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Gehaltsreport Die Legende von den armen Frauen

Das Gehaltsgefälle zwischen Männern und Frauen ist empörend ungerecht, lautet die gängige Meinung. Stimmt so pauschal aber nicht, wie der Gehaltsreport zeigt: In vielen Berufen sind die Unterschiede minimal, in manchen überflügeln Frauen ihre männlichen Kollegen sogar.

"Über mein Gehalt habe ich mir bei der Berufswahl überhaupt keine Gedanken gemacht", erzählt Maren Herrmann*. Studiert hat sie Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Personal. Heute arbeitet die 34-Jährige bei einer norddeutschen Maschinenbaufirma im Bereich Personalentwicklung und Ausbildung - "klar, das ist eine echte Frauendomäne".

Eine Auswertung aktueller Gehälter durch die Hamburger Vergütungsberatung PersonalMarkt  zeigt, dass die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen in der Personalentwicklung tatsächlich eher gering sind: Eine Personalentwicklerin, Mitte 30, verdient durchschnittlich sogar mehr als ihr männlicher Kollege - sie geht mit 49.900 Euro brutto pro Jahr nach Hause, ihr gleichaltriger männlicher Kollege mit 47.600 Euro.

PersonalMarkt-Geschäftsführer Tim Böger erläutert: "Ein sehr hoher Frauenanteil in einer bestimmten Berufsgruppe geht zwar nicht automatisch einher mit einem geringeren Abstand zwischen den Gehältern von Männern und Frauen. Anders herum aber gilt: Je geringer der Frauenanteil, umso größer ist der Abstand bei den Gehältern."

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Foto: www.personalmarkt.de

Ein anderes Beispiel der PersonalMarkt-Studie, bei der die Gehälter von insgesamt 22 Berufen analysiert und mehr als 200.000 Datensätze ausgewertet wurden, belegt diese These: Eine 30-jährige Mitarbeiterin in der Marktforschung (auch hier ist der Frauenanteil relativ hoch) kommt auf ein Jahresbruttogehalt in Höhe von 38.600 Euro, ihr gleichaltriger männlicher Kollege auf 40.000 Euro - ein Unterschied von lediglich rund 110 Euro monatlich. Eine 40-jährige Grafik-/Webdesignerin erhält ein jährliches Bruttogehalt von 36.000 Euro, ihr gleichaltriger männlicher Kollege knapp 1000 Euro mehr.

Der Bereich Softwareentwicklung ist nach Einschätzung der Gehaltsexperten von PersonalMarkt die "berühmte Ausnahme". Hier verdienen Frauen, trotz eines Anteils von nur etwa neun Prozent, teilweise deutlich mehr als Männer: Eine Softwareentwicklerin um die Dreißig kommt demnach auf 47.500 Euro, ihr gleichaltriger männlicher Kollege nur auf 44.400 Euro.

Ab Mitte 30 wächst der Abstand

Ein Ausreißer, ein glücklicher statistischer Zufall? "Davon kann man bei insgesamt 1900 Datensätzen von vergleichbaren Softwareentwicklern zwischen 28 und 32 Jahren wohl nicht sprechen", sagt Tim Böger. Die Zahl zeige vielmehr, dass "bei einem Gehaltsvergleich zwischen Männern und Frauen auf jeden Fall sehr genau nach Branchen und Berufen differenziert werden muss".

Allerdings zeigen die Daten auch, dass die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen ab Mitte 30 auseinander geht. "Der Abstand zwischen den Gehältern beginnt bei den meisten der von uns ausgewerteten Berufe etwa ab dem 35. Lebensjahr zu wachsen", erläutert Böger. Gründe gebe es dafür gleich mehrere: "Wer in Elternzeit geht, nimmt meist nicht mehr an den üblichen Gehaltsrunden und Gehaltssteigerungen teil. Frauen verpassen dadurch nicht nur Karrierechancen, sie treten auch beim Gehalt auf der Stelle."

Zudem wurden die heute über 35-Jährigen vermutlich mit einem vergleichsweise niedrigen Gehalt eingestellt. Böger: "Den Abstand zu den Männern konnten diese Frauen meist nicht mehr aufholen - aufgrund beruflicher Pausen und weil eine Gehaltssteigerung sich fast immer am aktuellen Gehalt orientiert. Kein Wunder also, dass der Abstand zu den Kollegen, mit meist von vornherein höheren Gehältern, immer größer wurde."

Bei älteren Arbeitnehmern sind daher die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen nach wie vor gravierend. So bekommt eine 40-jährige Ingenieurin ein Viertel weniger Gehalt als ihr Kollege in der Nachbarabteilung. Sie erhält rund 40.000 Euro, er 54.000 Euro. Eklatant sind auch die Differenzen bei Unternehmensberatern: Eine 35-Jährige verdient durchschnittlich 48.300 Euro, der gleichaltrige Kollege mit durchschnittlich 69.000 Euro über ein Drittel mehr.

Allmähliche Angleichung der Einkommen

Ähnlich sieht es im Controlling aus. Ein 45-jähriger Controller bekommt 61.700 Euro brutto im Jahr, eine gleichaltrige Controllerin aber nur 42.500 Euro - ein Unterschied von satten 31 Prozent. Böger: "Bei diesen Zahlen muss man also bedenken, dass die heute älteren Frauen ihren Beruf bereits seit zehn, fünfzehn oder mehr Jahren ausüben." Die Kurven, da ist der Vergütungsexperte sicher, würden sich aber in Zukunft weiter angleichen.

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Foto: www.personalmarkt.de

Grundsätzlich, so Böger, habe sich die Vergütung der Arbeit von Frauen in den letzten fünfzehn Jahren im Vergleich zur Zeit davor - positiv entwickelt. Das bestätigen auch Zahlen des Statistischen Bundesamtes: Ein Vergleich der durchschnittlichen Bruttomonatsgehälter von Männern und Frauen für die Jahre 2001 bis 2004 zeigt eine Verringerung des Gehaltsabstands. Frauen konnten demnach binnen drei Jahren über alle Altersgruppen hinweg den Gehaltsabstand im Mittel um 0,7 Prozent verringern.

Damit nicht genug: In einigen Bereichen gelang sogar eine Angleichung, etwa bei den Steuerfachangestellten, bei denen die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen nach Auswertung der PersonalMarkt-Daten gering sind. Ähnlich verhält es sich bei Mitarbeitern in Call-Centern: "Call-Center in der heutigen Form und Verbreitung gibt es seit höchstens 15 Jahren. Das bedeutet, dass vor 20 Jahren keine Männer mit höheren Gehältern eingestellt werden konnten. Daher verdienen auch die älteren Mitarbeiterinnen im Call-Center praktisch dasselbe wie ihre männlichen Kollegen", so Böger.

In den Führungsriegen wird die Luft für Frauen dünn

Und wie verhält es sich nun mit Führungspositionen? "Ähnliches gilt auch dafür, allerdings sind hier die Abstände zwischen den Gehältern von Männern und Frauen etwas größer." Abhängig sei dies vor allem von der Mitarbeiterzahl. Je größer die Abteilung, umso größer auch die Unterschiede bei den Gehältern: So bekommt eine Frau, die mehr als 30 Mitarbeiter führt, ein Drittel weniger Gehalt als der Chef der Nachbarabteilung mit ebenfalls 30 Mitarbeitern. Die 45-Jährige erhält 77.500 Euro, ihr gleichaltriger Kollege 113.700 Euro.

Frauen, die es bis in die Top-Etagen der deutschen Wirtschaft geschafft haben, verdienen dann wieder genau so viel wie ihre männlichen Kollegen. Allerdings: Frauen in Führungspositionen sind in Deutschland nach wie vor unterrepräsentiert.

Andere Studien liefern weitere Hinweise, warum Mitarbeiterinnen bei gleicher Qualifikation bisweilen geringere Einkommen einstreichen - zum Beispiel das bescheidenere Auftreten bei Gehaltsverhandlungen. So fand eine Pittsburgher Wirtschaftsprofessorin mit einem Experiment heraus, dass Frauen deutlich schlechter beurteilt werden als Männer, wenn sie ihre Gehaltsvorstellungen deutlich aussprechen statt diskret verschweigen.

Der Recruiting-Dienstleister Access ermittelte einen anderen Hauptgrund fürs Gehaltsgefälle im Beruf: Frauen orientieren sich bei der Wahl eines neuen Arbeitsplatzes völlig anders als Männer. So suchen junge Akademikerinnen aus dem kaufmännischen Bereich in erster Linie nach persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten und Jobsicherheit. Männer dagegen verlocken vor allem hohe Gehälter zum Jobwechsel, heißt es in einer Access-Studie, die im September erschien.

Zudem unterscheiden sich die bevorzugten Branchen: Frauen zieht es eher in die Konsumgüterindustrie, in Tourismus, Medien, Werbung und PR. Männer dagegen drängt es in die Autoindustrie, IT-Branche, zu Unternehmensberatungen oder ins Investmentbanking - und dort zahlen die Arbeitgeber besser.

Verdienen Frauen insgesamt nun weniger, wie in vielen Untersuchungen behauptet wird? Oder doch nicht? Die gängige These von den "armen Frauen", die bei gleicher Qualifikation generell benachteiligt würden, lässt sich nach Auffassung von Tim Böger jedenfalls nicht halten. "Vor solchen Pauschalurteilen warne ich ausdrücklich", sagt er. "Unsere Zahlen haben gezeigt, dass Frauen in vielen Branchen und Berufen mindestens genau so viel verdienen wie ihre männlichen Kollegen - in einigen Berufen sogar mehr."

Von Heike Friedrichsen, Personalmarkt.de

(* Name geändert)

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