Geisteswissenschaftler auf Jobsuche "Philosophie ist keine Ego-Therapie"

Der Philosophiestudent als unausweichlicher Fall für Hartz IV - dummes Gerücht oder bittere Wahrheit? Professoren beteuern: Ihre Absolventen haben auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen. Denn sie sind kreativ und stehen mit beiden Beinen auf dem Boden.


Der Philosophiestudent stellt Fragen an die Welt, muss sich aber vor allem selbst Fragen gefallen lassen: Wie weltfremd ist er eigentlich - und was bringt das Studium für einen späteren Beruf? Denn der fertige Philosoph steht auf dem Arbeitsmarkt nicht selten vor verschlossenen Türen.

Schmökern in Schopenhauer: Philosophiestudenten sollten sich auch mit Praxis beschäftigen
GMS

Schmökern in Schopenhauer: Philosophiestudenten sollten sich auch mit Praxis beschäftigen

Absolventen des Philosophiestudiums stehen vor dem selben Problem wie die meisten Geisteswissenschaftler: Sie scheinen auf den ersten Blick für keinen anderen Beruf ausgebildet zu sein als für die Lehre an Hochschulen und Schulen. "Philosophie ist kein Fach wie Jura oder Medizin, das einem fest umrissenen Berufsfeld zugeordnet ist", sagt Eckhard Homann vom philosophischen Institut der Universität Hannover.

Trotzdem ist die Warnung, die Philosophie sei eine "brotlose Kunst", oft ein Missverständnis. "Manche Geisteswissenschaftler finden bereits einen Job, bevor sie den Abschluss erreicht haben", so Jens Halfwassen vom Philosophischen Seminar der Uni Heidelberg.

Bernd Wagner hat in Düsseldorf Philosophie studiert und dann promoviert. Heute ist er Umweltreferent eines Versicherungsunternehmens. "Philosophie ist keine Seelenpflege oder Ego-Therapie", sagt er. Auch der Mathematiker könne schließlich ein Eigenbrötler sein. "Vorurteile liegen nicht nur am allgemeinen Unverständnis, sondern auch am Philosophen selbst. Er muss eben bereit sein, sich auch mit der Praxis zu beschäftigen."

"Die Füße in der Realität"

Der Philosophiestudent als unausweichlicher Fall für Hartz IV - also bloß ein Gerücht? Auch Dieter Birnbacher von der Universität Düsseldorf glaubt an die Vorzüge seiner Studenten. Der Philosophiestudent lerne vor allem formale Qualifikationen, die in den unterschiedlichsten Berufen eingesetzt werden können, sagt er. Dazu gehöre neben dem strukturierten Denken das Argumentieren, die Kritikfähigkeit und Kreativität.

Da er Ahnung von formalen Systemen habe, könne er nach einer zusätzlichen Ausbildung zum Beispiel in der Computerbranche arbeiten. Nicht zu unterschätzen sei der spezielle Bonus des Philosophen: "Er hat seine Füße in der Realität, denn er hat sämtliche Gegenwartsfragen von der Medizin- oder Medienethik bis zur Politik behandelt", so Birnbacher.

"Dem Philosophiestudenten steht ein breites und flexibles Spektrum von Anwendungsmöglichkeiten offen", meint auch Halfwassen. Seine Möglichkeiten reichen vom Verlagswesen über die Medienarbeit bis zur Tourismus- oder Werbebranche. Nicht selten folgen dem Philosophiestudium auch Jobs in der Wirtschaft, etwa im Personalwesen, in der Verwaltung oder in einer Unternehmensberatung.

Um sich für die "fachfremden" Berufe das erforderliche Handwerk anzueignen, muss man sich aber schon früh durch Praktika ein zweites Standbein aufbauen. Außerdem ist es sinnvoll, neben Philosophie weitere praxisnahe Fächer zu studieren.

Nur zehn Prozent schließen ihr Studium ab

Traditionell wählen Philosophiestudenten ein Hauptfach und zwei Nebenfächer und schließen mit Magister ab. Aber gerade im Magisterstudium Philosophie sind Langzeitstudenten nicht selten. Die Studiendauer liegt im Schnitt bei mehr als 13 Semestern, das Durchschnittsalter der Absolventen bei 31 Jahren, sagt Michael Weegen vom Informationssystem Studienwahl und Arbeitsmarkt (ISA) der Universität Essen.

Studienabbrecher: Große Unterschiede in den Fächern

Studienabbrecher: Große Unterschiede in den Fächern

Demgegenüber biete der Bachelor einige Vorteile. Das vor drei Jahren an der Uni Düsseldorf eingeführte Bachelorstudium ist auf sechs Semester begrenzt, die Studienorganisation straffer. "Der Bachelor ist praxisorientierter", sagt Birnbacher. Anschließend ist ein Masterstudium möglich.

Mit dem Bachelor sei auch die hohe Zahl der Studienabbrecher in Philosophie zurückgegangen, so Birnbacher. Denn generell ist die Zahl der Absolventen im Verhältnis zu den Studienanfängern sehr gering: 2003 haben an deutschen Universitäten nur 500 Studenten in Philosophie ihren Abschluss gemacht - Lehramtsstudenten nicht mitgezählt. Die Rate der Abschlüsse liegt bundesweit bei maximal zehn Prozent.

"Philosophie ist ein schwieriges Studium, das man nicht unterschätzen soll", meint Michael Weegen. Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium seien Neugier und Hartnäckigkeit. Eine Erfolgsprognose kann man rechtzeitig stellen: Gute Schulnoten in Mathematik weisen auf Kompetenz in Logik, in Deutsch auf gute Sprachfähigkeiten hin, sagt Birnbacher. Bringt der Student im Studium gute Leistungen, schließt er häufig mit einem Doktortitel ab: Immerhin hat laut einer ISA-Studie aus dem Jahr 2003 knapp die Hälfte aller Absolventen in Philosophie promoviert.

Von Joelle Verreet, gms

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.