Hochschulchefin nimmt Babypause "Oh, das wird spannend"

Kaum da, schon wieder weg? Muriel Kim Helbig war gerade Präsidentin der FH Lübeck geworden, da machte sie ihre Schwangerschaft bekannt. Jetzt ist ihr Chefinnen-Platz drei Monate verwaist. Eine Premiere an einer deutschen Hochschule.

Fachhochschule Lübeck

Von "duz"-Autorin


Mit der Schwangerschaft kommt oft die Frage auf die Frauen zu: Wie sag ich's dem Chef? In Lübeck stellte sich die gegenteilige Frage, nämlich: Wie sag ich's meinen Mitarbeitern?

Als Dr. Muriel Kim Helbig erfuhr, dass sie schwanger war, stand sie kurz davor, ihre neue Stelle anzutreten. Gegenüber einem Vorgesetzten hatte sie damit kein Problem, denn der Chef war sie selbst. Der Akademische Senat der Fachhochschule (FH) Lübeck hatte sie kurz davor zur Präsidentin gewählt.

"Ich hatte ein neues Amt in einem neuen Umfeld, auf das ich mich schon sehr gefreut hatte", sagt Helbig, die bereits einen kleinen Sohn hat, "und plötzlich war alles ganz anders als gedacht." Eine Situation, mit der sie nicht gerechnet hatte. Denn nun musste Helbig den Kollegen mit einer privaten Neuigkeit aufwarten, die alles umwerfen würde. Und das, wo sie kaum jemanden in Lübeck kannte - Helbig war zuvor an der Bauhaus-Universität Weimar tätig gewesen.

An der FH, an der rund 4000 Menschen studieren, war eine ausgiebige Diskussion über die Neubesetzung des Präsidiums vorangegangen, nachdem Helbigs Vorgänger Stefan Bartels nach zehnjähriger Amtszeit nicht mehr antrat. Die Wahl fiel auf Muriel Kim Helbig, was von Institutsmitgliedern und Presse als "Zeitenwende" gefeiert wurde: Zum ersten Mal wurde eine externe Bewerberin zur Präsidentin ernannt, und zum ersten Mal kam so eine Frau in die Chefetage der technisch-naturwissenschaftlich geprägten Hochschule.

Am ersten August trat Helbig ihr neues Amt an. Schon bald darauf hatte sie das, was sie als ihr "Coming-out" bezeichnet: Sie machte ihre Schwangerschaft öffentlich. Helbig sprach mit dem Vizepräsidenten, der Kanzlerin, den Hochschulgremien, den Studierenden - und wurde komplett überrascht. "Ich habe erwartet, dass es einige kritische Stimmen gibt, in der Art: Kaum ist sie da, ist sie auch schon wieder weg", sagt sie, "aber kein einziger ist mir mit Sorgen oder Vorbehalten begegnet, bis heute nicht." Einzig der Leiter der Findungskommission fragte erschrocken: "Sie wollen doch jetzt aber nicht den Job sein lassen?"

Nein, das wollte Helbig nicht. Allerdings: Was in Ländern wie Skandinavien oder den USA zum Alltag gehört, ist in Deutschland immer noch eine große Ausnahme. Zu groß ist die Angst vor dem Karriereknick, und leider ist diese Angst in vielen Fällen auch berechtigt. Sowohl in der Wirtschaft als auch der Politik haben es Frauen meist schwer, nach der Babypause wieder in ihren alten Beruf einzusteigen, vor allem, wenn sie höhere Positionen anstreben. An den Hochschulen fehlt es schlicht an Erfahrungswerten: Entweder werden die Spitzenposten mit Männern besetzt, oder die Frauen bleiben kinderlos beziehungsweise haben die Familienplanung schon abgeschlossen. Und wer trotz Spitzenjob hierzulande ein Kind bekommen will, hält die Auszeit möglichst kurz - denn je länger sie dauert, umso weniger wahrscheinlich ist eine Rückkehr in das gleiche Amt.

Auch Muriel Kim Helbig entschied sich, nur für jene drei Monate in die Babypause zu gehen, die dem gesetzlichen Mutterschutz entsprechen. Grund dafür sei aber nicht etwa Druck von Seiten der Hochschule, beteuert sie, sondern ihre eigene Einstellung. "Dieser Job ist viel mehr als ein Job", erklärt sie, "ich gehe da mit Leidenschaft heran und möchte meine Aufgaben nicht länger aus der Hand geben."

"Wir haben das noch nie geübt"

In den drei Monaten ihrer Abwesenheit übernehmen die Kanzlerin und der Vizepräsident Helbigs Termine und Aufgaben. Wichtige Entscheidungen, bei denen ihre Anwesenheit zwingend ist, wurden entweder im Vorhinein getroffen oder verschoben, bis Muriel Kim Helbig zurück ist an der Hochschule, was voraussichtlich Mitte Mai 2015 der Fall sein wird. Dazu gehören zum Beispiel die Sitzung des Aufsichtsrats oder ein Gespräch über den Junior Campus, ein Projekt, das Jugendliche für Naturwissenschaften begeistern will. "Viele sind gar nicht böse, wenn bestimmte Termine entschleunigt werden", sagt Helbig.

Doch auch wenn es nur ein Vierteljahr dauert: Ist das nicht ein bisschen viel Arbeit für den Vizepräsidenten und die Kanzlerin, die ebenfalls erst relativ neu im Amt ist? "Wir konnten im Vorfeld eine Menge organisieren", sagt Vizepräsident Joachim Litz, der in den drei Monaten die meisten Außentermine der Präsidentin übernehmen wird. "Es gab im Vorhinein nur wenige Aufgaben, bei denen wir uns gefragt haben: Wer soll das jetzt machen?" Litz erzählt, er habe sich gefreut, als er von Helbigs Schwangerschaft erfuhr. "Ich dachte mir: Oh, das wird spannend", sagt er, "wir sind im Präsidium insgesamt nur zu dritt, und wir haben das ja noch nie geübt." Doch selbst wenn die Präsidentin ein Jahr Pause einlegen würde, hätte man eine Lösung gefunden, so Litz: "Wir wollen und können es uns nicht leisten, auf den Großteil der klugen Köpfe zu verzichten, nur weil sie Kinder bekommen wollen."

Jennifer Albrecht, die Präsidentin des Studierendenparlaments, findet es schade, dass es in Deutschland überhaupt ein Thema ist, wenn die Präsidentin einer Hochschule in Elternzeit geht. "Es wäre schlimm, wenn so etwas nicht möglich wäre", sagt sie. Für die Studentenvertreter wird sich in der Zeit nicht viel ändern: "Der einzige Unterschied bei den monatlichen Treffen mit dem Präsidium wird sein, dass nur der Vize dabei sein wird."

Auf die Frage, warum sie sich keine Vertretung gesucht hat, stutzt Muriel Kim Helbig: "Daran habe ich ehrlich gesagt keine Sekunde gedacht." Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: "Ich weiß auch gar nicht, ob das funktioniert - ich bin schließlich für sechs Jahre in mein Amt gewählt worden." Würde sie für ein Jahr ausfallen, hätte sie eine Vertretung vielleicht in Erwägung gezogen; doch für eine längere Auszeit, sagt Helbig, sei sie nicht der Typ. Schon nach der Geburt ihres ersten Sohnes sei sie nicht lange zu Hause geblieben.

Seit Februar steht nun die Tür zum Büro der Präsidentin offen. Ihr Stuhl ist jedoch leer - es ist ungefähr so, als ob die Präsidentin im Urlaub wäre. "Und ich werde mich erstmal zu Hause auf die Couch setzen", sagt Muriel Kim Helbig und lacht. In den ersten Wochen wird noch die Assistentin ab und zu vorbeisehen und mit ihr den Schriftkram durchgehen. Bis zur Geburt des Kindes aber gibt es keine Termine, versichert Helbig. "Und danach sind alle darauf eingestellt, dass ich erst einmal untergetaucht bin", sagt sie. Vielleicht kommt es dann auch so, wie ihr Vizepräsident Joachim Litz prophezeit: "Ich glaube, nach drei Monaten sagen wir: Hat doch gar nicht weh getan."


Erschienen in: duz Magazin 3/2015 vom 20. Februar 2015.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
crazy_swayze 25.02.2015
1.
Es stellt sich unweigerlich die Frage, warum man einem Chef ein horrendes Gehalt bezahlt, wenn es nicht einmal auffällt, wenn jener 3 Monate lang abwesend ist. Dann spart doch die Stelle gleich ein.
MoorGraf 25.02.2015
2. cool!
Schön, dass das vom Umfeld so positiv aufgenommen wurde! Ich wundere mich eh immer: einerseits braucht die Findungskommission ein Jahr, bis da der richtige Kandidat gefunden wurde und dann soll das plötzlich ein Drama sein, wenn sie 3 Monate weg ist? Das ist gerade mal zweimal ihr Jahresurlaub... wie gesagt: Respekt für die Uni und ein schönes Beispiel, dass das gar nicht so dramatisch sein muss mit den Kindern.
Meconopsis 25.02.2015
3. Respekt - vor was denn ?
Zitat von MoorGrafSchön, dass das vom Umfeld so positiv aufgenommen wurde! Ich wundere mich eh immer: einerseits braucht die Findungskommission ein Jahr, bis da der richtige Kandidat gefunden wurde und dann soll das plötzlich ein Drama sein, wenn sie 3 Monate weg ist? Das ist gerade mal zweimal ihr Jahresurlaub... wie gesagt: Respekt für die Uni und ein schönes Beispiel, dass das gar nicht so dramatisch sein muss mit den Kindern.
Was macht die Präsidentin einer Uni ? Die Institute/Fachbereiche oder Fakultäten sind weitgehend unabhängig und haben ihre eigene Verwaltung und ihr eigenes Budget. Eine Uni-Präsidentin ist in erster Linie eine Art Repräsentantin, nicht viel mehr als ein Grüßaugust. Forschung und Lehre laufen auch ohne sie drei Monate weiter, so wie wenn nichts gewesen wäre.
grandprix 25.02.2015
4. Irreführender Titel
Pardon, aber im Gegensatz zur Schlagzeile nimmt Frau Helbig ja gar keine Elternzeit. Acht Wochen Mutterschutz nach der Geburt sind sowieso /zwingend/ (Arbeitsverbot gemäß §6 Mutterschutzgesetz). Weitere ihr eigentlich ebenso zustehende 6 Wochen Mutterschutz vor der Geburt sind offenbar einvernehmlich gekürzt, was das Gesetz zulässt. Sorry, aber wer an dieser Stelle seine "kritische Stimme" erheben würde, wo Frau Helbig nicht einmal die Ihr nach Mutterschutzgesetz zustehende Zeit voll ausschöpft, der fordert zu einer Ordnungswidrigkeit (§21 MuSchG) auf, die bei Vorsatz sogar eine Freiheitsstrafe nach sich ziehen kann.
prisma-4d 25.02.2015
5. ...was für ein Drama...
...und wenn ein Sack Reis.... Sind wir nun gleichberechtigt oder nicht? Und was sind schon 3 Monate in einem Hochschulbetrieb, und wofür gibt es dann meherere Vizepräsidenten? ...ebn nur ein Sack Reis... mehr nicht
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