Firmen buhlen um Elite-Studenten Die mächtigen Talente

Alle reden vom "war for talents". Doch die mobilen, kreativen, hoch motivierten Akademiker mit Spitzennoten sind rar. Die Wirtschaft balgt sich um die besten Köpfe - aber bitte keine mit Sicherheitsbedürfnis: Eindrücke von einer Zukunftskonferenz.

Von Carsten Heckmann


Sie dürfen sich High Potentials nennen lassen. Oder Hochschüler de luxe oder kluge Köpfe oder Leistungselite - oder schlicht: Talente. Was sie ausmacht, ist schwer auszumachen. "Talente können außergewöhnliche Leistungen in einem gewöhnlichen Umfeld erbringen", meint Charles Chow, Inhaber der Firma East-West Gateway in Singapur.

So weit, so schwammig. Fest steht nur: Talente sind heftig umworben. Sie gelten als wichtigste Ressource für den Erfolg eines Unternehmens und sind nur begrenzt verfügbar - die drei bis fünf Prozent der Hochschulabsolventen, um die es einem Kienbaum-Gutachten zufolge geht. Längst ist der "war for talent", den McKinsey-Mann Ed Michaels 1997 ausgerufen hat, in aller Manager Munde und wird in Deutschland gern ohne Kriegsvokabular "Wettbewerb um Talente" genannt. Die Firmen umgarnen hoffnungsfrohe Studenten bereits auf dem Campus, schicken Talent Scouts auf Hochschulmessen, zahlen fünfstellige Honorare für Headhunter.

Viel Geld und Verantwortung reichen nicht als Köder

Doch so einfach ist das nicht - auch weil die Talente sich ihres Wertes bewusst sind. Mit "Macht der Talente" war diese Woche auch eine Zukunftskonferenz in Leipzig überschrieben. 1000 Menschen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft fragten sich: Was ist zu tun, um Talente zu bekommen? Viel Geld bieten? Mit verantwortungsvollen Jobs aufwarten?

"Ja, aber...", scheinen die Talente zu sagen. Eine Umfrage der Leipziger Handelshochschule in Zusammenarbeit mit dem Karrierenetzwerk e-fellows.net ergab unter anderem: Die aufstrebenden jungen Leute legen auch großen Wert auf ein gutes Arbeitsklima, auf vielfältige kulturelle Angebote am Arbeitsort, einen Lebenspartner vor Ort, eine Balance zwischen Berufs- und Privatleben. Damit verbunden: Sicherheit. "Ich suche auch Sicherheit, das heißt zumindest ein Unternehmen mit Zukunft", sagt zum Beispiel Alexander Fröhlich, ausgebildeter Industriekaufmann und BWL-Student.

Und plötzlich wird die Zukunfts- zu einer Sicherheitskonferenz der anderen Art. Plötzlich ist ein Schlagwort dominant, mit dem niemand gerechnet hatte. Mit Mobilität vielleicht, oder Soft Skills. Aber nicht mit dem Sicherheitsbedürfnis. Die versammelte Polit- und Wirtschaftsprominenz reagiert verwundert bis empört. "Ich bin erstaunt, dass das für junge Leute eine so große Rolle spielt in der heutigen Arbeitswelt. Das kann es nicht sein", so Sachsen-Anhalts Wirtschaftsministerin Katrin Budde.

"Das Bildungssystem hinkt hinterher"

Aber Manager wären keine Manager, fänden sie nicht schnell einen Weg - alles nur eine Frage der Definition. "Sicherheit? Die eigene Fähigkeit bringt sie", konstatiert Bart Jan Groot, Geschäftsführer der Buna Sow Leuna Olefinverbund GmbH. "Die Fähigkeit, auch mit nicht klar abgegrenzten Aufgaben umgehen zu können", ergänzt Oliver Triebel von der Abteilung Management-Entwicklung bei Bertelsmann.

Selbstsicherheit also. Aber davon haben die mächtigen Talente doch offenbar genug. Vielleicht lösen wir unser Führungsnachwuchs-Problem in Deutschland besser, indem wir viel mehr Talente hervorbringen, meinen daher viele Wirtschaftsvertreter. Aber da stecke das nächste Hindernis: Deutsche Bildungsstätten seien alles andere als Talentschmieden.

"70 Prozent der Ausbildung machen wir erst noch, in Schulen und Hochschulen wird zu wenig beigebracht", sagt Oliver Maassen, Personal-Direktor bei der Hypo- und Vereinsbank. "Das Bildungssystem hinkt hinterher", so Thorsten Becker, Chef der Firma Management Angels. "Es gibt enorme Defizite, speziell im Schulbereich", findet Arend Oetker von der Oetker-Holding abseits des alten Backpulver-Imperiums.

Die von den Leipziger Kongressteilnehmern vorgeschlagenen Lösungen reichen von der Fremdsprachenlehre im Kindergarten bis zum Pflicht-Auslandsjahr in der Schule. Für die Hochschulen nennen sie die üblichen Rezepte: eigenständige Auswahl der Studierenden, Differenzierung, Praxisnähe, Experimentierfreudigkeit, gute Betreuungsverhältnisse.

"Haben wir alles", freut sich folgerichtig Arnis Vilks, Rektor der - privaten - Leipziger Handelshochschule, der auch staatlichen Hochschulen mehr Freiraum gönnt. Vor allem den, sich die "richtigen" Studierenden aussuchen zu können. Die talentierten eben, deren Begabung man fördern kann, wenn man sie erst mal entdeckt hat. Also sehr gute, für die Wirtschaft interessante Hochschüler - und weniger Studenten? "Das würde ich nicht bejahen wollen", so Vilks. "Aber wahrscheinlich studieren zu viele in Studiengängen, die nicht ihren Begabungen entsprechen."



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