Frauen und Karriere "Männer sind nun mal Sensibelchen"

Erst waren es die bösen Männer, die Frauen auf ihrem Weg nach oben ausbremsten. Dann hieß es, vielen Frauen sei die Karriere schlicht zu anstrengend. Nun hat Isabel Nitzsche eine neue Erklärung, warum Frauen es so selten in Top-Jobs schaffen - im Interview erklärt die Münchner Buchautorin die Männer-Regeln aus der Steinzeit.


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In Ihrem Buch machen Sie Frauen klar, wo ihr Platz ist. So sollen sie hierarchische Rangordnungen akzeptieren und dürfen Platzhirsche nicht angreifen. Also Karriere durch Unterwerfung?

Isabel Nitzsche: "Die Regeln bestimmen noch immer die Männer"
Andreas Pohlmann

Isabel Nitzsche: "Die Regeln bestimmen noch immer die Männer"

Isabel Nitzsche: Es ist nun mal leider so, dass Frauen mit der Einstellung "Jetzt zeige ich es den Jungs mal" nicht weit kommen. Männer sehen das sofort als Angriff auf ihre Rangposition und fangen an zu kämpfen. Wenn eine Frau einen Mann daher vor versammelter Mannschaft kritisiert, dann hat sie einfach schon verloren. Der Mann sieht das als Attacke und wird sich vehement dagegen wehren. Das Problem ist, dass die meisten Frauen das nicht erkennen und sich dann über die Reaktionen der Männer wundern. Aber das sind nun mal ganz empfindsame Sensibelchen, die auf keinen Fall ihr Gesicht verlieren wollen.

SPIEGEL ONLINE: Und die Lösung lautet Anpassung statt dominantem Auftreten?

Nitzsche: Männer ticken eben anders. Das müssen Frauen einfach realisieren. Das kann man mit der interkulturellen Kommunikation vergleichen: Wenn ich in einem anderen Land Geschäfte machen will, muss ich ja auch vorsichtig sein und wissen, welche Spielregeln dort herrschen. Da kann ich auch nicht sagen, die anderen müssen so werden, wie es mir passt, sondern muss einen Weg finden, wie ich mich anpasse, ohne mich selbst zu verbiegen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommen diese Spielregeln?

Neandertaler mit weiblicher Begleitung: Müssen Frauen Steinzeit-Verhalten akzeptieren?
DPA

Neandertaler mit weiblicher Begleitung: Müssen Frauen Steinzeit-Verhalten akzeptieren?

Nitzsche: Die Grundmechanismen stammen sicher auch aus der Steinzeit. Damals kämpften die Männer untereinander um die beste Position in der Rangordnung und damit auch um die besten Chancen bei den Frauen. Denn das war entscheidend, um seine Gene möglichst oft zu vererben. Für Frauen waren solche Rangordnungen dagegen nie relevant. Schließlich konnten sie sich in Ruhe den besten und vor allem genetisch fittesten Mann aussuchen. Dieses Steinzeitschema tragen wir noch immer in uns. Daher haben Frauen auch oft kein Gespür für Rangordnungen und verdeckte Machtebenen. Doch die Regeln im Job bestimmen noch immer die Männer. Da kann ich nur überlegen, inwieweit ich mitspiele oder welchen Preis ich dafür zahlen muss, wenn ich nicht mitspiele.

SPIEGEL ONLINE: Ist also unser genetisches Erbe schuld, dass Frauen so selten Karriere machen?

Nitzsche: Das klingt zwar frustrierend, aber auch in der psychologischen Forschung hat man hier inzwischen umgeschwenkt. Stand bisher vor allem die Lerntheorie im Vordergrund, so besinnt sich die Wissenschaft nun zunehmend auf das Erbe der Evolution zurück. In den letzten Jahrzehnten hieß es stets, der Mensch sei ein Produkt seiner Umgebung und könne daher auch sein Schicksal selbst bestimmen. Jetzt erkennen immer mehr Forscher wieder die bedeutende Rolle der Evolution.

SPIEGEL ONLINE: Müssten sich die Frauen dann nicht wieder auf ihre Mutterrolle beschränken, und die ganzen Diskussionen zum Thema Kind und Karriere wären hinfällig?

Nitzsche: Die Kinder-Problematik verdeckt leider viele andere Themen. Denn viele Frauen kommen im Job eben nicht weiter, weil sie die Spielregeln nicht beachten, und ziehen sich dann mehr oder weniger frustriert in die Familie zurück. Natürlich ist es ganz schön anstrengend, mit Kindern Karriere zu machen. Und dabei kämpfen Frauen nicht nur mit ihrer doppelten Belastung in Familie und Job, sie werden oftmals auch noch als Rabenmutter kritisiert. Dagegen kann man mit der Mutterrolle nichts falsch machen. Viele wählen daher diesen bequemeren Weg.

SPIEGEL ONLINE: Gelten Ihre Beobachtungen auch für die jüngere Generation?

Nitzsche: Gerade die jungen Frauen sind oftmals unheimlich naiv. Sie haben eine sehr gute Ausbildung und kommen auch im Job erst einmal gut voran. Sie glauben daher, dass sie bereits alles erreicht haben. Doch sobald es um die Verteilung von verantwortungsvollen Stellen geht, kommt häufig das böse Erwachen. Dann ziehen sie schnell den Kürzeren, weil sie keine Ahnung von den Spielregeln haben.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch beschreiben Sie die Fallen, in die Frauen häufig tappen. Eine dabei ist die Rolle des "fleißigen Lieschens". Was steckt dahinter?

Nitzsche-Buch: Keine Chance für fleißige Lieschen

Nitzsche-Buch: Keine Chance für fleißige Lieschen

Nitzsche: Einer der größten Irrtümer der Frauen ist, dass ihnen der Aufstieg automatisch gelingt, wenn sie möglichst gute Leistungen bringen. Sie erledigen daher jede ihnen übertragene Aufgabe äußerst zuverlässig und perfekt bis ins kleinste Detail. Damit machen sie sich zwar beim Chef beliebt - aber keine Karriere. Schließlich will kein Vorgesetzter gern auf sein fleißiges Lieschen verzichten und hält sie auch den Anforderungen einer Führungsposition für nicht gewachsen. Männer kennen diese Rolle überhaupt nicht. Statt auf Fleiß setzen sie darauf, die richtigen strategischen Strippen zu ziehen. Das spielt gerade bei einem neuen Job eine entscheidende Rolle. Denn wichtiger als die Konzentration auf die neue Aufgabe, ist das Ergründen des "informellen Machtgeflechtes". Und genau dafür fehlt vielen Frauen einfach das Bewusstsein.

Das Interview führte Bärbel Schwertfeger



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