Polizist aus Venezuela Daniel, 21, floh vor dem Staat

"Wenn ich nach Hause zurückginge, würden sie mich töten oder einsperren", sagt Daniel. Der 21-Jährige hatte in Venezuela für die Polizei gearbeitet. Bis er die Korruption kritisierte - und nach Kolumbien floh.

Daniel in einer Erstaufnahme des Roten Kreuzes in Bogotá
Heike Klovert/SPIEGEL ONLINE

Daniel in einer Erstaufnahme des Roten Kreuzes in Bogotá


Daniel ist in einer Erstaufnahme des Roten Kreuzes in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá untergekommen. Hier kann der 21-Jährige einige Nächte schlafen, duschen, seine Kleidung waschen, dann muss er weiter. Nur in Ausnahmefällen dürfen Flüchtlinge länger bleiben als fünf Tage.

Die, die hier ankämen, seien oft unterernährt und sehr erschöpft, sagt eine Psychologin, die in der Erstaufnahme arbeitet. Von der kolumbianisch-venezolanischen Grenze bis nach Bogotá sind es rund 600 Kilometer und mehr als 2000 Meter Höhenunterschied, die viele Flüchtlinge zu Fuß zurücklegen, weil sie kein Geld für Busse haben.

Daniel brauchte für die Strecke sechs Tage. Weil die offiziellen Übergänge dicht waren, kam er über eine sogenannte "Trocha", einen illegalen Trampelpfad. Davon gibt es viele entlang der Grenze. Sie werden oft von bewaffneten Banden kontrolliert, die Geld verlangen.

Unterkunft des Roten Kreuzes in Bogotá
Heike Klovert/SPIEGEL ONLINE

Unterkunft des Roten Kreuzes in Bogotá

Hier erzählt Daniel, warum er nicht in seine Heimat zurück kann:

"Ich bin allein hergekommen, denn wir konnten uns nur meine Flucht leisten. Sie hat 150 US-Dollar gekostet. Ich komme aus Barinas im Westen von Venezuela und mein Geld war aufgebraucht, kurz nachdem ich über die Grenze gegangen war.

In der Stadt Cúcuta auf der kolumbianischen Seite der Grenze verkaufte ich ein paar Tage lang Süßigkeiten auf der Straße. Ich dachte, ich kann damit genug Geld verdienen, um mir ein Busticket nach Bogotá zu leisten. Aber es reichte nur für Brot und etwas zu trinken. Deshalb kam ich per Anhalter.

Ich bin seit zehn Tagen in Bogotá und ich fühle mich sehr einsam. Ich weiß, wenn ich nach Hause zurückginge, würden sie mich töten oder einsperren. Ich habe als Polizist gearbeitet und bekam Probleme, als wir in einem Weiterbildungskurs an der Polizeischule über Politik geredet haben. Ich sagte, dass das System korrupt sei. Da wurde ich aus dem Unterricht geholt und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Eine Woche sollte ich auf das Ergebnis ihrer Überprüfung warten. Doch ich bin vorher geflohen.

In Venezuela hatten wir sehr wenig zu essen. Ein Huhn kostet sieben Dollar, ein Kilo Reis liegt bei rund fünf, aber viele Menschen verdienen nur acht Dollar im Monat. Der Strom fällt oft aus, die Infrastruktur ist kaputt. Meine ganze Familie ist noch dort, meine Geschwister, meine Eltern. Ich vermisse sie.

Ich hoffe, ich finde hier einen Job. Ich verstehe etwas von Schmiedearbeiten, aber ich würde alles tun, wenn ich nur Geld damit verdienen könnte."

Alle Geschichten über junge Venezolaner:

VENEZUELA
KOLUMBIEN
PERU
ECUADOR
BOLIVIEN
BRASILIEN
SURINAME
Cú­cu­ta, Ko­lum­bien Dina, 20, hätte gern stu­diert
Los Patios, Ko­lum­bien Jorge, 23, wünscht sich Krieg
Bo­go­tá, Ko­lum­bien Arnelis, 12, kann nicht zur Schule
Bo­go­tá, Ko­lum­bien Daniel, 21, floh vor dem Staat
Tum­bes, Peru Dian­nalic, 25, verkaufte all ihr Gold
Lima, Peru Alexis, 18, tanzt für einen Pass

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