Fünf Jahre "Generation Praktikum" Happy Birthday, liebes Uni-Prekariat

DDP

Von Dirk Nordhoff

2. Teil: Rebellion versandet, Hängen im Schacht - wenn erst mit 30 das Geld für eine eigene Wohnung reicht


Die Forschung widerspricht den Betroffenen-Anwältinnen Jessica Heyser und Claudia Behm nicht so einhellig, wie es die Befragungen von Schomburg und Briedis nahelegt. 2009 veröffentlichte etwa der österreichische Jurist Michael Stelzel, 27, seine Dissertation mit dem Titel "Generation Praktikum".

Er hat die Geschichte des Begriffs aufgearbeitet und kommt zu ähnlichen Schlüssen wie die Gewerkschafterin Heyser. "Generation Prekär" sei treffend, weil der Begriff viele Formen für "Erwerbstätigkeit zweiter Klasse" zusammenfasst: Euphemistische Wortschöpfungen dafür seien etwa "neue Selbstständige", "freie Dienstnehmer", "Projektarbeiter" und die bekannten Volontäre und Praktikanten.

Die von Hochschulforscher Schomburg proklamierte "Generation Vielfalt" ist Stelzel deutlich zu schönfärberisch. Er sagt, die Lernzeit bis zur einer "richtigen" Anstellung habe sich deutlich verlängert. "Die Jungen nehmen bei den ersten Verträgen Entbehrungen auf sich, die es so früher nicht gegeben hat." Zum Beispiel unbezahlte Arbeit in Form von Überstunden - "ich kenne keinen, der die ausbezahlt bekommen hätte". Löhne lägen oft unter Tarif, viele hangelten sich von Projekt zu Projekt.

"Die Älteren haben Angst vor der Kündigung, die Jungen davor, gar nicht erst in den Arbeitsmarkt reinzukommen", resümiert Stelzel. Zwar ende für Akademiker die Durstrecke oft irgendwann, aber "viele halten sich zu lange in diesen prekären Verhältnissen auf". Erst mit 30 schafften es dann viele auf eine reguläre Stelle mit besserer Bezahlung und könnten sich "eine normale Wohnung leisten".

Junge Berufseinsteiger brauchen "irrsinnige Mobilität und Flexibilität"

Die "Lehrjahre", wie es Stelzel nennt, wieder zu verkürzen, hätten die Jungen teils selbst in der Hand. Betriebsräte, Gewerkschaften und Arbeitsvermittler sollten besser über das Arbeitsrecht informieren, denn "die gesetzlichen Vorschriften sind in Deutschland und Österreich sehr gut, nur zu unbekannt".

Wie Michael Stelzel ist auch die Soziologin Tatjana Fuchs sicher, dass es heute eine ganze Generation erheblich schwerer hat als Einsteiger vor 10 oder 15 Jahren. Von den jungen Berufseinsteigern werde "irrsinnige Mobilität und Flexibilität" erwartet: Sie sollten sich selbst eine gute Ausbildung finanzieren, am besten Auslandserfahrung sammeln, nebenbei eine Familie gründen und privat für später vorsorgen, sagt die Arbeitsmarktexpertin des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie (Inifes).

Fuchs untersuchte im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums den "Berufseinstieg aus Sicht der jungen Generation" - und zwar zur Abwechslung nicht nur den Berufseinstieg der "Crème de la crème", wie sie die Akademiker nennt, sondern auch der Auszubildenen. Im Jahr 2007 befragte Inifes 18- bis 34-Jährige, die mindestens eine Ausbildung an einer Hochschule oder in einem Lehrberuf abgeschlossen hatten. Ergebnis: Schon vor der globalen Wirtschaftskrise waren unsichere Arbeitsverhältnisse so verbreitet wie unbeliebt. Jeder Zweite wünschte sich außerdem für Praktika einen festgeschriebenen Mindestlohn und eine beschränkte Höchstdauer.

Unbezahlt ist eigentlich nicht okay, aber...

Der damalige Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) fühlte sich durch die Inifes-Befunde sowie durch zwei Petitionen mit insgesamt über 100.000 Unterschriften zum Handeln genötigt. Zum Helden der Arbeit wurde er nicht: Selbst der etwas hasenfüßige Versuch, wenigstens Arbeitsverträge für Praktikanten zu erreichen, blieb im Ansatz stecken. Denn in der Großen Koalition kam es zum Ressort-Hickhack zwischen dem Arbeitsministerium und dem Bildungsministerium von Annette Schavan (CDU). Schavan hielt es mit den Zweiflern, ihr Haus urteilte über ein Regelwerk für Praktikanten, es sei ein Praktikumskiller. Chance vertan, Rebellion versandet - und bei der schwarz-gelben Koalition ist in dieser Frage nichts zu holen.

Heute stecken viele Bachelor-Absolventen in einer Situation wie etwa Tim A., 26: Zum fünften Geburtstag der "Generation Praktikum" startet er in ein Praktikum. Obwohl er bereits einen Abschluss in Anglistik und Politikwissenschaft hat, trat er am 1. April seine Arbeit bei der Stiftung Wissenschaft und Politik an. Geld gibt's dafür keines.

Leisten kann sich das nur, wer die Eltern für die Miete und Fahrtkosten anpumpt. Auch Tim will sich solche Praktika selbst verbieten. Aber erst, sobald er seinen zweiten akademischen Grad hat, den Master. "Unbezahlt ist eigentlich nicht okay", sagt Tim. "Doch die Vorteile haben überwogen - da wird man halt schwach."



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Newspeak, 08.04.2010
1. ...
"Von den jungen Berufseisteigern werde "irrsinnige Mobilität und Flexibilität" erwartet: Sie sollten sich selbst eine gute Ausbildung finanzieren, am besten Auslandserfahrung sammeln, nebenbei eine Familie gründen und privat für später vorsorgen," Kann dem nur zustimmen. Wobei die Ausbeutung schon im Studium anfängt. Wieso werden z.B. Heerscharen von Doktoranden zu 1000 Euro netto auf halben Stellen beschäftigt (die haben alle schon einen Berufsabschluß in der Tasche!). Natürlich weil das ja immer noch "Lehrjahre" sind. Komisch nur, daß echte Lehrlinge einen (wenn auch geringen) Lohn bekommen. Warum die einen während ihrer Ausbildung entlohnt werden, die anderen (die auch mitarbeiten) aber für ihre Ausbildung bezahlen sollen, hat mir noch niemand schlüssig erklären können. Denn das Argument, das ein Akademiker später von einem höheren Gehalt profitiert, zählt längst nicht mehr (und das ist kein Eindruck, sondern empirisch erwiesen).
zynik 08.04.2010
2. danke für die glückwünsche
Zitat von sysopJust hat sie ihren fünften Geburtstag, in Büchern und Filmen gibt es sie gewiss - aber auch im richtigen Leben? "Generation Praktikum" ist ein einprägsames Etikett. Viele schimpfen über Ausbeutung junger Akademiker, andere preisen die Vielfalt beim Berufsstart. War da was, ist da was? Eine Inventur. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,687078,00.html
Bei dieser launigen Meldung empfehle ich dem Spiegel mal sein eigenes Blatt zu lesen: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69628965.html Da wird aus der halbspassigen "Generation Praktikum" auf einmal eine "Ära der Unsicherheit". "Generation Praktikum" klingt alleine deswegen abgenutzt, weil die prekären Arbeitsverhältnisse und die Unsicherheit zu einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit geworden sind. Happy Birthday, liebe Arbeitswelt. Was ist eigentlich aus der "Generation Golf" geworden?
rewistud 08.04.2010
3. Chance auf Anstellung
Zitat von sysopJust hat sie ihren fünften Geburtstag, in Büchern und Filmen gibt es sie gewiss - aber auch im richtigen Leben? "Generation Praktikum" ist ein einprägsames Etikett. Viele schimpfen über Ausbeutung junger Akademiker, andere preisen die Vielfalt beim Berufsstart. War da was, ist da was? Eine Inventur. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,687078,00.html
Ich kenne eine Studentin, die ein ganze Jahr lang unbezahlt für eine Tageszeitung gearbeitet hat. Ich selber will auch im Journalismus tätig werden und habe bereits vier Praktika während meines Studiums absvolviert, arbeite nebenbei als freier Mitarbeiter für diverse Medien, um die Chancen auf ein Volontariat zu erhöhen. Manch ein Redakteur hat mich dennoch verwundert gefragt, warum ich denn für eine Zeitung schreiben wolle. Ein Volontariat könne man zwar irgendwie bekommen - eine Anstellung jedoch nicht.
Geziefer 08.04.2010
4. Kampfbegriff
Prekariat. Das ist ein gesellschaftspolitischer Kampfbegriff, der Arbeitskraft zur universellen Verfügungsmasse degradieren will. Man sollte diesen Begriff "Generation Prekär" nicht mehr verwenden. Aus zwei Gründen: Ein Teil der Betroffenen weiß gar nicht, was "Generation Prekär" ausdrücken soll und ein Großteil derer, die so betitelt werden, fühlt sich nicht als prekär. Beschäftigungsverhältnisse sind eigentlich an sich prekär. Die Situation, in der sie leben, ist oftmals prekär. Aber sie sind nicht die "Generation Prekär". Davon distanzieren sie sich auch selbst.
trendy_randy 08.04.2010
5. Zwei
Zitat von sysopJust hat sie ihren fünften Geburtstag, in Büchern und Filmen gibt es sie gewiss - aber auch im richtigen Leben? "Generation Praktikum" ist ein einprägsames Etikett. Viele schimpfen über Ausbeutung junger Akademiker, andere preisen die Vielfalt beim Berufsstart. War da was, ist da was? Eine Inventur. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,687078,00.html
Es gehören immer zwei dazu - einer der ausnutzt und einer, der sich ausnutzen lässt -.
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