Lohnunterschiede Du willst reich werden? Studiere BWL - und sei ein Mann

Frauen verdienen schlechter als Männer - doch wo ist das Gefälle besonders groß? Welche Studiengänge und Ausbildungen zahlen sich besonders für Frauen, welche für Männer aus? SPIEGEL ONLINE zeigt, wo es die krassesten Lohnunterschiede gibt.

Wie groß ist der Abstand? Bei technischen und wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen liegen die Verdienste von Männern und Frauen besonders weit auseinander
Corbis

Wie groß ist der Abstand? Bei technischen und wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen liegen die Verdienste von Männern und Frauen besonders weit auseinander

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Statistik, Marketing, Controlling: Sie sitzen in denselben Vorlesungen, sie leiden gemeinsam, legen die gleichen Prüfungen ab, Semester für Semester.

Auf ihrem Zeugnis sind sie gleich: Betriebswirt, B.A. Doch nach dem Uni-Abschluss gehen die Karrieren zwischen männlichen und weiblichen Absolventen auseinander: Er bekommt eine Trainee-Stelle bei einem Großkonzern, steigt im Laufe der Jahre ins mittlere Management auf. Sie spezialisiert sich aufs Personal, geht zu einem kleinen Mittelständler, macht vielleicht eine längere Babyauszeit - und verdient am Ende deutlich weniger.

Im Schnitt erhalten Absolventinnen eines klassischen BWL-Studiums fast 40 Prozent weniger als ihre männlichen Kommilitonen von einst. Auch in technischen Disziplinen bekommen Frauen nach ihrer Ausbildung deutlich weniger Gehalt als die Männer - was erstaunt, da Wirtschaftsverbände regelmäßig beklagen, dass sie zu wenige Techniker und Ingenieure fänden.

In unseren interaktiven Tabelle können Sie nachvollziehen, welche Studienabschlüsse und Ausbildungsgänge besonders große Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern nach sich ziehen - und welche zu einer eher ausgeglichenen Bezahlung führt.

Für die Analyse haben wir Daten verwendet, mit denen die Forscherinnen Daniela Glockner von der Londoner School of Economics und Johanna Storck vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Verdienstaussichten verschiedener Studiengänge und Berufsausbildungen miteinander verglichen haben.

Die Werte gehen auf den Mikrozensus zurück, der sogenannten "kleinen Bevölkerungsumfrage". Sie sind daher besonders verlässlich. (Mehr zu den Daten und zur Methodik lesen Sie am Ende des Textes, die komplette Studie finden Sie hier.)

In jeder Gruppe stehen Männer besser da

DIW-Forscherin Storck haben die Geschlechterunterschiede überrascht. "Immerhin geht es hier um Absolventen mit der gleichen Qualifikation", sagt sie. "Und in jeder Gruppe verdienen die Männer mehr, selbst in Bereichen mit hohem Frauenanteil wie etwa Soziale Arbeit."

Aber warum fällt es in einigen Bereichen größer aus als in anderen? Genauer verfolgen konnten die Forscher die Karrieren der Hochschul- und Ausbildungsabsolventen in ihrem Datensatz nicht, aber es gibt eine Reihe möglicher Erklärungen.

  • Auffällig ist: Die Geschlechterunterschiede sind in der Regel da besonders groß, wo es ohnehin schon eine starke Spannweite der Einkommen gibt - wie eben unter den BWL-Absolventen. Die Top-Posten gehen dabei offenbar eher an Männer.
  • Manche Ausbildungsgänge führen zu einem klaren Berufsbild, andere nicht. Ein Lehramtsstudium führt in der Regel gradewegs zu einem Job an der Schule, ein BWL-Studium dagegen zu einer Fülle sehr verschiedener Tätigkeiten. Was ein Chemielaborant macht, ist in der Regel klarer umschrieben als der Job eines studierten Chemikers. Möglicherweise erklärt das, warum unter den Laboranten der Gehaltsunterschied mit 18,5 Prozent vergleichsweise moderat ausfällt, unter den Chemikern mit Uni-Abschluss mit 31,5 Prozent dagegen relativ groß.
  • Ein entscheidender Punkt: Im öffentlichen Dienst sind die Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern in der Regel kleiner als in der Wirtschaft. Das mag auch erklären, warum BWL und Maschinenbau im Gender-Ranking schlecht, Lehramt und Soziale Arbeit dagegen eher gut abschneiden. "Im öffentlichen Dienst gibt es häufiger Frauenbeauftragte", sagt Lohnforscher Hermann Gartner vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. "Außerdem sind die Personalauswahlverfahren stärker standardisiert und erschweren Diskriminierung."
  • Ganz ähnlich ist es mit Tarifverträgen: Wo sie gelten, sind die Lohnunterschiede generell geringer. Folglich sind auch die Verdienste zwischen den Geschlechtern ausgeglichener.

Wie stark fällt der Gehaltsunterschied in Ihrem Ausbildungs- und Studienfach aus? Machen Sie den Test und klicken Sie sich durch unsere Tabelle.

Warum erscheinen manche Unterschiede zwischen den Absolventengruppen so klein?
    Nettolöhne: Die Befragten im Mikrozensus geben Nettolöhne an. Da der Zahnarzt auch prozentual mehr Steuern zahlt als seine Helferin, verringert sich der Unterschied.
  • Ausbildungszeit: Ein Studium dauert meist länger als eine Ausbildung - und ist unbezahlt. Nach dem Studium müssen Akademiker daher erst mal den Einkommensvorsprung der Nicht-Akademiker einholen. Das drückt ihr Durchschnittseinkommen.
Abschluss, nicht Beruf: Die Studie vergleicht Absolventen eines Faches - nicht die Berufe, die sie üblicherweise ausüben. Der Betriebswirt, der zu Hause bleibt und seine Kinder erzieht, fließt genauso in die Berechnung ein wie der Top-Manager.



insgesamt 141 Beiträge
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Seite 1
Urbis 10.04.2015
1.
Moment mal. Wenn sich der eine auf Marketing und der andere auf Finance spezialisiert, sitzen sie doch gerade nicht in den gleichen Vorlesungen! Nur am Anfang für die Grundlagen. Die Frauen machen vermehrt Marketing, während die Männer die deutlich schwereren Finance Kurse belegen. Der mathmatische und quantitative Anspruch ist dort deutlich höher und im Marketing kaum vorhanden. Es liegt also auch hier an den Damen etwas zu ändern, indem man mal eine andere Richtung als Personal und Marketing einschlägt. Desweiteren weiß jeder, dass es sehr schwer wird im Marketing überhaupt eine Stelle zu finden.
NoTarget 10.04.2015
2. Wird auch durch Wiederholung nicht besser...
Im ÖD und in tarifvertraglich geregelten Beschäftigungen gibt es keine Gehaltsunterschiede bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit. Da bleiben für die hier genannten Abweichungen im Gehalt nur zwei Gründe: Überstunden und Dienstalter. Wer von beiden mehr hat sollte auch mehr verdienen. Und wer bei gleichem Lebensalter in gleicher Position weniger verdient als sein Kollege hat(te) ganz offensichtliche andere Prioritäten. So What?
evergrim 10.04.2015
3.
Interessant wäre auch zu wissen, in wie weit persönliche Entscheidungen bei der Berufswahl für die Zahlen verantwortlich sind. Möglicherweise legen Frauen mehr wert auf geregelte Arbeitszeit, sind weniger bereit umzuziehen oder spezialisieren sich in ihrem Studium in Bereichen, die innerhalb einer Disziplin im Schnitt schlechter bezahlt werden. Mit Marketing und Personal verdient man in der Regel nicht so gut wie im Controlling.
moev 10.04.2015
4.
Nun ist BWL aber auch nicht gleich BWL, das ist eine sehr grobe Kategorisierung. Zur Zeit meines Studiums konnte man rein an der Geschlechterverteilung im Hörsaal sehr gut abschätzen, ob die anstehende BWL-Vorlesung den Schwerpunktbereichen Wirtschaftsinformatik/Finance/Controlling oder Personal/Kommunikation/Marketing zuzuordnen war. Auf der höchsten Ebene haben nachher alle den/die Diplom-Betriebswirt(in) gehabt, nur mit dem Unterschied welcher Schwerpunkt dann in der zweiten Zeile folgte.
philip_han 10.04.2015
5. Nur noch Frauen einstellen
Wenn Frauen bei gleicher Qualifikation und gleicher Leistung WENIGER als der Mann verdienten, würde ja jeder Arbeitgeber nur noch Frauen einstellen, da er ja dadurch den höheren Gewinn hat. Da dies nicht der Fall ist, stimmen die angeblichen Gehaltsunterschiede bei gleicher Arbeit schlichtweg nicht.
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