Enttäuschte Medizinstudenten "Berufliche Zukunft nur im Ausland"

Seit Monaten rebellieren junge Ärzte gegen miese Arbeitsbedingungen. Der grassierende Groll infiziert auch Medizinstudenten: Einer Umfrage zufolge hadern sie mit dem Arztberuf und brüten über Alternativen - ein anderes Fach studieren, auswandern, beruflich umsatteln?


Der Student, der im dritten Semester zusätzlich einen Norwegisch-Kurs besucht, und sein Kommilitone, der eifrig Industriekontakte pflegt, haben zweierlei gemeinsam: Sie studieren in Deutschland Medizin. Und schon jetzt steht fest, dass sie an einer deutschen Klinik nicht als Arzt arbeiten wollen.

Studentenprotest (Mittwoch in Mainz): Die Wut wächst
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Studentenprotest (Mittwoch in Mainz): Die Wut wächst

Zwar hätten die meisten der rund 80.000 Nachwuchsmediziner hierzulande begriffen, dass es beim Medizinstudium nicht mehr um das spätere "Porsche fahren" geht, sagt Maike Wilk von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden. Aber die miserablen Arbeitsbedingungen als Assistenzarzt an einer Klinik wollen sie auch nicht in Kauf nehmen. Die Studentenvertretung wollte mit einer Online-Umfrage unter 3600 Medizinstudenten herausfinden, wie sich die künftigen Mediziner die Arbeitsbedingungen an Kliniken vorstellen.

Den am Mittwoch veröffentlichten Ergebnissen zufolge ist mehr als die Hälfte der Studenten bereit, später bis zu 50 Stunden pro Woche im Krankenhaus zu arbeiten. Unbezahlte Überstunden wollen 40 Prozent des Ärztenachwuchses jedoch nicht leisten. Etwa 90 Prozent der Jungmediziner sehen eine Entlastung bei Verwaltungsaufgaben als wichtiges Kriterium für die Arbeitsplatzsuche an. Abschreckend wirken die schlechte Bezahlung, ungeregelte Arbeitszeiten sowie die hohe Belastung durch Verwaltungstätigkeiten und der Mangel an Teilzeitjobs.

Alternativen im Hinterkopf

Wegen der schlechten Arbeitsbedingungen an Krankenhäusern schlössen viele Studenten nicht aus, nach dem Studium eine Stelle im Ausland anzunehmen oder in einem medizinnahen Beruf zu arbeiten, sagt Wilk. Wie viele genau solche Pläne im Kopf haben, geht aus der Studie indes nicht hervor - die Daten auf eine entsprechende Frage seien "bei der Auswertung leider verlorengegangen", bedauert Wilk.

Aber in den vielen individuellen Kommentaren komme zum Ausdruck, dass sich die angehenden Ärzte eine Tätigkeit im Ausland als mögliche Option nach dem Studium offenhielten. Laut Wilk gibt es in Deutschland etwa 80.000 Medizinstudenten an 36 Fakultäten. Nach Angaben der Bundesärztekammer liegt die Schwundrate von Medizinern aus ihrem Beruf bei 41 Prozent. Im Jahr 1997 hatten 11.700 Studenten ein Medizinstudium aufgenommen, im Abschlussjahr 2003 aber nur 6802 ihre Arzt-im-Praktikum-Stelle tatsächlich angetreten.

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Gängig sind in der Umfrage Kommentare wie: "Wenn sich in Deutschland nicht ganz bald was ändert, bleibt nur der Weg ins Ausland." Oder: "So wie es heute im Krankenhaus aussieht, gibt es für mich keinen Grund, Arzt zu werden". So fordert Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, die Arbeitsbedingungen an Kliniken müssten sich grundlegend verbessern. "Sonst bricht uns der Nachwuchs auf breiter Front weg", warnt er.

Bei den Medizinern ist der Anteil der Studienabbrecher zwar geringer als in allen anderen Fächern. Er ist aber nach nach Erhebungen der Ärztekammer in den vergangenen Jahren ständig gestiegen, ebenso wie bei den Studiengangwechslern. Die Zahl der "Ärzte im Praktikum", eine Ausbildungsphase, die wegen der befürchteten "Ärzteschwemme" 1988 eingeführt und 2004 wieder abgeschafft wurde, sank den Daten zufolge zwischen 1994 und 2003 um mehr als 21 Prozent.

Das Unbehagen rumort

Hintergrund ist, dass viele Medizinstudenten ihr Fachstudium zwar beenden, aber dann in berufsnahe Medizinfelder, beispielsweise in der Pharmaindustrie, wechseln. Ein Student stellt klar: "Ich möchte nicht unbedingt in alternative Berufszweige, aber die Lage zwingt mich! Sorry."

Am Mittwoch demonstrierten mehrere hundert Medizinstudenten in Mainz gegen die ihrer Meinung nach "katastrophalen Arbeitsbedingungen" in deutschen Krankenhäusern. "Unter uns Medizinstudenten herrscht ein großes Unbehagen, dass wir unsere berufliche Zukunft nur noch im Ausland werden finden können", sagte Wilhelm Kroukis, Sprecher der Humanmedizin-Studenten an der Mainzer Universität.

Kerstin Friedrich, ddp

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