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Faites vos jeux Studentenjob Croupier

Gehen Sie in das Casino. Gehen Sie direkt dorthin, heißt es für manche Studenten nach den Vorlesungen. Sie finanzieren sich ihr Studium mit Glücksspiel, ganz legal und ohne Risiko: als Croupiers. Gefragt sind Rechenkünste und ein gepflegtes Auftreten.
Von Roman Pletter

Wenn Hendrik Hendrik genug hat von Algorithmen, Differenzialgleichungen und Reihenentwicklungen, geht er ins Casino. Der Informatikstudent finanziert sein Studium mit Glückspiel. Ganz legal und ohne Risiko - denn Hendrik ist die Bank: Er arbeitet zusammen mit einigen anderen Studenten als Croupier am Black-Jack-Tisch im Casino Aachen.

Hendrik ist 23 Jahre alt und kommt aus Indonesien. Vor vier Jahren zog er nach Deutschland, lernte die Sprache, machte das Abitur und studiert nun im dritten Semester an der Fachhochschule Aachen. Nach Vorlesungen zu Datenbanken, numerischen Verfahren oder den Feinheiten der C++-Programmierung begibt er sich in ein völlig anderes Umfeld: Hendrik schlüpft in ein weißes Hemd, zurrt sich eine Fliege um, zieht ein schwarzes Sakko über. So sitzt er dann hinter einem Kartenschlitten, der bis spät in die Nacht automatisch gemischte Karten ausspuckt.

Bevor Hendrik sein Geld mit Glück verdienen konnte, musste er büffeln: Zwölf Wochen lang besuchte er Kurse der Spielbank, um dort Zahlenkolonnen und -kombinationen zu pauken - neben der Uni und unbezahlt. Es waren dieselben Kurse, die auch hauptberufliche Croupiers absolvieren müssen. Trotz der guten Vorbereitung war der Einstieg dann alles andere als ein Kinderspiel. "An meinem ersten Abend war ich so aufgeregt, dass ich am Tisch gezittert habe", sagt Hendrik, "ich habe mich nicht getraut, den Gästen in die Augen zu gucken."

Erst um vier Uhr morgens ist Feierabend

Alice Treusacher ging es vor dreieinhalb Jahren ähnlich - zumal sie schon am ersten Abend ganze Jahresgehälter hin- und herschieben musste. Die 23-Jährige studiert an der Fachhochschule Köln Dolmetschen. Gerade schreibt sie ihre Diplomarbeit und absolviert eine Ausbildung zur Polizistin. Bis vor kurzem saß sie zwei Abende in der Woche am Roulette-Tisch, und auch jetzt arbeitet sie noch im Casino, wenn Zeit bleibt.

Der Einsatz ist hoch: Wenn die Croupiers morgens um vier Uhr aus dem Personalsausgang trotten, sind sie müde und geschafft. Und bei rund zehn Euro Stundenlohn für ihre Nachtarbeit würde sich für Treusacher und die 85 anderen Studenten der drei Westspiel-Casinos in Nordrhein-Westfalen eine eigene Spielhölle im Studentenwohnheim mehr lohnen.

Treusacher liebt ihre Arbeit trotzdem: "Das Schönste an der Arbeit im Casino ist die Atmosphäre", sagt sie. "Das hat etwas Glamouröses. Es ist eine andere Welt." In der anderen Welt geht es bisweilen zu wie an der Börse. Ein Gast gibt Alice Treusacher einen 100-Euro-Jeton und ruft durch einen Menschenpulk hindurch: "Finale sechs à zehn." Flink legt Treusacher je einen 10-Euro-Jeton auf die Felder mit den Zahlen 6,16,26 und 36. Die restlichen 60 Euro bekommt der Gast zurück. Diese "Annonce" ist nur eine von rund 180 chiffrierten Kombinationen.

Roulettecroupiers müssen die Anordnung der Zahlen im Kessel im Schlaf herunter beten können. Das ist nicht jedermanns Sache. In Treusachers Croupier-Kurs waren anfangs 70 Leute. Aber nur acht haben durchgehalten und drehen jetzt die Schüssel für die Gäste ins Glück. Fingerfertig sein muss ein Croupier, ein Kopfrechenkünstler dazu.

Keine Chance für Dreitagebärte und Rastazöpfe

Gutes Benehmen gehört hier einfach zum guten Ton. Alice Treusacher weiß: "Wer ins Casino geht, will etwas erleben." Keinesfalls erleben will die Kundschaft aber Batikhemden, Dreitagebärte und Rastazöpfe; übernächtigt von der letzten Uni-Fete darf keiner der studentischen Croupiers aufkreuzen. Die Personalschefs setzen auf gepflegte Erscheinung. Schließlich holen viele Gäste für den Casinobesuch Anzug und Abendkleid aus dem Schrank, um für einen Abend König zu sein.

Wiewohl auch Könige nicht immer fein sind im Umgang. "Manche Leute brauchen ein Ventil, wenn sie verlieren. Dann ist der Croupier schuld, weil er die Kugel schlecht wirft", weiß Alice Treusacher. Über so einen Unsinn muss sie grinsen, denn schließlich ist es jedem Croupier lieber, wenn die Gäste gewinnen. Und nicht der Landesfinanzminister, der die Spielbankgewinne einstreicht: "Unsere Löhne werden vom Trinkgeld bezahlt," sagt sie.

Doch nicht nur in Sachen Finanzpatriotismus ist es mit vielen Casinobesuchern nicht weit her. Das Spiel um Geld lässt auch sonst tief blicken. Für die Studenten ist die Arbeit am Tisch wie ein Psychologieseminar - frei nach Wilhelm Busch: "Wer zusieht, sieht mehr, als wer mitspielt." Ein Mann an Hendriks Black-Jack-Tisch schüttelt den Kopf auf seinem hageren Hals und nestelt an drei Hundert-Euro-Scheinen herum. Unter die abgekauten Fingernägel hat sich eine Schmutzschicht geschoben. Er erzählt einem Anfänger in große Augen hinein, dass er letzte Woche 9.000 Euro mitgenommen habe, wie auch schon die Wochen zuvor immer wieder.

Hendrik hat den Mann schon oft gesehen. Jeden Abend schiebt er sich in sein abgetragenes Sakko und zieht seine nicht mehr ganz weißen Socken über, bevor er ins Casino kommt - mit dem Ziel, einen Sack voll Geld nach Hause zu schleppen. Bis jetzt allerdings lag das Geld am Ende meist auf Hendriks Seite des Tisches. Die Croupiers kennen ihre Stammgäste.

Jeder Handgriff nach strengen Regeln

Aber es kommen auch viele Gelegenheitsspieler. Und die kommen selten allein. Es ist schwer, den Überblick zu behalten darüber, wer wie viel gesetzt hat: "Sie können diese Annonce nur mit sechs Euro Einsatz spielen", erklärt Treusacher einer älteren Dame geduldig, die der Überzeugung ist, einen Fünf-Euro-Jeton in drei Zwei-Euro-Chips umtauschen zu können.

Ein anderer Gast zielt mit 50 Euro auf eine Zahl. "Bitte nicht werfen", sagt die Studentin, während sie sich mit der Frau unterhält und das annoncierte Finale legt. Sie lächelt freundlich und rückt das geworfene Stück auf den rechten Platz. Nebenbei schiebt sie den Gästen kleine Türmchen mit roten, grünen, weißen und orangefarbenen Jetons zu: Mal gibt es das Siebzehnfache des Einsatzes zurück, mal das Doppelte und dann wieder das Dreifache.

Jeder Handgriff am Tisch geschieht nach strengen Regeln mit vorgeschriebenen Ansagen und unter den Argusaugen von Tisch- und Saalchefs. Trotzdem muss alles schnell gehen, denn die Kugel muss rollen. "Bitte das Spiel zu machen", sagt Treusacher und schubst die Kugel in den Kessel. "Nichts geht mehr."

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