Gehaltsreport Was Forscher verdienen

Eine Karriere an der Uni ist riskant, öffentliche Forschungsinstitute bieten oft nur Zeitverträge. Die Industrie dagegen lockt mit attraktiveren Gehältern. Die neue Gehaltsanalyse zeigt, was Forscher und Entwickler bekommen - und welche Branchen besonders gut zahlen.


Forscherin: "Fast alle wechseln irgendwann in die Industrie"

Forscherin: "Fast alle wechseln irgendwann in die Industrie"

Dr. Thomas Menzel* arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Unternehmens der Medizintechnik. Aktuell forscht der studierte Informatiker an einer Software zur Visualisierung von Organen. Diese Software wird irgendwann einmal in Kliniken und Röntgenzentren zum Einsatz kommen. Menzels wissenschaftliche Karriere hat auch in der Industrie begonnen. "Überzeugt haben mich damals letztlich die guten Arbeitsbedingungen, die Freiheiten und das Gehalt", sagt der Wissenschaftler.

Tatsächlich verdienen Forscher und Entwickler in der Industrie mehr als ihre Kollegen an Forschungsinstituten. Wissenschaftler bei Forschungseinrichtungen erhalten nach einer Auswertung der Hamburger Vergütungsberatung PersonalMarkt rund 41.500 Euro jährlich. Ihre Kollegen in der Pharmaindustrie dagegen kommen auf 52.500 Euro jährlich; die Chemieindustrie zahlt 55.000 Euro und die Automobilindustrie gar 56.000 Euro.

Industrie finanziert Löwenanteil der Forschung

Dass so viele Nachwuchswissenschaftler in die Industrie gehen, hat auch mit steinigen Qualifikationswegen, unsicheren Karriere-Aussichten und befristeten Verträgen in vielen öffentlichen Forschungseinrichtungen zu tun. Menzel: "Nur wenige schaffen den Sprung auf eine der raren Professorenstellen oder an die Spitze einer außeruniversitären Forschungseinrichtung - alle anderen bleiben einfach sehr lange Hilfswissenschaftler."

Gehalts-Vergleich: Medizin

Gehalts-Vergleich: Medizin

Als "Hilfswissenschaftlerin" fühlte sich auch Sarah Müller* lange Zeit. Die studierte Biologin forschte zunächst an einer Hochschule. Mit befristeten Verträgen, um deren Verlängerung sie immer wieder bangen musste, und einem vergleichsweise niedrigen Gehalt. Der Wechsel in ein Unternehmen der Pharmaindustrie hat sich ausgesprochen positiv auf ihr Gehalt ausgewirkt: Es hat sich mehr als verdoppelt. "Ob Biologe, Chemiker, Biochemiker oder Mediziner - fast alle wechseln irgendwann in die Industrie", so Müllers Erfahrung.

Geforscht wird in Deutschland an Hochschulen, an außeruniversitären Forschungseinrichtungen von Bund, Ländern und Gemeinden sowie öffentlich geförderten privaten Einrichtungen ohne Erwerbszweck. Die meisten Forschungsprojekte jedoch werden von der Industrie finanziert. Nach den letzten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2003 haben Bund und Länder gemeinsam rund 31 Prozent aller Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in Deutschland finanziert. Den weitaus größeren Teil, nämlich rund 66 Prozent aller Forschungsaufwendungen, finanzierte jedoch die Wirtschaft.

Abwanderungswelle, sobald Fristverträge auslaufen

Gehälter technische Forschung

Gehälter technische Forschung

Dr. Jens Reschel*, der bei einer der größten Forschungsorganisationen Europas arbeitet, bestätigt: "Das Gros unserer Forschungsaufträge kommt aus der Industrie." Daneben bewirbt sich der Wissenschaftler aber auch auf öffentlich ausgeschriebene, teilweise staatlich geförderte Projekte, und initiiert zusammen mit seinen Kollegen eigene Forschungsfelder. "Mit dieser Aufteilung soll auch verhindert werden, dass an der Industrie vorbei geforscht wird", so Reschel.

An der Höhe des Gehalts ändert sich dadurch aber nichts. Bezahlt wurden die Mitarbeiter der Forschungsorganisation bisher nach BAT, seit kurzem gilt der neue Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD), der beispielsweise mehr individuelle Leistungszulagen vorsieht.

"Wer jetzt nach dem neuen TVöD bezahlt wird, verdient zunächst einmal genauso viel wie vorher", so Reschel. Neueinsteiger werden allerdings grundsätzlich nach dem neuen Tarifvertrag eingestuft, was zu einer niedrigeren Bezahlung führen kann.

Gehälter Naturwissenschaften

Gehälter Naturwissenschaften

"Als Non-Profit-Unternehmen haben wir von vornherein etwas andere Forschungsaufgaben, an erster Stelle steht bei uns der Transfer von Forschungs-Know-how in die Industrie", betont Reschel. Die Mitarbeiter haben befristete Verträge. Die meisten verlassen daher das Forschungsinstitut nach drei bis fünf Jahren. Sie gehen entweder in die Industrie oder gründen Spin-Offs.

Die Gehaltsunterschiede zwischen Beschäftigten in Forschungseinrichtungen und in der freien Wirtschaft zeigen sich bereits beim Berufseinstieg: Wer in die naturwissenschaftliche Forschung einsteigt, verdient an Forschungsinstituten zunächst rund 35.500 Euro. In der Industrie dagegen sind es rund 44.500 Euro. In der medizinischen Forschung bekommen Berufsanfänger bei Forschungsinstituten 34.600 Euro jährlich. In der Industrie liegt das Gehaltsniveau bei rund 41.000 Euro.

Auch bei mehr Berufserfahrung bleibt der Abstand

Arbeitsplätze gibt es vor allem bei Chemie- und Pharmaunternehmen, die auch viel Grundlagenforschung betreiben. Ähnlich sieht es im Bereich der technischen Forschung aus: Hier verdienen junge Forscher und Entwickler, die häufig eine ingenieurwissenschaftliche Ausbildung haben, 37.400 Euro, ihre Kollegen in der Industrie erhalten 41.000 Euro. Vor allem die Automobilindustrie gilt hier als wichtiger Innovationsträger.

Auch mit zunehmender Berufserfahrung ändert sich am Gehaltsabstand zwischen Industrie und Forschungseinrichtungen nicht viel. Forscher und Entwickler, die in der naturwissenschaftlichen Grundlagen- oder grundlagennahen Forschung tätig sind, verdienen mit zwei bis fünf Jahren Berufserfahrung bei Forschungseinrichtungen rund 41.000 Euro jährlich, in der Industrie sind es rund 48.000 Euro.

Im Bereich der medizinischen und technischen Forschung bleibt der Gehaltsabstand mit wachsender Berufserfahrung ebenfalls bestehen: In der medizinischen Forschung verdienen Forscher und Entwickler mit zwei bis fünf Jahren Berufserfahrung in Forschungseinrichtungen rund 42.000 Euro, in der Industrie sind es rund 47.300 Euro. In der technischen Forschung liegt das Gehaltsniveau bei einer Berufserfahrung von zwei bis fünf Jahren bei Forschungsinstituten bei rund 40.000 Euro, in der Industrie bei 47.400 Euro.

Von Heike Friedrichsen, Personalmarkt.de

(* Name geändert)

insgesamt 192 Beiträge
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Seite 1
JLPicard, 15.02.2006
1.
Über Gehälter allgemein öffentliche Diskussionen führen, halte ich für sinnvoll. Genauso wie ich es für sinnvoll halte, gross angelegte Statistiken zu führen, welche Berufsgruppen wieviel verdienen, um bei Entscheidungen (z.B. und vorallem in der Politik) nicht die Bodenhaftung zu verlieren! Diskussionen über das gehalt im privaten Rahmen lehne ich absolut ab! Zu 99 % verfallen dabei die "Gesprächsteilnehmer" in einen Selbstverherlichungsrausch und jeder versucht sich zu überbieten (egal ob es stimmt oder nicht). Die eine oder andere Freundschaft habe ich daraufhin umgehend beendet. Es gibt allerdings auch Gespräche im privatem Rahmen, die sich um das Thema Gehalt drehen, und recht konstruktiv und informativ sein können. Zurück zur Öffentlichkeit: Warum wird in anderen Ländern mehr über das Gehalt gesprochen. Vielleicht gibt es dort mehr Kontrast? D.h. die Maxima und Minima in verschiedenen Bereichen und zwischen verschiedenen Bereichen unterscheiden sich nicht so extrem wie beispielsweise im Ausland. D.h. wir brauchen diese Diskussion nicht unbedingt. Andererseits könnte im Ausland auch die Transparenz der Gehälter höher sein. Ich finde: Diskussion um und über Gehälter ist wichtig, jedoch im entsprechenden Rahmen und sie muss einen Sinn ergeben (also keine "Muskelshow").
DJ Doena 15.02.2006
2.
Das hat zwingend und primär mit der Neidkultur zu tun. Vielen Menschen, die hart arbeiten und viel verdienen, dabei aber nicht "schaffen" (sprich Fabrikarbeiter sind), werden gleich angeguckt, als würden sie sich ungerechtfertigt bereichern wollen, nur weil sie mehr verdienen, als der Tischlergeselle. Viel verdienen in Deutschland heißt fast immer automatisch: Da kann was nicht mit rechten Dingen zugehen. Eine Kassierin erzählt frei heraus, dass sie 1500€ brutto kriegt. a) ist das nicht "zu viel" und b) hat sie ja einen "ehrlichen" und nachvollziehbaren Job.
thingamajig, 15.02.2006
3. Wie es kommt?
Vielleicht, weil es die Führungsriege nicht wünscht, um nicht zu sagen: weil es ein "von oben" verordnetes Tabu ist?
MrTT20, 15.02.2006
4. Statistiken...
Also manchmal frage ich mich, wo diese Zahlen in den Statistiken eigentlich herkommen. Aus Deutschland können sie jedenfalls nicht sein. Vielleicht wollen sich einige der befragten Personen bzw. Firmen ja doch in einem besseren Licht darstellen, als es tatsächlich ist. Wenn durchschnittliche Akademiker-Einstiegsgehälter von >40.000 Euro (auch in der IT-Branche) suggeriert werden, dann ist das einfach mal an der Realität vorbei - zumindest im Osten Deutschlands.
Umberto, 15.02.2006
5.
---Zitat von sysop--- In anderen Ländern reden die Menschen offen über ihr Gehalt. In Deutschland nicht - wie kommt's? Wie sehen Sie es: Wäre es wünschenswert? ---Zitatende--- Mit meinem Gehalt halte ich es wie mit meiner Religion. Ist absolut meine Angelegenheit und geht niemanden etwas an.
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