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27. Februar 2007, 09:50 Uhr

Generation Praktikum

"Für Firmen sind Dauerpraktikanten ein Fiasko"

Praktikanten sind billige und willige Arbeitskräfte - trotzdem können sie für Arbeitgeber teuer werden, sagt Christian Scholz. Im Interview erklärt der Saarbrücker Personalexperte, warum Unternehmen draufzahlen, wenn sie sich nicht vom Modell Endlospraktikum verabschieden.

SPIEGEL ONLINE: Praktikanten arbeiten für wenig oder keinen Lohn. Ohne zu murren, erledigen sie mal simple, mal anspruchsvolle Aufgaben. Wie können sie da teuer sein?

Saarbrücker BWL-Professor Christian Scholz: "Unternehmen müssen umdenken"

Saarbrücker BWL-Professor Christian Scholz: "Unternehmen müssen umdenken"

Christian Scholz: Nicht jeder Praktikant kostet viel. Das Problem sind die Dauerpraktikanten, die man meint, wenn man von der "Generation Praktikum" spricht. In vielen Unternehmen hat sich in den letzten Jahren die Praxis eingeschlichen, einen Hochschulabsolventen nach dem anderen als schlecht oder gar nicht bezahlte Praktikanten einzustellen, um die Kosten zu reduzieren. Diese Rechnung geht jedoch nicht auf. Ganz im Gegenteil: Wir haben herausgefunden, dass sich diese Strategie langfristig gesehen sogar negativ auf einen Betrieb auswirkt.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären ...

Scholz: Wenn ein Unternehmen Dauerpraktikanten einstellt, kann das unterschiedliche Auswirkungen haben. Praktikanten brauchen eine Einarbeitungsphase, für die andere Mitarbeiter eingespannt werden. Von ihnen zieht man also Ressourcen ab, die sie nicht für ihre eigentlichen Aufgaben verwenden können. Für Unternehmen ist das ein Problem, weil auf lange Sicht die Motivation der Mitarbeiter sinkt, wenn sie immer wieder von neuem die Praktikanten unterrichten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Es geht also um Kosten, die für Unternehmen nicht auf den ersten Blick sichtbar sind.

Scholz: Stimmt. Am Lehrstuhl für Organisation und Personalmanagement untersuchen wir beispielsweise, welche Auswirkungen Praktikanten auf das Humankapital haben, auf den Wert, den Mitarbeiter ins Unternehmen bringen. Wir haben herausgefunden, dass sich viele Beschäftigte unter Druck gesetzt fühlen. Die Angestellten wissen ja nicht, ob Praktikanten vielleicht eingestellt, also zu Job-Rivalen werden und ihnen etwas wegnehmen. In den meisten Fällen kommt es zwar nicht dazu – aber das Klima im Unternehmen leidet. Personalchefs müssten eigentlich merken, dass der Typ Dauerpraktikant auf lange Sicht nicht rentabel ist.

SPIEGEL ONLINE: Was sollten Firmen jetzt tun - etwa alle Praktika radikal streichen?

Scholz: Dauerpraktikanten sind ein Fiasko. Von diesem Modell sollten sich Personalchefs verabschieden. Wir raten aber zu einem anderen Typ. Unternehmen können dann einen Gewinn erzielen, wenn sie das Praktikum als Innovation betrachten. Das heißt, dass ein Praktikant etwas mitbringt, was es vorher im Unternehmen nicht gab. Personalchefs könnten etwa Leute von der Uni holen, die kurz vor ihrem Examen stehen und tolle Ideen mitbringen. Davon kann das Unternehmen enorm profitieren, weil neue Impulse kommen. Das kann schon bei Kleinigkeiten anfangen, etwa bei der Gestaltung der Homepage oder einer neuen Marketingstrategie. Und davon haben auch die Praktikanten mehr, weil sie motiviert sind und die Firma in guter Erinnerung behalten. Von diesem Typ Praktikum profitieren also beide Seiten.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennt man als Bewerber, ob im Praktikum eigene Ideen oder nur Handlangerdienste erwünscht sind?

Scholz: Für Bewerber ist es schwierig, im Vorfeld zu erkennen, auf was für ein Praktikum sie sich einlassen. Meist zeigt sich das erst, wenn man anfängt. Personalchefs stellen Dauerpraktikanten bewusst für bestimmte Aufgaben ein - oft reine Hilfsdienste wie Kopieren oder einfache Buchhaltung. Bei der anderen Variante aber gehen Praktikanten mit in Konferenzen, werden zum Brainstorming animiert oder entwickeln neue Konzepte. Personalchefs wissen ganz genau, wen sie für was anstellen. In vielen Unternehmen gibt es bereits beide Varianten. Nach meiner Ansicht sprechen Dauerpraktikanten aber für eine falsche Personalpolitik.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Unternehmen mit Ihrer Kritik um?

Scholz: Ich denke, dass sich in Zukunft einiges tun wird. Besonders im Bereich der Pharma- oder Automobilindustrie wissen Unternehmen schon zu schätzen, welches Potential Bewerber mitbringen. Das Modell Dauerpraktikant kam ja erst auf, als viele gute Leute ohne Job auf dem Arbeitsmarkt waren. Die Unternehmen haben dankbar zugegriffen, weil sie dachten, sie können dadurch Geld sparen. Das bringt den Unternehmen aber nichts, sogar ihr Ruf kann leiden.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie damit sagen, Praktikanten sind schlecht fürs Image?

Scholz: Tatsächlich schadet es dem Firmenimage, wenn Praktikanten merken, dass sie nur für einfache Aufgaben eingestellt wurden und es nie um eine spätere Zusammenarbeit ging. Bei großen Konzernen sind es ja nicht gerade wenige, die nach einem Praktikum ohne Job gehen. Und sie alle werden ihren Arbeitgeber nicht in guter Erinnerung behalten, weil sie frustriert sind, dass es wieder nicht geklappt hat. Unternehmen müssen deshalb mit der Strategie Dauerpraktikum sehr vorsichtig sein.

Das Interview führte Britta Mersch

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