Forscherparadies Schweiz Der Zug ins gelobte Land

Wie ein Magnet wirkt die Schweiz auf deutsche Wissenschaftler - junge wie etablierte. An Top-Unis ist jeder dritte Professor ein Deutscher. Freie Stellen und bessere Bezahlung machen das Land so interessant. Die Schweizer murren längst über die "Neue deutsche Welle".

Von Benjamin Haerdle


Ein Bürgerhaus aus dem 15. Jahrhundert mit Stuckdecke in der historischen Altstadt von Basel ist die neue Heimat von Prof. Dr. Aloys Winterling. Bis zum Herbst des vorigen Jahres forschte der Leverkusener Althistoriker der Universität Freiburg noch als Stipendiat am Historischen Kolleg in München. Dann kehrte er Deutschland den Rücken. Weil "innovative Forschung und Lehre" durch die aktuellen Entwicklungen am Hochschulstandort Deutschland behindert werde, nahm er den Ruf der Universität Basel an. 60 Kilometer weiter südlich von Freiburg ist der 51-Jährige seit Anfang Oktober Institutsleiter des Seminars für Alte Geschichte.

ETH Zürich: Jeder dritte Prof mit deutschem Pass
Esther Ramseier

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Winterling ist nur ein Beispiel von 717 deutschen Wissenschaftlern, die Ende vorigen Jahres an der Universität Basel forschten. Der Run auf Wissenschaftlerstellen an der Baseler Universität ist seit Jahren ungebrochen: Waren im Jahr 2000 lediglich 455 der 1141 Wissenschaftler deutscher Staatsbürgerschaft, so kamen Ende 2007 knapp 55 Prozent der mehr als 1300 Uni-Forscher aus Deutschland.

Auch an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich - neben Lausanne eine der beiden Schweizer Bundesuniversitäten - würde die Forschung ohne den Zuzug der Wissenschaftler aus dem gleichsprachigen Nachbarland erlahmen. Jeder dritte Professor hat dort einen deutschen Pass (siehe Interview mit dem ETH-Präsidenten: "Deutsche Forscher sind einfach gut"). Ingesamt, so schätzt die Deutsche Botschaft in Bern, sind derzeit rund 4000 deutsche Wissenschaftler an den Hochschulen in der Schweiz beschäftigt. An den Universitäten Bern und Zürich kommt einer von drei Professoren aus "dem großen Kanton im Norden", wie die Schweizer Deutschland ironisch bezeichnen.

Der Run auf Stellen ist ungebrochen

Die Gründe, warum es immer mehr deutsche Wissenschaftler seit einigen Jahren in die Alpenrepublik zieht, sind verschieden. Für den Althistoriker Winterling war es vor allem ein seit einigen Jahren aufgestauter hochschulpolitischer Frust. "Es ist absurd, wenn die Höhe eingeworbener Drittmittel mit der Qualität der Forschung gleichgesetzt wird und Drittmittel wichtiger als Veröffentlichungen sind", klagt er.

Zwar freut sich auch Winterling, dass sein Schweizer Gehalt deutlich über dem deutschen C4-Tarif liegt - auch wenn von dem Plus nach Abzug des Pensionsbeitrages, der Einkommensteuer und der höheren Lebenshaltungskosten in Basel nicht mehr viel übrig bleibt. Für ihn sind es jedoch vielmehr die kleinen Annehmlichkeiten im Wissenschaftsbetrieb, die ihm in der Schweiz das Forscherleben erleichtern. "Die Büroausstattung ist großzügiger, die Bürokratie geringer und es stehen Mittel bereit, um auch mal Forscherkollegen nach einer Tagung ins Restaurant einzuladen", sagt Winterling.

Noch attraktiver sind die Bedingungen für Professoren an der ETH Zürich, die in Hochschulrankings alljährlich Top-Positionen belegt: "Professuren sind hier von der Ausstattung mit Direktorenstellen an Max-Planck-Instituten vergleichbar", urteilt Dr. Dieter Schlüter, der - von ETH-Headhuntern angeworben - seit vier Jahren als ordentlicher Professor für Polymerchemie in einem Büro mit Blick auf die Alpen an der Elite-Uni residiert.

Kleines Land - großes Vorbild

Sein Budget, über das er weitgehend frei und ohne großen Verwaltungsaufwand verfügen kann, liegt ein Mehrfaches über dem, welches er an einer deutschen Uni hätte. Sein Gehalt ist mehr als doppelt so hoch als zuvor in Deutschland. Das ETH-Modell wird daher hierzulande oft als Vorbild erwähnt. Im Januar schlug der Generalsekretär des Europäischen Forschungsrates, Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker, erneut die Gründung einer deutschen Bundesuniversität analog zur ETH vor.

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Vorbildhaft ist die Schweiz in einigen Bereichen: So hat, bezogen auf die 7,5 Millionen Einwohner, kein anderer Staat im internationalen Vergleich mehr wissenschaftliche Publikationen und mehr Patente, die gleichzeitig in der EU, den USA und Japan angemeldet sind, wie die Schweiz.

Stark ist auch die private Forschungsförderung: Drei Viertel aller Ausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) kommen von Unternehmen. Wenn - wie in der Chemie und Pharmaziestadt Basel - noch eine ausgeprägte Stiftungskultur hinzukommt, erstaunt es kaum, wenn deutsche Wissenschaftler wie etwa der Ökonom Prof. Dr. Georg Nöldeke von der Universität Basel schwärmen: "In der Schweiz gibt es sehr viel mehr Möglichkeiten, Geld für Forschungsprojekte einzuwerben als in Deutschland." Deshalb sei der Sprung ins Nachbarland vor allem industrienahen Forschern sehr zu empfehlen. Verlockend könnte die Schweiz laut Nöldeke besonders für Nachwuchswissenschaftler sein. "Für einen W1-Professor oder einen Postdoc sind die Rahmenbedingungen besser und die finanziellen Vorteile beträchtlich", sagt er.

Deutsche und sonstige internationale Jungforscher haben dies längst erkannt. Sie stoßen in eine Lücke, die ihnen die Schweizer Kollegen hinterlassen, weil diese besser bezahlte Jobs in der Industrie bevorzugen. Vor einem Jahr konstatierten deshalb die Eidgenössischen Räte, dass die Schweiz zu wenig hoch qualifiziertes Personal hervorbringe. Der Rektor der Universität Bern, Prof. Dr. Hans Würgler, sowie der designierte Rektor der Uni Zürich erklärten im Dezember, sich künftig mehr um die Nachwuchsförderung an ihren Hochschulen kümmern zu wollen.

"Neue deutsche Welle" in der Schweiz

Ein weiteres Problem ist der demografisch bedingte Anstieg der Studierendenzahlen - für den Eidgenössischen Rat "die größte bildungspolitische Herausforderung". Prognosen zufolge könnten bis 2016 statt 172.000 Studierenden (Wintersemester 2006/07) 200.000 an die Hochschulen stürmen.

Doch an denen wird schon jetzt in einigen Studiengängen über "deutsche Verhältnisse" - also: überfüllte Hörsäle - geklagt. Um dem Ansturm Herr zu werden, hat die Schweiz das Budget für Forschung, Bildung und Innovation für die nächsten vier Jahre von 10,8 Milliarden Euro (2004 bis 2007) auf 12,9 Milliarden Euro bis 2011 erhöht: ein Plus von fast 20 Prozent. Dabei steht die Schweiz bereits international prima da: Der OECD zufolge investieren die Eidgenossen 2,9 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in FuE, Deutschland nur 2,5 Prozent.

Im Zuge der "Neuen deutschen Welle" (Weltwoche) sind bislang rund 200.000 Deutsche quer durch alle Berufe in der Schweiz heimisch geworden. In manchen Tageszeitungen tauchen in Leserbrief-Rubriken Klagen über eine zunehmende "Germanisierung" der Schweizer Universitäten auf.

Solche Ressentiments hat Aloys Winterling bislang nicht erfahren: "Ich bin hier sehr freundlich aufgenommen worden." Nach Stationen in Köln, München, Bielefeld und Freiburg ist er in Basel glücklich: "Universität und Stadt sind so, dass sie längerfristig sehr gute Arbeitsbedingungen bieten."



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