Geisteswissenschaftler Die Karrieren der Problemkinder

Landen Geisteswissenschaftler zwangsläufig in der beruflichen Sackgasse? Ein neues Buch stellt vor, wie selbst Politologen, Historiker & Co. Karriere machen können - also die Absolventen all jener "brotlosen Künste", vor denen Eltern ihre Kinder immer warnen.

Von Manuel J. Hartung


Binsenweisheiten und nützliche Infos vereint dieses Buch

Binsenweisheiten und nützliche Infos vereint dieses Buch

Auf dem Schreibtisch des Personalchefs stapeln sich die Bewerbungen. Er sortiert, ordnet ein, und die ersten Mappen landen in Ablage P - dem Papierkorb. Manchmal hat es der Personalchef wirklich schwer: Was soll er anfangen mit einem Bewerber, der seinen Magister geschafft mit "Sozialhistorischen Anmerkungen zur Hermeneutik der Legitimitätsprobleme des Spätkapitalismus bei Jürgen Habermas"?

Geisteswissenschaftler gelten schon traditionell als Problemkinder des Arbeitsmarktes. Der Standardvorwurf: Sie thronen in ihrem akademischen Elfenbeinturm. Doch das Potenzial von Politologen, Historikern & Co. wird oft falsch eingeschätzt. Das verheißt zumindest ein neues Buch mit dem programmatischen Titel "Karriereplanung für Geisteswissenschaftler".

Autor Ulrich Holst, selbst studierter Theologe, sieht die "Symbol-Analyse" als besondere Fähigkeit der Geisteswissenschaftler - jenseits allen Fachwissens. Die Generalisten könnten komplexe Zusammenhänge erläutern und einordnen. Dazu seien "Soft Skills", Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, ebenso entscheidend wie "Hard Facts", also Abschlüsse und Berufserfahrung.

Binsenweisheiten und nützliche Infos

Das alles hat Holst zwar schön zusammengefasst, ist aber nicht neu. Oft ergeht sich der Autor in Binsenweisheiten wie "Erfolg findet im Team statt". Oder: "Geldverdienen ist nichts anderes als Dienen gegen Bezahlung".

Manchmal fällt es schwer, die Informationen mit Nutzwert herauszufiltern. Doch es gibt sie durchaus, etwa in den Teilen über Bewerbung und Vorstellungsgespräch. Daneben zeigt das Buch altbekannte Berufsfelder auf: Dozent, Journalist oder Verlagslektor. Das alles ist Pflicht. Die Kür beginnt erst später: etwa wenn der Autor Jobs wie Event-Manager oder persönlicher Referent eines Politpromis vorstellt. Oder sagt, wie man Recruiting-Messen und virtuelle Gemeinschaften nutzt, um Kontakte zu knüpfen.

Das Buch färbt die Realitäten des Arbeitsmarktes jedoch nicht schön. Bisweilen ist es gnadenlos ehrlich - und empfiehlt einen kompletten Neuanfang nach zwölf Semestern Ägyptologie.

Interviews und Erfahrungsberichte

Holsts Karriereplaner schwirrt nicht nur vor Abstraktem, bietet auch Konkretes: Interviews über die Karriere von Geisteswissenschaftlern, vom Coach über einen freien Journalisten bis zum IT-Referenten. Ein dicker Pluspunkt. Doch auch die Idee persönlicher Beispiele überdreht der Autor: Neben den Interviews gibt es auch wenige Zeilen lange Erfahrungsberichte. Diese haben höchstens Unterhaltungswert, etwa der von Susanne B., ehemals PR-Frau bei der Popgruppe Boney M. Fazit: "Ein Sprung ins kalte Wasser - aber danach war ich mit allen Wassern gewaschen."

Autor Holst ergänzt die Infos mit nützlichen Adresslisten und Surftipps. Die zahlreichen Ankreuztests dagegen wirken überflüssig: "Wie stellen Sie sich Ihr Leben im Alter von 48 Jahren vor?" - das gibt's sonst nur in Frauenzeitschriften. Beim "Chancentest" soll man "Ja", "Nein", "Teils, teils" antworten - Bravo-Manier. Ein "Kompetenzprofil" entpuppt sich als müde Auflistung harter Fakten: Name, Alter, Nationalität, Schulnoten - Beschäftigungstherapie mit offenem Behandlungsziel.

Das Rennen zur Karriere

Dass Karriere einem Wettrennen gleicht, suggerieren die sechs Kapitel-Überschriften - ein "Warming-up" steht am Beginn des Laufes, am Ende ist der Ausdauersportler im "Ziel". Das alles behindert den Leser dennoch nicht. Randnotizen machen die Orientierung einfach.

Der Autor hätte sein Buch auf die Hälfte eindampfen und die zahlreichen Binsenwahrheiten aussortieren müssen. Nun muss der Leser nach den für ihn wichtigen Informationen stochern. Dennoch liefert das Buch eine Reihe guter und nützlicher Infos für Uni-Absolventen wie Studieninteressenten.

Ulrich Holst: "Karriereplanung für Geisteswissenschaftler", Falken-Verlag 2001, 26,90 Mark



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