Einstiegsgehälter von Akademikern Zwang zur neuen Bescheidenheit

Was bin ich wert? Neue Studien dämpfen die Hoffnungen von Hochschulabsolventen: Unternehmen zahlen Berufsstartern derzeit eher maue Gehälter. Darben müssen vor allem junge Juristen, bei Volks- und Betriebwirten geben sich Großkonzerne spendabler.


Blick ins Portemonnaie: Gehälter für Einsteiger sinken
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Blick ins Portemonnaie: Gehälter für Einsteiger sinken

Die Unternehmen stellen wieder verstärkt ein, aber sie bezahlen Anfängern auch weniger. Zu diesem Ergebnis kommt die IG Metall, die jährlich die Einstiegsgehälter von Berufseinsteigern analysiert. Basis der aktuellen Erhebung ist eine Umfrage unter Betriebsräten in 30 großen Industrieunternehmen. Danach wurde im Vergleich zum Vorjahr ein Fünftel mehr Ingenieure und Kaufleute eingestellt, dafür sanken die Einstiegsgehälter quer durch alle Fachrichtungen um fünf bis sechs Prozent.

Der durchschnittliche Jahresverdienst von Volks- und Betriebswirten in den befragten Unternehmen liegt bei 44.500 Euro brutto, wenn die neuen Kollegen über einen Uni-Abschluss verfügen. Wirtschaftswissenschaftler von einer Fachhochschule verdienen mit durchschnittlich 41.000 Euro weniger, nochmals darunter liegen Bachelor- und Berufsakademie-Absolventen mit 37.700 Euro. Diese Durchschnittswerte geben den sogenannten Median an; dieser Wert teilt die Gesamtmenge in zwei gleich große Teile.

Im Vergleich etwas besser schneiden Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler ab: Hier kommen Uni-Absolventen auf 44.800 Euro, FH-Abgänger auf 40.600 Euro und Inhaber eines Bachelor-Abschlusses auf 40.900 Euro.

Erhebliche Spannweite bei Gehältern

Innerhalb der einzelnen Absolventengruppen ist die Spannweite aber erheblich: So kommen die besten zehn Prozent bei den Uni-Wirtschaftswissenschaftlern auf über 50.000 Euro, während das unterste Zehntel nur knapp 38.000 Euro verdient.

Im Vergleich zu anderen Gehaltserhebungen, etwa von der Vergütungsberatung Personalmarkt in der SPIEGEL-ONLINE-Serie "Gehaltsreport", fallen die Zahlen der IG Metall relativ hoch aus. Das liegt daran, dass die Gewerkschafter nur Großunternehmen berücksichtigten, mit oder ohne Tarifbindung. Die zahlen im Schnitt deutlich mehr als kleinere und mittlere Firmen. Wer sich dort bewirbt, sollte deshalb nicht allein die IG-Metall-Angaben als Richtwert nehmen, sonst könnten seine Gehaltsvorstellungen schnell überzogen wirken.

Jahresgehälter von Absolventen (in Euro)

Hochschule Fachbereich Gehalt (Median)
Uni BWL, VWL 44.525
Uni Informatik, Ing., Nat.wiss. 44.769
FH BWL 41.000
FH Informatik, Ing., Nat.wiss. 40.589
Berufsakad. bzw. Bachelor BWL 37.740
Berufsakad. bzw. Bachelor Ing., Informatik 40.890

Quelle: IG Metall

Zudem ist zu beachten, dass in die Gesamtzahlen der Gewerkschaft alle "harten" Gehaltsbestandteile einfließen. Das können außer den fixen Monatsgehältern eventuell auch ein 13. Monatsgehalt, Leistungszulagen, Urlaubsgeld und Sonderzahlungen sein. Was die Firma freiwillig zahlt, gehört nicht dazu, etwa vermögenswirksame Leistungen, Firmenwagen oder betriebliche Altersversorgung.

Mit wenig rosigen Zahlen wartet die Bundesrechtsanwaltskammer für ihre Klientel auf. Danach ist der Graben beim Verdienst zwischen Einzelanwälten und angestellten Juristen sehr tief. Insgesamt habe das Gros der Jura-Berufseinsteiger die Gehaltserwartungen deutlich zurückschrauben müssen.

Nach Angaben der Kammer lag der Brutto-Mittelwert von Einzelanwälten bei rund 29.000 Euro. In einer Sozietät verdienen Advokaten dagegen mit rund 59.000 Euro doppelt so viel. Spitzengehälter können Nachwuchsjuristen bei Großkanzleien und international operierenden Law Firms erzielen.

Gut informiert ins Bewerbungsgespräch

Grund für den vergleichsweise niedrigen Verdienst von Einzelanwälten ist die Anwaltschwemme. Jedes Jahr wächst die Anwaltschaft um 6000 Absolventen, die Gesamtzahl hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. "Viele überleben das erste Jahr nicht", so Udo Henke vom Deutschen Anwaltsverein. Besonders schwer hätten es Einzelanwälte in der Provinz: "Sie müssen viel arbeiten, haben aber kaum einträgliche Fälle."

Gehälter laut Datenbank von Personalmarkt: Wiwis, Architekten, Ingenieure nach Berufserfahrung

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Einen neuen Zwang zur Bescheidenheit konstatiert auch der Bundesverband Digitale Wirtschaft in Düsseldorf. Laut der Studie "Gehaltsstruktur der Interaktiven Medien-Branche" lagen im Jahr 2004 die Einstiegsgehälter rund sechs Prozent unter dem Vorjahresniveau. Danach beginnt beispielsweise ein Programmierer in der Grafikabteilung mit 35.000 Euro, ein Projektleiter verdient 48.000 Euro.

Vergütungsexperten raten, sich gut auf die Gehaltsverhandlung vorzubereiten. Denn die Frage nach dem Geld kann der entscheidende Punkt in einem Einstellungsgespräch sein: Wer zu hoch ansetzt, ist schnell aus dem Rennen - allzu bescheidenes Auftreten sehen Personalchefs aber auch nicht gern und vermuten schnell, dass der Bewerber sich nichts zutraut.

Die zuverlässigste Quelle für Einstiegsgehälter sind Arbeitsverträge anderer Berufsstarter. "Man sollte einen Überblick über das Niveau in der Branche haben", sagt Karriereberaterin Krausser-Raether aus Frankfurt. Überzogene Forderungen seien nicht besonders hilfreich: "Die Zeiten sind vorbei."

Jan Friedmann

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