Dritte Halbzeit "Man muss immer am Ball bleiben"

Morgens grätschen, abends BWL oder Aristoteles: Viele Fußballprofis führen ein Zweitleben als Studenten. Und werden von Kollegen eher belächelt - nach Einschätzung von Torhüter Jens Lehmann sind auf einer Mannschaftsfahrt 28 Playstations im Gepäck, aber nur 2 Bücher.

Von Anne-Ev Ustorf


Als Carsten Wolters 35 Jahre alt wurde, begann er, sich Sorgen um sein Alter zu machen. Der Verteidiger vom MSV Duisburg ist seit 1992 Profi-Sportler, in einem Verein spielt er, seit er acht Jahre alt ist. Fußball ist sein Leben. "Doch dann fing ich an, nach dem Training meine Knochen zu spüren", sagt der Berufskicker, "und die Regenerationszeit nach den Spielen dauerte länger." Zum ersten Mal dachte Wolters über die Zeit nach der Spielerkarriere nach. Und seine Frau drängte: "Carsten, jetzt musst du was machen."

Doch nach 12 Jahren als Profispieler auf dem Platz konnte sich Wolters nicht mehr vorstellen, einen stillen Bürojob auszuüben. Der Spieler, der unter Fans als knallharter Abräumer gilt, wollte beim Fußball bleiben. Schließlich erfuhr der Profi vom Fernstudiengang "Sportfachwirt" am Düsseldorfer IST-Studieninstitut. Seit gut einem Jahr beschäftigt sich der gelernte Kaufmann in seiner Freizeit nun mit VWL, BWL und Sportmarketing, erstellt Angebote für Radsportvereine und übt Sponsorenakquise. Ein betriebswirtschaftliches Praktikum hat er auch schon absolviert - in der Geschäftsstelle des MSV Duisburg, der in dieser Saison wieder in der ersten Liga mitspielt.

Knapp 20 Prozent aller Profi-Fußballer in Deutschland sind derzeit an einer Universität oder Fachhochschule eingeschrieben, schätzt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Spielergewerkschaft. Ihre Freizeit verbringen sie oft damit, Hausarbeiten zu schreiben oder Scheine zu sammeln.

"Die wirtschaftlichen Aussichten bewirken bei den Profis ein Umdenken", sagt der ehemalige Hertha-Kapitän Michael Preetz, der nach seinem Sportmanagement-Fernstudium nun einen Job in der Geschäftsleitung von Hertha BSC gefunden hat. Weil viele Vereine sparen müssen, reduzieren sie ihre Spielerbestände. Von insgesamt 2500 hauptberuflichen Fußballern in Deutschland haben sich etwa 250 arbeitslos gemeldet.

Furcht vor dem Karriereende

"Gegen Karriereende oder nach einer längeren Verletzungspause ist die Bereitschaft zur Weiterbildung besonders hoch", sagt Baranowsky. "Fast alle wollen im Sportbereich bleiben, am liebsten im Vereinsmanagement." Die Liste derer, die nebenbei einen Abschluss in BWL oder Sportmanagement gemacht haben, ist lang: Herausragende Beispiele sind Oliver Bierhoff, seit 2004 Manager der Nationalelf, Ex-HSV-Spieler Dietmar Beiersdorfer, der Leverkusener Keeper Hans-Jörg Butt und der zweimalige Bundesliga-Torschützenkönig Stefan Kuntz. Viele jüngere Spieler sind oder waren ebenfalls eingeschrieben wie der Kölner Torwart Stefan Wessels, Arsenal-Keeper Jens Lehmann und der Dortmunder Lars Ricken. "Es ist nicht mehr so, dass man, wenn man ein guter Kicker war und ein paar Tore gemacht hat, direkt ins Management kommen kann", sagt Stefan Kuntz, der mittlerweile Manager beim Regionalligisten TuS Koblenz ist.

Doch nicht alle Spieler sehen ihre Zukunft im Fußball. Martin Meichelbeck vom VfL Bochum studiert im neunten Semester Soziale Verhaltenswissenschaften und Soziologie an der Fernuniversität Hagen. Der Abwehrspieler hatte ursprünglich in Erlangen ein Psychologiestudium aufgenommen, konnte es nach seinem Wechseln zum VfL aber am neuen Wohnort nicht fortsetzen, denn die Professoren in Bochum pochten auf Anwesenheitspflicht - das war mit dem intensiven Trainingsplan von Meichelbeck schlichtweg nicht zu vereinbaren. Also wechselte der 29-Jährige an die Fernuni, wo sein Programm nun einem Psychologiestudium ohne klinischen Schwerpunkt entspricht.

Meichelbeck will Sportpsychologe werden: "Der Bedarf wird im Fußball immer größer", findet der Berufskicker, "insbesondere im Bereich der mentalen Optimierung kann man den Spielern als Psychologe gut helfen". Bis Mitte dreißig möchte der Verteidiger noch spielen und dann eine verhaltenstherapeutische Zusatzausbildung beginnen.

Äußerst knappes Zeitbudget

Doch es ist nicht immer leicht, Job und Studium zu vereinbaren. Meichelbeck trainiert im Schnitt achtmal die Woche, Punktspiele und Reha-Zeiten kommen dazu. Das Studium nimmt im Schnitt zehn Stunden die Woche in Anspruch. Zum Semesterbeginn bekommt der Fußballprofi ein Paket mit Studienunterlagen von der Fernuni zugesandt, die er dann bearbeitet zurückschicken muss. Jedes Semester stehen Abschlussklausuren an. "Es ist schon aufwendig und schwierig, das Lernen zu planen", gibt Meichelbeck zu. "Gerade, wenn ich starker körperlicher Belastung ausgesetzt bin, kann ich mich nur schwer auf komplizierte Texte konzentrieren. Da braucht es viel Disziplin und Motivation. Man muss halt am Ball bleiben."

In der Mannschaft wird Meichelbeck wegen seines Studiums eher belächelt. "Ich bin nicht so der prototypische Fußballer." Gibt es den überhaupt? Ein heikles Thema - da zitiert Meichelbeck lieber einen Kollegen: "Jens Lehmann hat mal gesagt, dass auf einer Mannschaftsfahrt 28 Playstations und 2 Bücher im Gepäck sind; da ist was dran." Dass Spielerkollegen auf ihn zukommen, um psychologischen Rat einzuholen, passiere so gut wie nie: "Fußballer versuchen, möglichst wenig Schwäche zu zeigen."

Gegen das Bochumer Team nimmt sich die Mannschaft von Borussia Mönchengladbach geradezu schöngeistig aus. Gleich drei Spieler sind immatrikuliert: Abwehrchef Zé Antonio studiert Mathematik und Biologie an der Universität Lissabon, Keeper Kasey Keller ist in den USA für Soziologie eingeschrieben, und Mittelfeldregisseur Thomas Broich studiert seit diesem Semester in Düsseldorf Philosophie. Doch während seine beiden ausländischen Kollegen nur daheim am Schreibtisch lernen, geht der 24-jährige Broich schön altmodisch zur Uni: "Fernstudium kam für mich nicht in Frage. Ich wollte den Kontakt zu den Kommilitonen - mal in der Mensa sitzen, den Charakter einer Vorlesung in mich aufsaugen, die ganze zwischenmenschliche Interaktion", sagt der Stammspieler.

"Ich sauge alles auf wie ein Schwamm"

Für Philosophie interessiert sich der Bundesligaprofi seit langem: "Schon in der Schule hat mich Ethik fasziniert. Seitdem habe ich viele philosophische Texte gelesen, vor allem Aristoteles. Ich sauge alles auf wie ein Schwamm." Vorlesungen kann er nur nachmittags und abends besuchen, was nicht so schlimm ist, weil er das Studium weniger im Hinblick auf einen späteren Beruf als aus Interesse absolviert. "Aber ich mache das nicht nur 'just for fun'", sagt der Gladbacher. "Ein bisschen was soll schon bei rumkommen."

Vor aufdringlichen Verehrern muss sich der Fanliebling an der Uni nicht schützen - von den Philosophiestudenten hat ihn bislang kein einziger erkannt. Nur in der Mannschaft hat "Mozart", wie ihn die Kollegen aufgrund seiner Vorliebe für klassische Musik nennen, manchmal Stress: "Wenn's gut läuft, gibt es keine Probleme. Aber wenn's nicht gut läuft, heißt es schnell: 'Du denkst zu viel, du nimmst den Fußball nicht ernst genug.'"

Eins haben die Kommilitonen aus der Bundesliga gemeinsam: Sie lieben ihren Job auf dem Platz und möchten so lange spielen wie möglich. "Als Fußballer macht man einfach tolle Erfahrungen - positive wie negative", schwärmt Meichelbeck, "das möchte ich noch auskosten". Auch der junge Kaiserslautern-Spieler Michael Lehmann, 21, der seit zwei Semestern Physik an der TU Kaiserslautern studiert, kann sich kein Leben ohne Fußball vorstellen: "Für mich gibt es nichts Schöneres, als hier im Verein zu bleiben."

Der Duisburger Carsten Wolters weiß jetzt schon, dass die Zeit nach der Spielerkarriere hart wird: "Als Fußballer ist man ja im Paradies. Man darf einen tollen Job machen, hat viel Freizeit und wird dafür auch noch gut bezahlt - ich bin sehr dankbar, dass ich so lange spielen durfte." Dann überlegt er kurz - und fügt hinzu: "Aber vielleicht spiele ich ja noch ein paar Jahre zweite Liga."

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