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Hayange: Jungfräuliche Überwachung

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Frankreich vor der Wahl Ein Leben unterm Front National

Marine Le Pen könnte bei der französischen Präsidentschaftswahl weit kommen. Die Jugendlichen von Hayange kennen das schon: In der früheren Stahlhochburg regiert der FN bereits. Ein Besuch an Frankreichs Rand.

Einer, der für die Rechtsextremen stimmen will, wartet vor dem toten Springbrunnen in Hayange auf seinen Bus. Er ist 18 Jahre alt, gepiercte Augenbraue, Käppi in Militärfarben, tätowierter Unterarm. Er will seinen Namen nicht veröffentlicht sehen, nennen wir ihn Julien.

"Marine Le Pen ist die Einzige, die etwas ändern kann", sagt Julien. "Es gibt zu viel Arbeitslosigkeit hier - und zu viele Einwanderer." Haben die Einwanderer etwas mit der Arbeitslosigkeit zu tun? "Nein, das nicht." Er habe auch persönlich keinen Stress mit Einwanderern. "Aber sie bekommen zu viel Hilfe vom Staat."

Julien drückt aus, was viele in seiner Generation umzutreiben scheint. Einer Umfrage zufolge  würde knapp jeder dritte junge Franzose, der in diesem Jahr zum ersten Mal wählen darf und sich schon für einen Kandidaten entschieden hat, bei der Präsidentenwahl für Marine Le Pen stimmen.

Es gilt als wahrscheinlich, dass Marine Le Pen in die Stichwahl am 7. Mai einzieht. Ein Wahlsieg des Front National, der Spannungen zwischen Alteingesessenen und Einwanderern schürt, Frankreich aus der EU führen und den Sicherheitsapparat hochrüsten will, scheint möglich.

In Frankreichs Nordosten, in Orten wie Hayange in Lothringen, kann die Partei auf besonders viel Unterstützung hoffen. Seit 2014 stellen die Rechtsextremen den Bürgermeister in der 16.000-Einwohner-Stadt. Bei der Regionalwahl 2015 holte der Front National im Département Moselle, das zu Lothringen gehört, mehr als ein Drittel der Stimmen.

Stahlfabrik in Hayange

Stahlfabrik in Hayange

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Seit die Stahlindustrie in Lothringen zugrunde ging und die Bergwerke schlossen, hat sich die wirtschaftliche Lage drastisch verschlechtert. Arcelor Mittal, einst größter Arbeitgeber in der Gegend, legte 2013 den letzten Hochofen still, seit den Siebzigerjahren sind Zehntausende Arbeitsplätze verloren gegangen. Selbst mitten in Hayange neben dem Rathaus kauert das Skelett einer alten Fabrik.

Es ist schwer geworden, einen guten Job zu finden, wenn man nicht täglich zwei Stunden nach Luxemburg pendeln will - was inzwischen jeder dritte Beschäftigte aus Hayange tut - und nicht mindestens das Abitur hat.

Entsprechend hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit in Lothringen: fast zwölf Prozent aller 15- bis 24-Jährigen haben keinen Job. Zählt man die Jugendlichen dazu, die ein unbezahltes Praktikum machen oder pro Woche nur ein paar Stunden jobben, ist die Quote noch deutlich höher.

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Hayange: Jungfräuliche Überwachung

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In Hayange habe mindestens jeder fünfte Jugendliche nichts zu tun, sagt Jonathan Champion, Sprecher des Bürgermeisters. In der Stadt regierten lange die Linken, dann die Rechten, und weder die einen noch die anderen schafften es, den Aufschwung zurückzuholen. Jetzt versuchen es die Rechtsextremen. Sie setzen dabei vor allem auf Kontrolle.

Champion, das Hemd kariert in den französischen Nationalfarben, steht an einem Fenster des Rathauses und zeigt auf den Hügel dahinter, dessen Kuppe eine Marienstatue ziert. "Wir haben alle Überwachungskameras modernisiert", sagt er. "Links von der Jungfrau hängt auch eine, sie kann 360 Grad aufnehmen, in besserer Qualität."

Die Gemeindepolizisten gehen jetzt auch am Wochenende und bis in den frühen Morgen auf Streife, seit Kurzem haben sie einen Schäferhund. Der Bürgermeister will das Kommissariat der machtvolleren nationalen Polizei nach Hayange zurückholen. Es wurde vor ein paar Jahren geschlossen.

Polizeihund Lucky auf Streife in Hayange

Polizeihund Lucky auf Streife in Hayange

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In Hayange gehe es zwar nicht krimineller zu als in anderen Kleinstädten, sagt Champion. "Aber die Einwohner fühlen sich jetzt weniger bedroht." Man habe vor allem Probleme mit Einbrechern gehabt und mit fünf Dutzend Albanern, die in einem Hotel vor dem Rathaus untergebracht sind.

Einwanderer haben die Arbeiterstadt Hayange seit Jahrzehnten geprägt. Die Stahlproduktion lockte Italiener, Polen, Spanier hierher, später auch Algerier, Türken, Tunesier. Es ist deshalb nicht opportun für den Front National, sich in Hayange gegen Einwanderung zu positionieren.

Man grenzt sich deshalb lediglich von den Neuankömmlingen ab. Wer schon länger hier lebe, habe sich an die französische Kultur angepasst, sagt Champion. Das Problem seien Immigranten, die in den vergangenen zwei Jahren ankamen, nämlich insgesamt rund 200 Albaner und Afrikaner. "Sie sprechen kein Wort Französisch und verhalten sich oft aggressiv."

Auch mit Jugendlichen habe es Probleme gegeben, sagt Champion. Sie hätten sich oft im Stadtzentrum die Zeit vertrieben. "Die Einwohner waren nicht sehr zufrieden damit", sagt er. Deswegen baue man gerade eine alte Shisha-Bar zum Jugendtreff um. Der soll im Juni eröffnen.


Im Video zeigt der Pressesprecher, wie es dort aussieht, und erklärt, was die Stadt noch für ihre Jugend tut.

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Jedem Jugendlichen, der in der Arbeiterstadt das Baccalaureat schafft, das französische Abitur, zahlt die Stadtverwaltung außerdem eine Prämie. Zwischen 20 und 50 Euro, aber nicht in bar, sondern als Gutschein für die wenigen Restaurants und Läden. "So helfen wir auch der lokalen Wirtschaft", sagt Champion.

Für Sozialarbeiter, die vor Ort in den Problemvierteln für Jugendliche da sind, mögen die Rechtsextremen kein Geld mehr ausgeben. "Sie waren sehr teuer und haben nichts gebracht", sagt Champion.

Wie denken Jugendliche über diese Jugendpolitik? In der Nachbarstadt Thionville haben fünf von ihnen gerade eine Orientierungswoche der Mission Locale hinter sich. Die öffentlich finanzierte Vereinigung hilft, Jugendliche aus der Provinz Nord-Mosellan in den Arbeitsmarkt zu integrieren.


Klicken Sie sich durch die Fotostrecke, um zu lesen, was Clémentine, Muhamad und Sébastien von Politikern halten:

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Jugendliche in Lothringen: "Ich weiß nicht, wo ich stehe"

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Eins ihrer Probleme: Lethargie. Deshalb ist die Wahl für sie auch schon gelaufen. Sie haben den für Jungwähler in Frankreich nötigen Schritt verpennt, sich bis vorigen Dezember in die Wählerlisten aufnehmen zu lassen. "Ich habe die Frist verpasst, niemand hat mich daran erinnert", sagt Clémentine. Die anderen vier zucken nur mit den Schultern.

In einem Dönerladen ein paar Straßen weiter arbeitet Serhat, 20. Seine Familie betreibt in Thionville mehrere Restaurants. Serhat beschäftigt sich viel mit Politik, er würde wohl den linken Kandidaten Mélenchon wählen, sagt er.

Aber er kann nicht. Auch er steht nicht in der Wählerliste. "Ich muss arbeiten, und das Rathaus macht so früh zu." Nur etwa die Hälfte der rund drei Millionen Erstwähler in Frankreich will laut dem Politikinstitut Cevipof  sicher zur kommenden Wahl schreiten.

Régis Wagner kennt die Viertel in Thionville, in denen auch Serhat lebt. Seit zehn Jahren ist der Sozialarbeiter in den sogenannten "Zones urbaines sensibles", in den Problemvierteln, unterwegs. "Von den Jugendlichen wählt dort kaum einer", sagt der 39-Jährige. "Dabei könnten sie helfen, einen Sieg des Front National zu verhindern."

Serhat (r.) mit Sozialarbeiter Régis Wagner und seiner Kollegin Clémence

Serhat (r.) mit Sozialarbeiter Régis Wagner und seiner Kollegin Clémence

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Doch die Jugendlichen glaubten nicht, dass Politik ihr Leben verändern kann, sagt Régis. "Noch interessiert sie das nicht. Doch wenn die Rechtsextremen gewinnen sollten, wird es zu Unruhen kommen, dann brennen die Viertel."

In Hayange leuchtet das Rathaus in der Abendsonne. Zwei Polizisten drehen mit Lucky, dem jungen Schäferhund, ihre Runden. Lucky trägt einen Lederkorb mit Stahlkappe vor dem Maul. Wenn er angreife, sei das schmerzhaft, auch wenn er nicht beißen könne, erzählt ein Polizist.

Gerade bellt Lucky nur heiser durch seinen Maulkorb. "Ihr wart zu laut", sagt der Polizist zu den drei zappeligen Mädchen auf den Stufen vor der Sandsteinkirche.

Der 18-jährige Julien ist schon zu seinem Bus gerannt. Sein Tattoo zeigte ein Spinnennetz und die Initialen seiner Familie. "Es geht um Macht", hatte er über den Front National noch gesagt. Sein Name steht auf der Wählerliste.

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