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Fälschungsverdacht gegen Schweizer Professor "Erfinde einfach eine Analyse"

Hat er sich unglücklich ausgedrückt oder zur Fälschung angestiftet? "Erfinde einfach eine Analyse", schrieb ein Schweizer Chemieprofessor seiner ehemaligen Doktorandin. Er vergaß aber, den Vermerk vor der Veröffentlichung wieder zu löschen. Die Uni Zürich untersucht den Fall.
Die Wissenschafts-Community diskutiert den Fall in Blogs, wie hier im "k2p blog"

Die Wissenschafts-Community diskutiert den Fall in Blogs, wie hier im "k2p blog"

Diese Aufforderung sollte nur eine Person zu sehen bekommen, so viel ist klar. "Emma, bitte füge die NMR-Daten hier ein! Wo sind sie? Und für diese Verbindung, erfinde einfach eine Elementaranalyse...." Absender der Nachricht: der Schweizer Chemieprofessor D.. Adressat der Nachricht: seine Co-Autorin und ehemalige Doktorandin Emma D., frisch promovierte Chemikerin. Ort der Nachricht: Seite 12 in den Zusatzinformationen zu einer gemeinsamen Studie.

Die beiden Wissenschaftler reichten eine Studie, die Teil der Dissertation von D. war, bei der Fachzeitschrift "Organometallics " zur Veröffentlichung ein - sie vergaßen jedoch, vorher den verräterischen Vermerk zu löschen. Die Studie wurde zunächst online veröffentlicht. Bevor sie allerdings für das Fachjournal formatiert und gedruckt werden konnte, stolperten Leser über die merkwürdige Anmerkung. Die Aufforderung zur Datenfälschung wird seither rege und mit teilweise sehr harschen Worten in wissenschaftlichen Blogs  diskutiert.

"Der Chefredakteur der Fachzeitschrift hat uns vor zehn Tagen informiert", sagte Michael Hengartner, Dekan der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät und künftiger Rektor der Universität Zürich (UZH). Nachdem sich die Uni vergewissert habe, dass die Vorwürfe, so Hengartner, "Hand und Fuß hätten", setzte sie eine Kommission ein und strengte eine Untersuchung gegen ihren ehemaligen Professor an.

Der Prof ist in Australien, die Mitarbeiterin in Brasilien

"So etwas hatten wir noch nie", sagte Hengartner. Es gehe bei den Vorwürfen ja nicht um ein klassisches Plagiat, "sondern um die mögliche schriftliche Aufforderung einer Fälschung von einem Mentor an eine Mitarbeiterin. So etwas erfahren Sie sonst ja nicht", sagte Hengartner.

Der Chemieprofessor arbeitet inzwischen an einer Uni in Australien, die Studie entstand jedoch noch an der UZH, wo er sechs Jahre lang als Assistenzprofessor tätig war. Die Frau arbeitet laut Hengartner mittlerweile in Brasilien. Ihre Mutter schaltete sich in die Diskussion ein, jedenfalls dem Blog "Chembark"  zufolge, der eine Mail von ihr veröffentlicht hat. Darin steht: "Ich weiß nichts über die akademische Gemeinschaft, aber die feindlichen und aggressiven Kommentare, die in Blogs hinterlassen werden, sind unfassbar."

Ihre Tochter Emma sei in jedem Fall unschuldig. Sie habe sich schon lange vor dieser Affäre entschieden, die akademische Welt zu verlassen, unter anderem aufgrund der "Konkurrenzsituation an Universitäten". Jetzt fürchte sie jedoch, die Anschuldigungen könnten sich negativ auf ihre Bewerbungen auswirken, so die Mutter.

Die fragwürdigen Moleküle seien eh nicht entscheidend

Eine entlastende Möglichkeit sieht Hengartner jedoch: So könne es sich um ein Missverständnis handeln, da Englisch nicht die Muttersprache des Professors sei. "Make up" werde manchmal auch als "ergänzen" oder "vorbereiten" verwendet. Neben der Aufforderung "just make it up" soll die Arbeit allerdings noch weitere Auffälligkeiten aufweisen. Zudem gebe es auch bei der Nummerierung und Analyse der sogenannten chemischen Zwischenprodukte Unstimmigkeiten.

Die Fachzeitschrift sowie die Universität Zürich forderten D. auf, die Originaldaten zu den verdächtigen Messungen einzureichen. Die Kommission sowie die Chefredaktion habe E-Mail-Kontakt zu dem Professor. Sollte sich der Verdacht bestätigen, würde die Uni ihre Untersuchung "sehr wahrscheinlich auf weitere Publikationen und Arbeiten der D.-Gruppe aus seiner Zeit in Zürich ausweiten", sagte Hengartner. Welche Konsequenzen dem Chemiker drohen, ist noch unklar. Auf Nachfragen von SPIEGEL ONLINE reagierte D. nicht.

Das Fachjournal hat die weitere Veröffentlichung des Aufsatzes gestoppt. Ob er zu einem späteren Zeitpunkt noch klassisch veröffentlicht wird, steht noch nicht fest. In einem offenen Brief erklärte der Chefredakteur, er habe D. aufgefordert, die Originale der mikroanalytischen Daten einzureichen. D. habe dem Fachblatt erklärt, die Moleküle, um die es in der fraglichen Untersuchung gehe, seien für die Studie ohnehin nicht entscheidend gewesen.

Foto: Corbis


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