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10. September 2009, 11:44 Uhr

Exodus von Mustermigranten

Abschied aus Almanya

Von Lenz Jacobsen

Schlechtere Jobchancen, kaum Heimatgefühle: Gerade hochqualifizierte junge Deutschtürken nehmen Abschied von Almanya und gehen in die Türkei. Für die Wirtschaft ist das ein Problem - doch an der Abwanderungswelle sind auch deutsche Arbeitgeber schuld.

Der Anruf, der Volkan Callar endgültig aus Deutschland vertrieb, kam an einem Sommertag im Jahr 2006. Es war - mal wieder - eine Jobabsage, diesmal von einer großen Werbeagentur. Das Bewerbungsgespräch sei super gelaufen, und man wolle ihn eigentlich gern einstellen, versicherte man ihm. Aber da gebe es eine Kollegin, die habe leider ein persönliches Problem mit ihm, deshalb könne man ihm die Stelle nicht geben.

Diese Absage war eine zu viel. "Ich bin Türke, nur deshalb hatte sie ein Problem mit mir", sagt Callar. "Das habe ich schon im Bewerbungsgespräch gemerkt." Spontan packte der 30-Jährige seine Sachen und wagte den Schritt in die Türkei, die Heimat seiner Eltern.

Dort riss man sich plötzlich um ihn, es gab ein Bewerbungsgespräch nach dem anderen. Heute leitet er von Istanbul aus das Marketing der deutschen Siemens-Tochter Osram in der Türkei, "so einen guten Job hätte ich in Deutschland nicht bekommen". Zurück nach Deutschland will Callar, der im westfälischen Hagen geboren wurde und aufwuchs, nicht mehr.

Er ist einer von vielen. Reihenweise zieht es junge, gut qualifizierte Deutschtürken nach ihrer Ausbildung in die Türkei. In einer aktuellen Studie zu den Einstellungen deutschtürkischer Akademiker und Studenten kommt das Krefelder sozialwissenschaftliche Institut Futureorg zu dem Ergebnis, dass fast 40 Prozent von ihnen planen, in das Land ihrer Eltern auszuwandern. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hat ein "Brain Drain" eingesetzt, der für die Zukunft Deutschlands gefährlich werden könnte: der Exodus der Mustermigranten.

"In der Türkei bin ich etwas Besonderes"

Schuld daran sind auch die deutschen Arbeitgeber - weil sie Deutschtürken und andere Bewerber mit ausländischen Namen bei der Mitarbeitersuche benachteiligen. Nach einer OECD-Studie aus dem Jahr 2007 sind in Deutschland Akademiker mit Migrationshintergrund fast dreimal so häufig arbeitslos wie Akademiker ohne Migrationshintergrund (12,5 zu 4,4 Prozent). Eine strukturelle Diskriminierung, unter der auch Volkan Callar immer wieder gelitten hat: "Ich wollte es lange nicht wahrhaben, aber wenn es hart auf hart kam, war ich bei der Jobsuche als Türke klar im Nachteil."

Außerdem ist der Arbeitsmarkt in Deutschland insgesamt viel enger und das Wirtschaftswachstum langsamer als in der Türkei, wo gerade internationale Firmen händeringend nach gut ausgebildetem Personal suchen. Junge Uni-Absolventen aus Europa, die auch noch türkisch sprechen können, haben besonders gute Chancen. "In Deutschland bin ich nur einer von vielen", berichtet der diplomierte Betriebswirt Callar, "in der Türkei bin ich etwas Besonderes."

Diese Erfahrung hat auch Emine Sahin gemacht. Nach ihrem Architektur-Diplom hangelte sie sich einige Zeit von Job zu Job, ohne richtig zufrieden zu sein. Als sie wieder mal arbeitslos war, wagte sie den Absprung Richtung Türkei. Erst arbeitete sie in Izmir, dann zog sie nach Istanbul. Auch das ist typisch für die Migranten: Sie landen vor allem in der Westtürkei, wo Lebensstandard und -stil europäisches Niveau erreicht haben.

Gespaltenes Verhältnis zur eigenen Herkunft

Probleme bei der Stellensuche hatte Sahin nicht, ganz im Gegenteil: "Die haben mir sogar jetzt in der Krise noch zwei Jobs angeboten", erzählt die 36-Jährige begeistert. Mittlerweile arbeitet sie als Projektmanagerin in einem großen amerikanischen Immobilienunternehmen. Wie für sie ist für 40 Prozent der deutsch-türkischen Studenten die Hoffnung auf bessere Jobs der Hauptgrund für die Abwanderungspläne Richtung Türkei, zeigt die Futureorg-Studie.

Doch sowohl Emine Sahin als auch Volkan Callar sind nicht allein aus Karriere-Gründen in Istanbul gelandet, sie sind auch auf der Suche nach der eigenen Identität. "Wenn ich im Urlaub in der Türkei war, wollte ich schon immer am liebsten hier bleiben", berichtet Sahin. "Ich bin auch hierher gekommen, um meine Neugier und mein Heimweh auszuleben."

Viele junge Deutschtürken haben ein gespaltenes Verhältnis zur eigenen Herkunft. So ist es auch bei Volkan Callar: Einerseits nennt er sich selbst "Deutscher mit türkischen Wurzeln", andererseits sagt er, er habe sich "in Deutschland immer als Ausländer gefühlt". Einerseits hatte er als Jugendlicher eine deutsche Freundin, andererseits haben ihn deutsche Studenten an der Uni beargwöhnt und ausgegrenzt.

Je schwächer die heimatlichen Gefühle für Deutschland, desto leichter fällt der Abschied in Richtung Türkei. "Mentale Abwanderung" nennen die Verfasser der Futureorg-Studie dieses Phänomen. Sie vermuten, dass die Einstellungen und Erfahrungen der Eltern, insbesondere der Mütter, großen Einfluss auf die Abwanderungspläne der Deutschtürken haben. Anders gesagt: Je zufriedener die Eltern in Deutschland sind, desto eher bleiben auch die Kinder hier.

Deutschtürken werden zu Deutschländern

Es sind deshalb aus Sicht der Wissenschaftler vor allem zwei Stellschrauben, an denen gedreht werden kann, um die qualifizierten Deutschtürken im Land zu halten: Zum einen eine Integrationspolitik, die mit Sprachkursen und Qualifizierungsmaßnahmen vor allem die Mütter erreichen muss. Zum anderen - und hier sind die Unternehmen gefragt - bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Was nützt eine gute Ausbildung, wenn man wegen seines türkischen Namens keinen Job bekommt?

Mit der Benachteiligung deutschtürkische Bewerber schneidet sich die Wirtschaft auch ins eigene Fleisch. Eine heterogene, auch multikulturelle Belegschaft tut Unternehmen langfristig gut, mahnen die Befürworter des "Diversity Management". Doch in den Köpfen deutscher Personaler scheint das noch kaum angekommen zu sein. Volkan Callar sagt dazu nur: "Deutschland verliert uns, die Türkei gewinnt uns."

In Istanbul bilden die zugezogenen Deutschtürken mittlerweile eine stetig wachsende, aktive Gemeinschaft. Und eine deutsche Institution haben sie gleich mit importiert: den Stammtisch. Einmal im Monat treffen sich Emine Sahin und die anderen in einem Restaurant, reden über ihr neues Leben - und oft auch über die Probleme im Umgang mit den einheimischen Türken. "Der Kontakt zu ihnen ist nicht so einfach", erzählt Volkan Callar, "wir sind denen zu direkt, zu wenig blumig."

Man könnte auch sagen: zu wenig türkisch. Auch hier, im Land ihrer Eltern, stehen die Deutschtürken also irgendwo zwischen den Kulturen, bilden ihre eigene kleine Welt. "Deutschländer" nennen sie sich manchmal selbst, um überhaupt einen Begriff für sich zu haben. "Eigentlich", sagt Volkan Callar, "sind wir Nomaden."

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