wirtschaftsministerium, das sich dafür wiederum die Expertise der Kultusministerkonferenz in Bonn einholt. Dort ist man gar nicht so böse über die Klage. Denn nur so lässt das leidige Problem endlich einmal lösen. Falls sich die EU Kommission jedoch am Europäischen Gerichtshof durchsetzt und die Vergabe akademischer Titel als eine Dienstleistung wie jede andere behandelt wird, dann bekommt der Titelhandel neuen Aufwind. Und immer mehr ausländische Abschlüsse sind nichts mehr wert.



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