Ein Jahr Juniorprofessur Sieht alt aus, der Kleine

Das Hochschulrahmengesetz brachte für junge Wissenschaftler eine wichtige Neuerung: Juniorprofessuren sollen die Habilitation ersetzen und die Karrierechancen an der Uni verbessern. Jörg Rössel zieht eine gemischte Zwischenbilanz: Bisher sei die Juniorprofessur keine Erfolgsgeschichte, sagt der Leipziger Forscher im Interview.


Die Arbeitsgruppe der ''Jungen Akademie'' an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hat sich mit Erfolg und Misserfolg der Juniorprofessur beschäftigt - und eklatante Schwachstellen entdeckt. Was haben Sie herausgefunden, Herr Rössel?

Junge Forscher: Kaum bessere Aussichten durch Juniorprofessur?
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Junge Forscher: Kaum bessere Aussichten durch Juniorprofessur?

Jörg Rössel:

In unserer Studie haben wir untersucht, ob die Juniorprofessur oder deren Umsetzung tatsächlich den Intentionen und Zielsetzungen, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) damit verbunden hat, gerecht werden kann. Unsere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass man alles in allem doch eine recht gemischte Bilanz vorlegen muss. Dazu gehört, dass die Juniorprofessoren doch relativ alt auf ihre Stelle berufen werden, so dass auch sie im Grunde schon Ende 30 sind, wenn sie aus dieser Stelle ausscheiden - also ähnlich alt wie Leute, die sich habilitiert haben und dann auf die Erstberufung auf eine Lebenszeitprofessur warten.

Das war ja nur eine Sache, die man sich von der Juniorprofessur versprochen hat. Es gibt auch die Unabhängigkeit vom Lehrstuhl, um insgesamt diese Stelle attraktiver zu machen, gerade für Nachwuchswissenschaftler. Wie ist es damit, kommen Sie zu einem ähnlich schlechten Ergebnis?

Rössel: Ja, auch hier sieht es so aus, dass ungefähr die Hälfte der Befragten angibt, dass sie an einen Lehrstuhl angebunden sind. Und bei der Unabhängigkeit muss man auchberücksichtigen, dass die ganz zentral mit der Ausstattung der Juniorprofessoren zusammenhängt. Da sind wir insgesamt zu einem recht ernüchternden Resultat gekommen, weil relativ viele Juniorprofessoren weder über Sekretariatskapazitäten noch über Mitarbeiter oder studentische Hilfe oder Laborpersonal verfügt. Da hatten wir eigentlich unterstellt, dass vor allem über die Anschubfinanzierung des BMBF, aber auch über die Unterstützung der Universitäten hier eine bessere Ausstattung gewährleistet werden kann.

Wie kommt das? Das Bundesbildungsministerium unterstützt die Juniorprofessur mit 10.000 Euro pro Jahr. Da ist eigentlich Geld vorhanden, wo fließt das hin?

Rössel: Das können wir nicht wirklich sagen auf der Basis unserer Befragungen. Wir haben die einzelnen Juniorprofessoren und Juniorprofessorinnen befragt, wie hoch ihre Ausstattung ist. Auf dieser Basis konnten wir feststellen, dass es eine Differenz gibt, die darauf hindeutet, dass es durchaus sein könnte, dass an einigen Unis dieses Geld nicht bei den Juniorprofessoren unmittelbar zugeordnet wird, auch im Grunde in den allgemeinen Haushalt fließt.

Sie sprechen also von Mitnahmeeffekten. Haben Sie das genauer untersucht?

Rössel: Damit ist einfach nur die Ausschreibungsaktivität gemeint. Wir hatten den Eindruck, dass vor allem zu Beginn, als es noch eine höhere Förderung für die Juniorprofessoren gab, nämlich 75.000 Euro, dass es einen sehr großen Schub an Ausschreibungen für Juniorprofessoren gegeben hat, der doch jetzt in den letzten 16, 18 Monaten relativ deutlich zurückgegangen ist - auf ein unserer Ansicht nach zu niedriges Niveau, was so ungefähr bei 25 ausgeschriebene Stellen pro Monat liegt. Damit ist gemeint: Zum Zeitpunkt, als ungefähr das Gesetz verabschiedet wurde, sind sehr viele Unis darauf eingestiegen, haben die Fördermittel mitgenommen. Jetzt sieht es so aus, dass es keine langfristigen Effekte gibt und die Juniorprofessuren nicht langfristig und in genügend großer Zahl ausgeschrieben werden.

Und bei den Ausschreibungen haben Sie festgestellt, dass es häufig aus dem Haus geschieht?

Rössel: Im Gesetzesentwurf sind Hausberufungen auf Juniorprofessuren ermöglicht, und es hat tatsächlich eine ganze Reihe solcher Fälle gegeben. Das blieb durchaus im Bereich von einem Viertel bis Drittel der Stelleninhaber. Man muss ergänzen, dass hier Nepotismus oder soziale Beziehungen nicht allein relevant waren - es kann sein, dass es sich um exzellente Wissenschaftler handelt. Unser Argument ist ein generelles, dass man sagt, damit öffnet man Nepotismus die Tür.

"Campus & Karriere" / Deutschlandfunk



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