Geflohen aus Venezuela Jorge, 23, wünscht sich Krieg

Erst flohen die Reichen, jetzt die Armen: Viele Venezolaner verlassen ihr Land zu Fuß, weil sie sich keine Bustickets leisten können. Auch Jorge Leal hofft auf jemanden, der ihn mitnimmt. Wohin? Egal.

Jorge Leal (rechts) wartet mit einem Freund auf Anhalter
Heike Klovert/SPIEGEL ONLINE

Jorge Leal (rechts) wartet mit einem Freund auf Anhalter


Jorge Leal steht mit zwei Freunden an der Bundesstraße 55 nahe der kolumbianischen Stadt Cúcuta. Die Grenze zu ihrem Heimatland Venezuela liegt nur wenige Kilometer hinter ihnen. Sie warten auf einen Anhalter oder einen Bus, der sie mitnimmt.

Die politische und wirtschaftliche Krise in Venezuela ist so bedrohlich geworden, dass nun auch die Ärmsten fliehen. Zuerst hatten vorwiegend Menschen aus der Oberschicht das Land verlassen, per Flugzeug. Danach machten sich viele Venezolaner aus der Mittelschicht auf den Weg. In Bussen oder Taxis flohen sie nach Kolumbien, Ecuador, Peru - oder weiter nach Chile und Argentinien.

Jetzt, so erzählen es Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, kommen täglich Tausende, die oft kein Geld für Bustickets haben und weite Strecken laufen. Sie tragen den Spitznamen "los caminantes" - "die Fußgänger".

Viele wollen nach Bogotá, in Kolumbiens Hauptstadt. Das liegt über 500 Kilometer entfernt. Doch nicht nur die Distanz ist ein Problem. Bogotá liegt mehr als 2600 Meter hoch. Die Nächte in der Hochebene, die Flüchtlinge auf dem Weg dorthin überwinden müssen, sind kalt und feucht.

Weil das vielen nicht klar ist, hat das Rote Kreuz in einem Häuschen an der Bundesstraße 55 eine Infostation eingerichtet. Hier rasten auch Jorge und seine Freunde. Sie haben Wasser und eine Karte der Route bekommen und konnten sich die Blasen an ihren Füßen verarzten lassen. Auf eine Hauswand einige andere Flüchtlinge Botschaften gekritzelt. "Gott behüte dich, Mama", steht dort zum Beispiel.

Hauswand der Rot-Kreuz-Raststation
Heike Klovert / SPIEGEL ONLINE

Hauswand der Rot-Kreuz-Raststation

Jorge hat sich einen Rucksack auf den Bauch und einen auf den Rücken geschnallt. Sein Freund trägt eine Jacke. Damit sind sie besser vorbereitet als viele Venezolaner, die hier in Sandalen, beladen mit Tragetaschen, Koffern und Kleinkindern ankommen.

Doch Jorge weiß ungefähr, was ihn erwartet. Er hat seine Frau und seine vierjährige Tochter in Venezuela zurückgelassen, um in Kolumbien zwei bis drei Monate lang Geld zu verdienen. Es ist sein dritter Trip über die Grenze innerhalb von einem Jahr. Beim ersten Mal verkaufte er in Rumichaca im Süden des Landes Hotdogs, beim zweiten Mal Süßigkeiten in Bussen in Bogotá. Wenn er etwas Geld verdient hatte, will er zurückkehren zu seiner Familie.

Hier erzählt er, was er sich wünscht:

"Wo ich diesmal landen werde, weiß ich nicht. Ich gehe dorthin, wo es Arbeit gibt, egal welche. Ich habe einen Schulabschluss, aber keine Ausbildung. Ich habe auch keinen Pass. Deswegen kann ich nur schwarzarbeiten.

Ich hätte so gern einen festen Job, der jeden Monat genug Geld für mich und meine Familie einbringt. Dafür würde ich alles tun. Doch vorher muss sich in Venezuela etwas ändern und ich glaube, das passiert nur, wenn es Krieg gibt.

Einerseits wünsche ich mir das, denn das Leben in Venezuela ist sehr schlimm. Andererseits sterben dann Menschen, vielleicht auch meine Familie, davor habe ich Angst."

Alle Geschichten über junge Venezolaner:

VENEZUELA
KOLUMBIEN
PERU
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BOLIVIEN
BRASILIEN
SURINAME
Cú­cu­ta, Ko­lum­bien Dina, 20, hätte gern stu­diert
Los Patios, Ko­lum­bien Jorge, 23, wünscht sich Krieg
Bo­go­tá, Ko­lum­bien Arnelis, 12, kann nicht zur Schule
Bo­go­tá, Ko­lum­bien Daniel, 21, floh vor dem Staat
Tum­bes, Peru Dian­nalic, 25, verkaufte all ihr Gold
Lima, Peru Alexis, 18, tanzt für einen Pass

Zum Einleitungstext gelangen Sie hier.



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