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19. April 2019, 10:39 Uhr

Geflohen aus Venezuela

Alexis, 18, tanzt für einen Pass

Alexis Viera wollte eigentlich gern Zahnarzt oder Tierarzt werden, und vielleicht ist es ein Glück, dass das bisher nicht geklappt hat. Denn er lernte stattdessen zu tanzen - und damit verdient er jetzt Geld.

Schon in Venezuela schloss sich Alexis Viera einer Breakdance-Gruppe an. Die meisten seiner Freunde sind inzwischen geflohen, Alexis verließ das Land im Februar vor einem Jahr. Er tanzte in Bogotá, Cali, Quito, jetzt tanzt er in Peru.

Der 18-Jährige tut das strenggenommen illegal, denn er hat - wie die meisten venezolanischen Flüchtlinge in der Region - keinen geregelten Aufenthaltsstatus. In Venezuelas Nachbarland Kolumbien hatte die Regierung das Angebot, schnell an eine temporäre Arbeitserlaubnis zu gelangen, stark eingeschränkt. Es gilt nur noch für Venezolaner, die vor dem 17. Dezember ins Land gekommen sind.

Das Asylsystem bietet keine echte Alternative. Der kolumbianische Staat hat kaum Erfahrung mit Menschen, die Asyl suchen. Die Bearbeitung dauert viele Monate bis Jahre. Und wer den Flüchtlingsstatus beantragt hat, darf in dieser Zeit nicht arbeiten - bekommt aber auch keine Sozialhilfen, die den Lebensunterhalt sichern.

Deswegen und auch, weil gute Jobs generell rar sind, zieht jeder zweite venezolanische Flüchtling weiter nach Süden - so wie Alexis. Mehr als 700.000 Venezolaner sind inzwischen bis nach Peru gekommen. Die peruanische Grenze liegt über 2000 Kilometer von ihrer Heimat entfernt.

In Peru ist es nicht leichter

Doch auch hier ist die Situation schwierig. Die Regierung hat die Möglichkeit, eine befristete Arbeitserlaubnis zu beantragen, ebenfalls zum Jahresende eingestellt. Rund 167.000 Venezolaner haben zwar Asyl beantragt, weil in Peru kein offizielles Beschäftigungsverbot gilt, während sie auf Antwort warten. Die fällt in der Regel positiv aus, doch die Verfahren dauern extrem lange. Nur etwa 800 Anträge wurden bisher angenommen.

Alexis hätte gern einen Pass, der seine Behördengänge erleichtern würde. In seiner Heimat hatte er keinen bekommen. Mehrere Flüchtlinge berichten, dass man für ein solches Dokument dort mehrere Hundert Dollar hinlegen müsste.

Alexis will es deshalb im venezolanischen Konsulat versuchen. Doch auch dafür braucht er Geld. Deswegen drehen er und seine Freunde auf dem Plaza San Martín mitten in der peruanischen Hauptstadt Lima die Musik auf und beginnen mit ihrer Akrobatik-Tanzshow.

Hier erzählt Alexis, warum er nach Europa möchte:

"Ich muss tanzen, um meiner Familie zu helfen. Wir bekommen genug Spenden, dass ich pro Woche etwa hundert Soles (Anmerkung der Redaktion: rund 27 Euro) zurückschicken kann. Damit kann meine Familie Reis und Bohnen bezahlen, aber für Fleisch, Seife oder neue Kleidung reicht es nicht.

Alle, die ich kenne, sind gegen Nicolás Maduro. Juan Guaidó hat zwar Mut. Aber ich glaube, wir brauchen eine US-Invasion, um etwas zu verändern, egal wie schrecklich sie sein wird.

Meine Mutter hat in einer Bäckerei gearbeitet und mein Vater in einer Geflügelschlachterei. Aber beide haben ihre Jobs verloren, weil die Lieferketten nicht mehr funktionierten. Einer meiner Brüder ist nach Chile gegangen und ich bin allein hergekommen.

Manchmal telefoniere ich mit meiner Mutter. Sie fragt mich, wann ich wiederkomme. Ich sage: Bald, bald. Aber ich nenne kein Datum, denn ich kann nicht zurück. Ich weiß nicht, ob ich es dann noch einmal schaffen würde, das Land zu verlassen. Wir wohnen zwölf Stunden von der Grenze entfernt, die regulären Übergänge sind inzwischen geschlossen und der Weg ist gefährlich, es kommt oft zu Überfällen.

Ich will so viel tanzen, bis ich genug Geld habe, um in der venezolanischen Botschaft für einen Pass zu bezahlen. Dafür brauche ich 200 Dollar. Dann komme ich vielleicht meinem Traum ein Stück näher: Ich möchte nach Europa gehen und dort bei Breakdance-Wettbewerben antreten."

Zum Einleitungstext gelangen Sie hier.

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