Geflohen aus Venezuela Diannalic, 25, verkaufte all ihr Gold

Venezuela leidet unter Nahrungsmangel, Stromausfällen - und unter Talentschwund: Viele Ärzte, Ingenieure oder Lehrer haben das Land schon verlassen. Auch Englischlehrerin Diannalic, 25, hielt es nicht mehr aus.

Diannalic, Lehrerin aus Venezuela
Heike Klovert / SPIEGEL ONLINE

Diannalic, Lehrerin aus Venezuela


Diannalic möchte ihren Nachnamen lieber nicht nennen. Müde sitzt sie auf einem Bürgersteig im CEBAF, der größten Grenzstation zwischen Peru und Ecuador nahe der Stadt Tumbes. Die Englischlehrerin gehört zu den rund tausend venezolanischen Flüchtlingen, die jeden Tag hier durchkommen auf ihrem Weg nach Süden.

Bis vor einigen Monaten war das CEBAF noch ein verschlafener Außenposten, den täglich ein paar Pendler und Rucksacktouristen passierten. Doch im vergangenen Jahr stieg hier die Zahl der Venezolaner sprunghaft an, im Oktober wollten an Rekordtagen zehntausend Flüchtlinge die Grenze passieren.

Die peruanische Einwanderungsbehörde stockte die Zahl ihrer Mitarbeiter deshalb von fünf auf 23 auf. Seither gleicht der Grenzposten einem Auffanglager. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR, das Rote Kreuz und andere Organisationen sind hier vertreten. Es gibt ein Zelt für psychologische Beratung, eins für Kinderbetreuung und eins für Impfungen, in dem auch Diannalic gerade war.

Grenzzentrum CEBAF nahe Tumbes
Heike Klovert/SPIEGEL ONLINE

Grenzzentrum CEBAF nahe Tumbes

Hier erzählt sie, was sie nun vorhat:

"Ich bin allein aus Venezuela hergekommen und seit gut einer Woche unterwegs. Ich komme aus Sucre an der Küste nahe Trinidad und Tobago. Allein zur kolumbianischen Grenze habe ich 27 Stunden gebraucht.

In Kolumbien steckte der Bus zweieinhalb Tage lang in einer Straßensperre fest. Die Polizei ließ uns nicht weiterfahren, weil in der Gegend Indigene gegen die Regierung protestierten. Wir schliefen im Bus, wir hatten nicht genug Essen und Wasser, es war schlimm.

Auch in der vergangenen Nacht habe ich nur zwei Stunden geschlafen, und ich habe nicht mehr geduscht, seit ich von zu Hause aufgebrochen bin. Ich vermisse meine Mutter und meine Schwester.

Doch ich konnte nicht in Venezuela bleiben. Lehrer sind sehr schlecht bezahlt und mein Gehalt reichte nicht einmal, um ein neues Paar Schuhe zu kaufen. Viele meiner Kollegen haben das Land schon verlassen und es fällt deshalb viel Unterricht aus. Auch Ärzte und Ingenieure sind gegangen. Ich habe ein Jahr lang mit mir gerungen. Ich dachte, vielleicht wird doch alles wieder besser.

Diannalic beim Impfen im CEBAF
Heike Klovert/SPIEGEL ONLINE

Diannalic beim Impfen im CEBAF

Der lange Stromausfall Anfang März hat mir dann den Rest gegeben. Die Grenze war da schon dicht, ich musste über einen der vielen Schleichwege nach Kolumbien. Wir gingen morgens um fünf Uhr im Dunkeln durch einen Fluss, ich habe dem Schlepper zehn Dollar dafür bezahlt.

Das Geld reichte gerade so für meine Flucht. Wir haben dafür fast alles verkauft, was noch von Wert war: den Fernseher, die goldenen Ringe meiner Mutter und die Ohrringe, die mir meine verstorbene Oma geschenkt hatte. Wir haben dafür 150 Dollar bekommen, von denen jetzt noch 20 übrig sind.

Ich habe drei Cousins in Lima, ich will bei ihnen wohnen und mir dann sofort einen Job suchen. Ich spreche gut Englisch und ich habe mein Hochschulzeugnis dabei, vielleicht kann ich in einem Hotel anfangen."

Alle Geschichten über junge Venezolaner:

VENEZUELA
KOLUMBIEN
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SURINAME
Cú­cu­ta, Ko­lum­bien Dina, 20, hätte gern stu­diert
Los Patios, Ko­lum­bien Jorge, 23, wünscht sich Krieg
Bo­go­tá, Ko­lum­bien Arnelis, 12, kann nicht zur Schule
Bo­go­tá, Ko­lum­bien Daniel, 21, floh vor dem Staat
Tum­bes, Peru Dian­nalic, 25, verkaufte all ihr Gold
Lima, Peru Alexis, 18, tanzt für einen Pass

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