Freiwillige Helfer in Athen Den olympischen Geist gibt's umsonst

Bei den Spielen in Athen wird sagenhaft viel Geld bewegt. Trotzdem stünde die olympische Kommerzmaschine still ohne den Einsatz von 60.000 Volunteers. Die Idealisten opfern ihren Jahresurlaub und packen kostenlos zu - dafür sind sie mittendrin statt nur dabei, wie die Darmstädter Sportstudentin Annette Gasper.


Schnell mal ein paar Zahlen zu Beginn: Der griechische Finanzminister Giorgos Alogoskoufis hat bekannt gegeben, dass sich die Gesamtkosten für die Olympischen Spiele in Athen auf sechs Milliarden Euro belaufen werden. Doch was der Minister sagt, muss noch lange nicht stimmen. Wirtschaftsprüfer haben schon vorgerechnet, dass die Ausgaben etwa zehn Milliarden Euro betragen werden. Beim Treffen der Jugend der Welt gilt vor allem ein Satz: Money rules the world. Das Athener Organisationskomitee Athoc nimmt rund zwei Milliarden Euro durch Sponsorenzuwendungen ein, 818 Millionen Euro schießt das Internationale Olympische Komitee zu. Den großen Rest zahlt der griechische Steuerzahler.

 mit Chefin Thoma): Um 5 Uhr aufstehen

mit Chefin Thoma): Um 5 Uhr aufstehen

Und trotzdem wären auch diese Spiele nicht möglich ohne den Einsatz von rund 60.000 Menschen, die freiwillig und kostenlos olympische Dienste leisten. Volunteers heißen diese Helfer, die aus der ganzen Welt kommen, um Arbeiten zu verrichten, die in Deutschland Mini-Jobs sind: Hostessen, Parkplatzeinweiser, Auskunftsgeber an Informationsschaltern. Die Volunteers geben Olympia eine besondere Farbe: Hier eine sagenhafte Kommerzmaschine, die viele reich werden lässt - dort Tausende Idealisten, die ihren Jahresurlaub opfern und kostenlos zupacken, damit das gigantische Sportfest überhaupt stattfinden kann.

Ein Arbeitstag von Annette Gasper beginnt um 5 Uhr am Morgen und hat als ersten Höhepunkt eine einstündige Busfahrt von ihrer Unterkunft im Athener Stadtteil Petrupoli bis ins Sport Information Center im Olympischen Dorf. Ist sie zur Frühschicht eingeteilt, geht die Arbeitszeit von 7 bis 14 Uhr, die Kollegen von der Spätschicht bleiben dann bis 22 Uhr. Zwei Tage hintereinander wird gearbeitet, dann sind zwei Tage frei.

Die Chefin hat es schlimmer getroffen

Recht kommod eigentlich. Zumal Annette Gasper ihren Traumjob gefunden hatte: Die 26-jährige Sportstudentin aus Darmstadt wollte unbedingt beim olympischen Triathlonwettbewerb mitarbeiten - und das hat geklappt. Zusammen mit drei anderen Volunteers bedient sie den Infoschalter für die Triathleten und gibt Informationen jeder Art weiter.

Olympisches Dorf: Verpflegung auch für Volunteers
AFP

Olympisches Dorf: Verpflegung auch für Volunteers

Das ist für eine junge Frau, die mit ihrem amerikanischen Geschäftspartner eine kleine Schwimmschule betreibt sowie als Schwimmdozentin an der TU Darmstadt arbeitet, keine große Herausforderung. Außerdem ist der Kreis der Triathleten in Athen klein - nur jeweils 50 Frauen und Männer waren für die beiden Rennen zugelassen. Für Annette Gasper war es kein Problem, unmittelbar vor den Wettkämpfen täglich zum Dienst zu erscheinen.

Seit dem 30. Juli ist Annette Gasper im olympischen Job, den sie wie alle Kollegen per Online-Bewerbung erhalten hat. Über das Missverhältnis vom Kommerz auf der einen Seite und dem kostenlosen eigenen Tun auf der anderen mag sie nicht mehr nachdenken als nötig. Sie findet nämlich, dass es ihre Chefin Aggeliki Thoma weit schlimmer getroffen hat. Denn die Griechin bekommt als Supervisor 1300 Euro brutto im Monat, muss dafür jeden Tag 16 Stunden arbeiten - und was mit ihr nach den Spielen passiert, wissen nicht einmal die Götter.

98 Euro für Abendkarte im Deutschen Haus

Dann lieber die Praktikumsvariante eines Volunteers mit ein bisschen leichter Arbeit und schmackhafter Vollverpflegung im Olympischen Dorf. Einen Satz offizieller Klamotten gab es ja auch noch. "Außerdem können wir das olympische Busnetz auch in der Freizeit nutzen." Und die deutsche Botschaft hat alle deutschen Volunteers beschenkt - mit einem T-Shirt.

Eröffnungsfeier in Athen: Abenteuerurlaub für freiwillige Helfer
DDP

Eröffnungsfeier in Athen: Abenteuerurlaub für freiwillige Helfer

Für Annette Gasper sind diese Tage in der Hitze Athens wie ein Abenteuerurlaub. Flugticket und Unterkunft musste sie bezahlen, der Rest ist kostenloses Dauerstaunen und Olympiagucken. Und Handballstar Stefan Kretzschmar beim Essen zuschauen. Dafür macht sie eben Schalterdienst bei den Dreikämpfern. Und dass man als Volunteer nie richtig Feierabend hat und quasi wegen seiner auffälligen Kleidung in Athen ständig nach irgendetwas gefragt wird, ist auch noch zu verschmerzen.

Weil Annette Gasper ein ganz gutes Netzwerk im Sport hat, fand sie über einen Bekannten Einlass ins Deutsche Haus. Das schaffen normalerweise nur Wichtige und Berühmte - oder solche, die für eine Abendkarte 98 Euro hinlegen. "Das muss ja nicht gerade sein." Die Sportstudentin gelangte kostenlos hinein, durfte am Büffet schlemmen und jede Menge Promis gucken.

Das lausige Image Griechenlands aufpolieren

Und was ist mit dem olympischen Geist? "Na ja, die Spiele sind auch nichts anderes als ein internationaler Großwettkampf, eben mit so vielen Sportarten wie nirgends." Annette Gasper hat privat und beruflich viel mit Spitzensport zu tun, daher läuft sie hier in Athen nicht mehr mit offenem Mund herum.

Alexandros Kirtsidis kommt schon etwas schwärmerischer daher, auf jeden Fall ist der junge Mann voller Idealismus - und Patriotismus. Weil er griechische Eltern hat, war es ihm eine Pflicht, bei diesen Spielen mitzuarbeiten, um aktiv das Image des Landes aufzupolieren. "Es gab doch vorher viel Kritik an Griechenland", sagt er. "Immer hieß es, dass die Spiele im Chaos enden."

Also mitarbeiten, damit es nicht so weit kommt. Kirtsidis ist 23 Jahre alt, studiert in Maastricht International Business und sagt nach gut zwei Wochen Olympiadienst, "dass man sich hier wie in einer große Familie fühlt". Sein Aufgabenfeld ist Transport. Dabei muss er Sportler und Zuschauer den rechten Weg von den Busparkplätzen in die Sportarenen des Helliniko Complex weisen, wo unter anderem das Basketballturnier stattfindet.

Vier Tage arbeiten, ein Tag frei, das ist der Rhythmus von Kirtsidis - gelebt wird in einer Wohngemeinschaft mit drei Kollegen. Ausbeutung? Kommerz? Sicher, das ist auch für den 23-Jährigen ein Thema. Aber dann sagt er, "dass es ohne uns kein Olympia gibt". Weit weg von betagten Sportfunktionären, PR-Leuten und mit Halskrause flüchtenden Wundersprintern gibt es den olympischen Geist doch noch, und zwar gratis.

Von Steffen Gerth, Jobpilot.de



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