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Generation Praktikum "Man darf sich nicht unter Wert verkaufen"

Die "Generation Praktikum" ist nur ein Mythos, heißt es in einer neuen Studie. Von wegen, kontert Expertin Bettina König: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview kritisiert sie die alltägliche Ausbeutung, spricht über den perfekten Lebenslauf - und das Abzockerpraktikum des Monats.

SPIEGEL ONLINE: Praktikanten stehen im Weg, kennen die Abläufe in der Firma nicht, müssen eingearbeitet und betreut werden - sind Praktikanten wirklich immer eine Hilfe?

König: Das kommt drauf an. In einem herkömmlichen Praktikum, bei dem man mitläuft und lernt, sicher nicht. Aber Praktika nach dem Studium sehen meist anders aus. Nach einer kurzen Einarbeitungszeit arbeiten die Leute mit, als seien sie eine ganz normale Arbeitskraft. Gegen diese Scheinpraktika wehren wir uns.

SPIEGEL ONLINE: Das Etikett "Generation Praktikum" sei zwar medienwirksam, aber stark übertrieben, folgern die Forscher des Hochschul-Informations-Systems (HIS) aus einer Befragung von über 10.000 Absolventen (siehe Kasten unten)...

König: Der Begriff der Generation Praktikum wurde nicht von uns geprägt. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass es die Probleme gibt. Dass es eine relevante Zahl von Betroffenen gibt, lässt sich wohl nicht leugnen und wird auch nicht durch die HIS-Studie widerlegt

SPIEGEL ONLINE: Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt spricht gar von einem "Horrorszenario" und von "Panikmache". Was halten Sie von seiner Aussage, es gehe lediglich um wenige "negative Einzelfälle"?

König: Gar nichts. Der Verein Fairwork wurde von uns gegründet, weil wir selbst von dem Problem betroffen waren. Seit drei Jahren bekommen wir kontinuierlich etwa 20 Mails pro Woche, in denen uns Leute um Rat fragen und berichten, wie sie als billige Arbeitskraft ausgenommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie nicht verpflichtet zu sagen, dass Kettenpraktika ein Massenphänomen sind - schließlich würde es ihren Verein sonst gar nicht geben?

König: Wir beobachten das Problem seit drei Jahren - und nicht erst seit dem letzten Sommer, wie die Verfasser der HIS-Untersuchung. Die Zahlen, die dabei herausgekommen sind, lassen sich übrigens auch ganz anders interpretieren: Ich finde es erschreckend, dass 34 Prozent der Befragten gar keine und 29 Prozent nur eine schlechte Vergütung bekommen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Fairwork auf die Studie reagiert?

König: Ich habe Herrn Minks, einen der beiden Verfasser, gebeten, mir den Fragebogen zuzuschicken. Das hat er bis heute nicht getan. Ich würde gerne wissen, was die 12.000 Absolventen genau gefragt wurden. Vielleicht Dinge wie "fühlen sie sich sehr, mittel oder ein bisschen ausgebeutet" - und die Leute, die "ein bisschen" angekreuzt haben, werden nachher zu der Gruppe gezählt, die ihren Zustand für völlig in Ordnung hält?

SPIEGEL ONLINE: Laut HIS bewerteten zwei Drittel der befragten Absolventen ihre Praktika als "hilfreich für die berufliche Zukunft".

König: Ich halte Praktika im Studium auch für absolut hilfreich. Man findet heraus, wo man hin will, knüpft Kontakte. Aber für Hochschulabsolventen gilt etwas anderes. Sogar die HIS-Studie sagt, dass ein Praktikum nach dem Studium kein guter Weg ist, um einen Job zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie grundsätzlich gegen Praktika nach dem Examen?

König: Ja. Man darf sich nicht unter Wert verkaufen. Viele machen das trotzdem, weil ihnen sonst die Arbeitslosigkeit droht.

SPIEGEL ONLINE: …und weil es gut in ihren Lebenslauf passt.

König: Klar, es gehören immer zwei dazu: die einen, die ausbeuten und die anderen, die das zulassen. Aber die größere Schuld liegt bei den Unternehmen. Sie nutzen die Verzweiflung der Leute aus. Darum raten wir den Absolventen zu verhandeln. Wenn man Sätze sagt wie "Von 400 Euro im Monat kann ich leider nicht leben", haben viele Personalchefs ein Einsehen.

SPIEGEL ONLINE: Sollte es eine gesetzlich geregelte Vergütung geben?

König: Ja, auf jeden Fall. Außerdem müsste im Gesetz definiert werden, was ein Praktikum genau ist und was für Aufgaben der Praktikant hat. Es sollte festgesetzt werden, dass er einen Vertrag bekommt, betreut wird und am Ende ein Zeugnis erhält. Außerdem sollte es eine Begrenzung der Praktikumsdauer geben: drei Monate. Ausnahmen davon sollte es nur geben, wenn die Prüfungsordnung der Uni etwas anderes sagt. Die Zeit nach dem Abschluss sollte nicht Praktikum genannt werden, sondern Trainee-Programm oder Volontariat. Man muss einen Unterschied machen, weil die Eigenleistung einfach größer ist.

"Generation Praktikum"

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Geld sollte eine Firma zahlen?

König: Den fertig ausgebildeten Leuten mindestens 1200 Euro brutto im Monat. Damit orientieren wir uns am europäischen Mindestlohn.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Praktika haben Sie selbst gemacht?

König: Während des Studiums vier, danach drei. Als Studentin fand ich es toll, weil ich mir so das Arbeitsleben besser vorstellen konnte. Aber die Praktika nach dem Studium habe ich eher aus Verzweiflung gemacht. Ich habe über 120 Bewerbungen geschrieben, aber keinen Job gefunden. Praktikumsplätze gab es dagegen immer. Angenommen habe ich sie, weil ich die Zeit überbrücken wollte. Ich habe mich selbst sehr unter Druck gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie meinen, das geht vielen so?

König: Ja. Wir versuchen, den Leuten die Panik zu nehmen, indem wir ihnen sagen, dass es normal ist, nicht sofort eine Stelle zu finden. Wenn es ein Jahr dauert, sind sie keine Versager.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Homepage von Fairwork wird das "Abzockerpraktikum des Monats" vorgestellt. Wie prüfen Sie, ob Unternehmen die Praktikanten wirklich schlecht behandeln?

König: Das komplett zu überprüfen, ist schwer. Wir checken, ob das Unternehmen die Praktikums-Ausschreibung tatsächlich aufgegeben hat und was da drin steht. Man kann schnell sehen, ob es sich um ein Scheinpraktikum handelt. Zum Beispiel, wenn man Sätze liest wie: "Wir suchen jemanden, der ein Jahr lang selbstständig unsere Presseabteilung betreut."

Das Interview führte Katrin Schmiedekampf

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