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08. April 2010, 09:04 Uhr

Fünf Jahre "Generation Praktikum"

Happy Birthday, liebes Uni-Prekariat

Von Dirk Nordhoff

Just hat sie ihren fünften Geburtstag, in Büchern und Filmen gibt es sie gewiss - aber auch im richtigen Leben? "Generation Praktikum" ist ein einprägsames Etikett. Viele schimpfen über Ausbeutung junger Akademiker, andere preisen die Vielfalt beim Berufsstart. War da was, ist da was? Eine Inventur.

Sie schien tot zu sein, bevor sie recht geboren war. Wissenschaftler haben sie mehrfach zur Erfindung erklärt. Die nach ihr benannten Internetseiten in Österreich und Deutschland wirken wie ein Echo aus der Vergangenheit. Erst vor ziemlich genau fünf Jahren bekam sie ihren Namen: die "Generation Praktikum".

Es war die Überschrift über einem Artikel der Wochenzeitung "Die Zeit". Darin beklagte der Autor Matthias Stolz am 31. März 2005, dass junge Menschen nach dem Studium systematisch in Praktika abgedrängt und als billige Arbeitskräfte missbraucht würden. Das Phänomen war nicht neu, aber das Etikett schien so schön zu passen, dass eine rege Debatte losbrach.

Jahrelang wurde über die Zukunftschancen der Jugend und über Probleme für Berufseinsteiger diskutiert; der SPIEGEL nahm die "Generation Praktikum" auf den Titel . Selbst die Bundesregierung gab eine eigene Studie in Auftrag - doch die damit betrauten Hochschulforscher sprachen der Generation ihre Existenz glatt ab.

"Prekär" - oder alles so schön bunt und "vielfältig"?

Heute, ein paar Jahre, viele Hiobsbotschaften und eine Weltwirtschaftskrise später, hat die "Generation Praktikum" zwei neue Namen, die sich stark widersprechen: "Generation Prekär" sagt, wer weiter glaubt, dass unfaire Praktika weit verbreitet sind und junge Menschen ohne echte Perspektive systematisch von bösen Arbeitgebern über den Tisch gezogen werden. Optimistisch von einer "Generation Vielfalt" spricht dagegen, wer die Klagen über Ausbeutung für hysterisch-übertrieben hält.

Erfinder der "Generation Vielfalt" ist Harald Schomburg. Der Kasseler Hochschulforscher untersucht unter anderem, wie junge Akademiker den Berufseinstieg meistern. Im Herbst 2009 veröffentlichte er das Ergebnis einer Befragung von 30.000 Absolventen. "Generation Praktikum ade", urteilte der Soziologe: Praktika nach dem Studium seien "kein Massenphänomen", und von "dauerhaft prekärer Beschäftigung" könne bei der Mehrheit des untersuchten Jahrgangs von 2007 keine Rede sein.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte ein anderer Forscher die "Generation Praktikum" zum Mythos erklärt: Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System kam 2007 per Absolventenbefragung zu ähnlichen Thesen wie Schomburg. Bis heute ist er überzeugt, ein vermeintliches Unrecht empirisch widerlegt zu haben: "'Generation Praktikum' war nie ein Begriff, der Geltung hatte", so Briedis.

Claudia Behm sieht das ganz anders. Sie gehört zum Verein fairwork, der schon 2004 unfaire Praktika anprangerte, ehe Medien auf das Thema so richtig ansprangen. Behm sagt: "Die Situation für Praktikanten hat sich seit unserer Gründung nicht verbessert." Zwar seien die Absolventen mittlerweile sensibilisiert, aber viele Arbeitgeber hätten ruchlos auf die öffentliche Debatte reagiert - nämlich mit Etikettenschwindel.

Allzeit bereit zur Selbstausbeutung

"Unfaire Angebote werden jetzt zum Beispiel Volontariat, Hospitanz oder Trainee genannt", so Behm. Weil die Bezeichnungen nicht rechtlich definiert seien, hätten schwarze Schafe es leicht: Statt Weiterbildungen, Mentoring oder einen Ausbildungsplan zu erhalten, würden die Berufsanfänger "einfach als billige Arbeitskräfte eingesetzt". Und häufig danach flink auf die Straße gesetzt, weil das Unternehmen sie angeblich nicht einstellen könne - wohl aber den nächsten Rutsch an Volontären oder Trainees.

Verglichen damit war die Ausschreibung eines großen Hamburger Verlags entwaffnend ehrlich: Das Unternehmen suchte zehn Praktikanten mit abgeschlossenem Studium oder abgeschlossener Ausbildung für sechs bis zwölf Monate, für 500 Euro. Dafür gab fairwork dem Verlag den Schmähpreis "Goldene Raffzähne 2009".

Gewerkschafterin Jessica Heyser, 32, sagt, der Hang zur Selbstverzwergung sei bei jungen Menschen heute noch stärker als vor fünf Jahren. Bei den Krisenkindern, wie sie der SPIEGEL nannte, wachse der Druck und die Angst vor Arbeitslosigkeit: Einstellungsverbote und Personalabbau träfen die Jungen zuerst.

Heyser warnt davor, Praktika isoliert vom übrigen Arbeitsmarkt zu sehen, auf dem die Hartz-Reformen mit mehr Leiharbeit und Minijobs sowohl Ausbeutung als auch Selbstausbeutungsneigung der Berufseinsteiger gefördert hätten. "Generation Prekär" sei die richtigere Bezeichnung. In Italien und Spanien hat sich dafür das Schlagwort der "Generation 1000 Euro" durchgesetzt - die 1000 Euro stehen für den monatlichen Nettolohn, über den es viele jahrelang nicht hinaus schaffen, trotz Vollzeitstelle.

Rebellion versandet, Hängen im Schacht - wenn erst mit 30 das Geld für eine eigene Wohnung reicht

Die Forschung widerspricht den Betroffenen-Anwältinnen Jessica Heyser und Claudia Behm nicht so einhellig, wie es die Befragungen von Schomburg und Briedis nahelegt. 2009 veröffentlichte etwa der österreichische Jurist Michael Stelzel, 27, seine Dissertation mit dem Titel "Generation Praktikum".

Er hat die Geschichte des Begriffs aufgearbeitet und kommt zu ähnlichen Schlüssen wie die Gewerkschafterin Heyser. "Generation Prekär" sei treffend, weil der Begriff viele Formen für "Erwerbstätigkeit zweiter Klasse" zusammenfasst: Euphemistische Wortschöpfungen dafür seien etwa "neue Selbstständige", "freie Dienstnehmer", "Projektarbeiter" und die bekannten Volontäre und Praktikanten.

Die von Hochschulforscher Schomburg proklamierte "Generation Vielfalt" ist Stelzel deutlich zu schönfärberisch. Er sagt, die Lernzeit bis zur einer "richtigen" Anstellung habe sich deutlich verlängert. "Die Jungen nehmen bei den ersten Verträgen Entbehrungen auf sich, die es so früher nicht gegeben hat." Zum Beispiel unbezahlte Arbeit in Form von Überstunden - "ich kenne keinen, der die ausbezahlt bekommen hätte". Löhne lägen oft unter Tarif, viele hangelten sich von Projekt zu Projekt.

"Die Älteren haben Angst vor der Kündigung, die Jungen davor, gar nicht erst in den Arbeitsmarkt reinzukommen", resümiert Stelzel. Zwar ende für Akademiker die Durstrecke oft irgendwann, aber "viele halten sich zu lange in diesen prekären Verhältnissen auf". Erst mit 30 schafften es dann viele auf eine reguläre Stelle mit besserer Bezahlung und könnten sich "eine normale Wohnung leisten".

Junge Berufseinsteiger brauchen "irrsinnige Mobilität und Flexibilität"

Die "Lehrjahre", wie es Stelzel nennt, wieder zu verkürzen, hätten die Jungen teils selbst in der Hand. Betriebsräte, Gewerkschaften und Arbeitsvermittler sollten besser über das Arbeitsrecht informieren, denn "die gesetzlichen Vorschriften sind in Deutschland und Österreich sehr gut, nur zu unbekannt".

Wie Michael Stelzel ist auch die Soziologin Tatjana Fuchs sicher, dass es heute eine ganze Generation erheblich schwerer hat als Einsteiger vor 10 oder 15 Jahren. Von den jungen Berufseinsteigern werde "irrsinnige Mobilität und Flexibilität" erwartet: Sie sollten sich selbst eine gute Ausbildung finanzieren, am besten Auslandserfahrung sammeln, nebenbei eine Familie gründen und privat für später vorsorgen, sagt die Arbeitsmarktexpertin des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie (Inifes).

Fuchs untersuchte im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums den "Berufseinstieg aus Sicht der jungen Generation" - und zwar zur Abwechslung nicht nur den Berufseinstieg der "Crème de la crème", wie sie die Akademiker nennt, sondern auch der Auszubildenen. Im Jahr 2007 befragte Inifes 18- bis 34-Jährige, die mindestens eine Ausbildung an einer Hochschule oder in einem Lehrberuf abgeschlossen hatten. Ergebnis: Schon vor der globalen Wirtschaftskrise waren unsichere Arbeitsverhältnisse so verbreitet wie unbeliebt. Jeder Zweite wünschte sich außerdem für Praktika einen festgeschriebenen Mindestlohn und eine beschränkte Höchstdauer.

Unbezahlt ist eigentlich nicht okay, aber...

Der damalige Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) fühlte sich durch die Inifes-Befunde sowie durch zwei Petitionen mit insgesamt über 100.000 Unterschriften zum Handeln genötigt. Zum Helden der Arbeit wurde er nicht: Selbst der etwas hasenfüßige Versuch, wenigstens Arbeitsverträge für Praktikanten zu erreichen, blieb im Ansatz stecken. Denn in der Großen Koalition kam es zum Ressort-Hickhack zwischen dem Arbeitsministerium und dem Bildungsministerium von Annette Schavan (CDU). Schavan hielt es mit den Zweiflern, ihr Haus urteilte über ein Regelwerk für Praktikanten, es sei ein Praktikumskiller. Chance vertan, Rebellion versandet - und bei der schwarz-gelben Koalition ist in dieser Frage nichts zu holen.

Heute stecken viele Bachelor-Absolventen in einer Situation wie etwa Tim A., 26: Zum fünften Geburtstag der "Generation Praktikum" startet er in ein Praktikum. Obwohl er bereits einen Abschluss in Anglistik und Politikwissenschaft hat, trat er am 1. April seine Arbeit bei der Stiftung Wissenschaft und Politik an. Geld gibt's dafür keines.

Leisten kann sich das nur, wer die Eltern für die Miete und Fahrtkosten anpumpt. Auch Tim will sich solche Praktika selbst verbieten. Aber erst, sobald er seinen zweiten akademischen Grad hat, den Master. "Unbezahlt ist eigentlich nicht okay", sagt Tim. "Doch die Vorteile haben überwogen - da wird man halt schwach."

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