In Kooperation mit

Job & Karriere

"Generation Praktikum" Wie eine Rebellion versandet

Sie murrten, motzten und sammelten über 100.000 Unterschriften für faire Praktika. Erreicht hat die "Generation Praktikum" bisher wenig - ihre Petitionen landeten in der politischen Sickergrube des Bundestages, eine klare gesetzliche Regelung ist kaum in Sicht.
Von Timo Nowack und Stephan Orth

Hamburg – Sowohl "Generation Praktikum" als auch "Prekariat" fanden ihren Weg in die Top Ten der "Wörter des Jahres 2006". Rund 50.000 Menschen unterschrieben im Frühjahr 2006 eine Petition, um Hochschulabsolventen vor dem Missbrauch als unter- oder gar unbezahlte Ersatzarbeiter zu schützen. Bei einer weiteren Petition kamen sogar über 60.000 Stimmen zusammen. Zornige Praktikanten demonstrierten vor dem Brandenburger Tor; in den Medien wurden die Nöte junger Akademiker, die von Praktikum zu Praktikum tingeln, zum Dauerbrenner.

Im letzten Herbst entdeckte dann auch Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) sein Herz für Dauerpraktikanten und gab sich kämpferisch: "Die jungen Leute, die aus der Hochschule kommen, dürfen nicht missbraucht werden", forderte er. "Das müssen wir notfalls noch etwas nachdrücklicher erklären, als es in unseren Gesetzen steht."

Herausgekommen ist dabei bisher wenig: Der Praktikanten-Elan der letzten Monate droht in den Mühlen des Politikbetriebes zu verpuffen. Das Arbeitsministerium ist von der Idee einer Gesetzesänderung abgerückt, um Franz Müntefering ist es in der Praktikantenfrage still geworden.

Die Grünen und die Linkspartei brachten Ende letzter Woche Anträge zum Praktikantenschutz in den Bundestag ein. Die Chancen auf Erfolg sind für die Oppositionspartein allerdings gering, sofern sich die Koalition nicht des Themas annimmt. Derweil befinden sich die beiden Petitionen fest in den Klauen des deutschen Ausschusswesens: Solange sich die Parteien in Fachausschüssen des Bundestages mit dem Thema auseinandersetzen, ist der Petitionsausschuss nicht mehr an erster Stelle in der Pflicht.

SPIEGEL ONLINE erklärt die Anträge und Petitionen, mit denen Praktikanten geholfen werden soll. Allen gemein ist nur der Wunsch, Praktika als Lern- und nicht als Arbeitsverhältnis zu definieren, eine maximale Dauer festzulegen – und die zweifelhaften Erfolgsaussichten.

Im zweiten Teil: 100.000-faches Aufbegehren - die Petitionen

Petition 1 - Désirée Grebel:

Désirée Grebel schickte sich im April 2006 als erste an, mit einer Petition an den Bundestag Dauerpraktikanten aus ihrer Knechtschaft zu befreien. Sie forderte, dass aus Praktika über drei Monate reguläre Beschäftigungsverhältnisse werden. "Besser gar keine Arbeit, als sich schlecht bezahlt hinhalten zu lassen und auf eine feste Anstellung zu hoffen, die die meisten Praktikanten ja ohnehin nicht bekommen", begründete die Berlinerin ihren Vorstoß im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

Grebels Petition hatte schon über 40.000 Unterschriften, als der Server des neuen Online-Verfahrens abstürzte und die Namen mit in die Versenkung riss. Eine Ersatzpetition erreichte in kurzer Zeit etwa 7000 weitere Stimmen. Insgesamt schätzt Grebel, mehr als 50.000 Unterstützer zu haben. Sie hat selbst schon acht Praktika absolviert, arbeitet heute aber fest angestellt bei einer Medienbeobachtungsfirma. "Ich bin keine verhärmte Dauerpraktikantin, die sich nun rächen will", sagte sie im Interview und wollte ihre Petition "als Anregung verstanden wissen".

Obwohl ihre Petition seit fast einem Jahr im deutschen Ausschusssystem hängt und sich im Parlament nur die Opposition für ihr Anliegen einsetzt, sieht Grebel das Engagement der Parteien als gutes Zeichen. "Ich denke, dass es nun voran geht, und es ist ein Erfolg, dass die Petition nicht untergegangen ist", sagt sie bescheiden.

Petition 2 – Die Gewerkschafts-Initiative

Rechte und Pflichten von Praktikanten sind zurzeit im Berufsbildungsgesetz festgelegt, so etwa der Anspruch auf eine "angemessene Vergütung". Sabine Helbig vom Deutschen Gewerkschaftsbund findet, "das ist zu schwammig und muss erweitert werden". So forderte sie in ihrer Petition im Oktober 2006, Praktika auf maximal drei Monate zu begrenzen und mit einem Mindestlohn von 300 Euro zu vergüten. "Es ist notwendig, die Rechte der Praktikanten auch durch Gesetze zu schützen", sagt die Frau von DGB, der auch die Webseite students-at-work.de  unterhält.

Zwar könne sich ein Praktikant, der wie eine vollwertige Arbeitskraft eingesetzt wird, auf der aktuellen Rechtsrundlage Gehalt einklagen. Jedoch seien die Erfolgschancen gering, und der Praktikant müsste dafür seine Arbeit vom ersten Tag an dokumentieren, sagt Helbig.

Ihre Petition wurde von mehr als 60.000 Menschen unterschrieben. Nun glaubt sie, dass es eine öffentliche Anhörung durch den Petitionsausschuss im März geben wird und dann Bewegung in die Sache kommt: "Ich hoffe, dass sich noch in der ersten Hälfte 2007 etwas tun wird."

Grüne und Linkspartei - die Praktika-Anträge

Die Grünen:

Die Grünen plädieren in ihrem Antrag, der am letzten Donnerstag im Bundestag diskutiert wurde, für eine verbesserte Einbindung von Praktika ins Studium und für eine zeitliche Begrenzung auf maximal vier Monate. Unbezahlte Praktika lehnen die Grünen ab und fordern eine Aufwandsentschädigung: "Die Tarifpartner sind gefordert, hierzu angemessene Regelungen zu treffen", sagt Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion.

Abseits von Tarifvereinbarungen seien Branchen- und Arbeitgeberverände gefragt. Auch die Bundesregierung müsse mit gutem Beispiel vorangehen. "Es geht nicht, dass man nur nüchtern erklärt, dass Praktika in Ministerien grundsätzlich nicht vergütet werden", so Gehring.

Für die Arbeitgeber sollen die Empfehlungen der Grünen allerdings freiwillig sein. Zusätzlich verlangt die Partei deshalb, ein Gütesiegel "Faires Praktikum" einzuführen. Dabei gibt es eine Initiative "Fair Company" bereits - vom Holtzbrinck-Verlag; der Schirmherr heißt Franz Müntefering. Die Grünen wollen allerdings ein unabhängiges Gütesiegel, das von der Bundesagentur für Arbeit oder einer Stiftung an Unternehmen vergeben wird, die ihre Praktikanten korrekt behandeln. Zur Umsetzung fordert Gehring: "Ich erwarte, dass Herr Müntefering bis zum Sommer eine Gesamtstrategie vorlegt, gerne auch in Kooperation mit dem Bildungsministerium."

Die Linkspartei:

"Eine Sensibilisierung hilft nicht, wenn es keine gesetzliche Sicherheit gibt", sagt Nele Hirsch, bildungspolitische Sprecherin der Linkspartei, in Richtung Arbeitministerium. Auch der grüne Ansatz geht ihr nicht weit genug: "Es wird nichts bringen, wenn wir nur auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen setzen."

Die Linkspartei verlangt in ihrem Antrag, Praktika generell nur als Teil des Studiums zuzulassen. Für Menschen mit Ausbildungs- oder Studienabschluss soll es dagegen nur noch reguläre Arbeitsverhältnisse geben - was de facto die Abschaffung von Praktika von Hochschulabsolventen bedeuten würde. Kann das wirklich im Sinne junger Akademiker sein? "Es gibt so viele Möglichkeiten, in den Beruf einzusteigen, da ist ein Praktikum nicht zusätzlich nötig", so Hirsch. Sie fordert, den Druck auf die Politik hochzuhalten: "Wir müssen auch außerhalb des Parlamentes aufzeigen, dass hier etwas geschehen muss."

Arbeitsministerium - auf dem Bremspedal

Bundesministerium für Arbeit:

Noch im September 2006 hatte Arbeitsminister Müntefering angekündigt, den Praktikanten zu helfen - notfalls auf gesetzlichem Wege. Heute will man im Ministerium nichts mehr von einer Gesetzesinitiative wissen. "Wir planen keine gesetzlichen Änderungen, die Frage stellt sich für uns im Moment nicht", sagte Ministeriumssprecher Christian Westhoff SPIEGEL ONLINE.

Vielmehr wolle man sich nun darauf konzentrieren, "ein Bewusstsein und eine Sensibilität für das Thema in der Gesellschaft zu entwickeln", so Westhoff weiter. Rechtliche Grundlagen seien bereits vorhanden. Nachzulesen sind sie auf der Website des Ministeriums unter der Rubrik "Fragen und Antworten zum Thema Praktikum" – hier wird unter anderem das Praktikum vom Arbeitsverhältnis abgegrenzt und der Anspruch auf Vergütung erklärt.

Eine Antwort auf die Frage, wie lange ein Praktikum höchstens dauern darf, sucht man jedoch vergebens. Genau wie ihr Arbeitsminister beruft sich auch die SPD auf die aus ihrer Sicht bereits bestehende Rechtssicherheit von Praktikanten, will in der nächsten Woche aber noch einmal darüber beraten. Und ohne Unterstützung aus der Großen Koalition und dem Arbeitsministerium hat eine gesetzliche Regelung zu Praktika keine Chance.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.