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14. Februar 2002, 19:47 Uhr

"Generation Schrott"

Durchlauferhitzt ins Ausland

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Seit Wochen machen erboste Jungforscher gegen das neue Hochschulrahmengesetz mobil, weil sie "Massenentlassungen" befürchten. In Berlin stellte sich Bildungsministerin Edelgard Bulmahn jetzt furchtlos der Debatte - eine Vorlesung in Sachen Realitätsnähe von Gesetzestexten.


Junge Forscher: Banger Blick in die Zukunft
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Junge Forscher: Banger Blick in die Zukunft

Berlin - Zum Auftakt eine Hinrichtung. Der Staatssekretär Peer Pasternack aus dem neuen rot-roten Senat in Berlin fehlte, weil er seinen Terminkalender nicht richtig im Auge gehabt habe, wie er ausrichten ließ. "Das kann man bei Anfängern ja auch verstehen", spottete süffisant Dieter Simon von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften - und ließ das Fallbeil runter: "Ist für uns aber auch kein großer Schaden."

"Uns" - das waren sechs grauhaarige Männer und eine frisch getönte Dame, die in der Akademie in Berlin am Mittwochabend die verbalen Klingen kreuzten über die Novelle des Hochschulrahmengesetzes. Das Werk sorgt für allerlei dicke Backen. Gegner befürchten die "Verschrottung einer ganzen Generation" ("taz"), während Befürworter im Protest der Betroffenen einen "Aufstand der Kofferkulis" ("Die Welt") erkennen.

Fiese Zwischenrufe und Co-Referate

Das Podium war prominent besetzt. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) hatte zu ihrer Verteidigung nur Ulrich Preis von der Universität Köln an ihrer Seite, der das corpus delicti mitverfasst hat und den ganzen Abend in Papierform an sich drückte, als wolle man ihm sein Baby stehlen. Peter Gäthgens, Chef der FU Berlin, gab die Sicht des Arbeitsgebers zum Besten, Thomas Mergel (Universität Bochum) kämpfte für die Privatdozenten, Wilhelm Krull (VW Stiftung) geizte mit Drittmitteln in Form von konstruktiven Beiträgen. Und Jürgen Kockas (WZB) hervorstechendste Eigenschaft auf dem Podium war sein hochroter Kopf.

Dieter Simon jonglierte spitzzüngig durch die dreistündige Diskussion im überfüllten Säulensaal, in dem das Publikum Fragen stellen durfte, aber leider zu Co-Referaten neigte. Abgesehen von einigen fiesen Zwischenrufen ("Bulwahn!") hatte die Ministerin leichtes Spiel mit den Beiträgen aus dem erregten Publikum - wer keine Frage formuliert, kann auch keine Antwort erwarten.

Kombattantin Edelgard Bulmahn: "Quellenstudium vor der Bewertung"
DPA

Kombattantin Edelgard Bulmahn: "Quellenstudium vor der Bewertung"

Den Offenbarungseid leistete sich ausgerechnet der honorige Hörer Wolfgang Mommsen, der zum Erstaunen des Publikums Bulmahn mangelnde Vermittlung vorwarf, da er den Gesetzestext noch nicht gelesen habe. "Quellenstudium vor der Bewertung" empfahl die pikierte Ministerin dem Historiker, der dann ganz leise wurde und nur noch was von "persönlicher Angriff" murmelte.

In der komplizierten arbeitsrechtlichen Materie wurden wieder alter Argwohn zwischen den Fronten deutlich. Die Politik sieht reformunfähige Besitzstandswahrer am Werk: "Sie sperren sich gegen das Neue nach dem Prinzip: Kennen wir nicht, wollen wir nicht, haben wir noch nie so gemacht" (Preis). Der freie Geist ist beleidigt, weil er seine Kreativität und sein Lebenseinkommen gefährdet sieht: "Die Leistungskraft der deutschen Wissenschaft wird abnehmen!" (Kocka).

ABM für Arbeitsgerichte

Bulmahn will keine Leichen mehr im akademischen Keller und vernünftigere Personal- und Zukunftsplanung. Die Novelle begrenzt deshalb die Zeit der Qualifizierung in befristeten Arbeitsverhältnissen auf zwölf Jahre, mit dem Ziel, den Dauerdienstleistern und ihren akademischen Ziehvätern zeitig genug die Frage aufzunötigen, ob sie zu den Berufenen gehören oder nicht (Mediziner dürfen sich drei Jahre länger finden, weil, so Simon, "man bei ihnen sonst das falsche Ergebnis immer gleich beerdigen muss").

Danach gelten dann sämtliche gängigen Regeln des Arbeitsrechts auch für den akademischen Nachwuchs: Er muss in ein "vernünftiges" Arbeitsverhältnis wechseln. Doch da werden die Chefs und Anwärter nervös. Die in dem Falle alles andere als Alma - also gütige - Mater fürchtet, das noch unerprobte Teilzeit- und Befristungsgesetz schütze sie nicht sicher genug davor, dass der Nachwuchs sich nach Auslaufen seines Projekts erfolgreich in eine Dauerstelle einklagen könnte. Mergel sieht bereits eine großartige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Arbeitsgerichte.

Der Nachwuchs fürchtet nach dem Fristende, keine befristeten Projekte mehr machen zu dürfen, um eventuelle Wartezeiten für eine spätere feste Stelle zu überbrücken: Entweder schaffst du es in zwölf Jahren, oder du gehst ins Ausland oder gleich zum Arbeitsamt.

"Reine Panikmache", ruft da die Ministerin: Schließlich gebe es doch seit einem Jahr im allgemeinen Arbeitsrecht ein neues Teilzeit- und Befristungsgesetz, das eine zusätzliche befristete Beschäftigung zum Beispiel in Drittmittelprojekten möglich machen könne. Mit dieser Auslagerung aus dem Hochschul- in das allgemeine Arbeitsrecht seien doch alle Übergangsprobleme zu lösen. Doch das sehen die aktuell Betroffenen ganz anders. Sie haben ihre Karriere unter anderen Bedingungen gestartet, und eine ganze Generation, meist zwischen 35 und 45, von Assistenten und Privatdozenten fürchtet, als "lost generation" auf dem Schrotthaufen der Universitätsgeschichte zu landen.

Denn eigentlich sind die Aussichten für diejenigen, die im Habilitationsverfahren stecken oder es gerade abgeschlossen haben, so gut wie lange nicht mehr. Zwischen 2000 und 2010 wird in Deutschland etwa die Hälfte der Professoren abdanken. Doch wer jetzt oder bald mit seiner Habil durch ist, aber eine Professur erst ab 2005 erwarten kann, muss ein paar Jahre überbrücken. Und das wird schwieriger.

Ungelöste Übergänge

In der Vergangenheit standen dafür in sehr begrenztem Umfang C2-Stellen zur Verfügung. Mehr und mehr hat sich in der Überbrückungsphase die Drittmittelfinanzierung etabliert. Das ist weiter erlaubt und erwünscht, gestaltet sich aber schwierig. Auch Drittmittel-Projekte müssen an eine Stelle in einer Institution gekoppelt sein. Doch die Anwärter müssen fürchten, dass Universitäten oder Forschungsinstitute unter Hinweis auf die Zwölf-Jahres-Regel Habilitierten die Weiterbeschäftigung verweigern, obwohl sie Drittmittel eingeworben haben - denn die Arbeitgeber fürchten, dass sich danach nach dem normalen Arbeitsrecht eine Festanstellung einklagen lässt, die sie nicht finanzieren wollen oder können.

Exodus der Besten oder Frischluft in den Unis?
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Das ungelöste Übergangsproblem nach zwölf Jahren scheint der Knackpunkt des Gesetzes zu sein, wo sich Paragrafen und arbeitsrechtliche Realität noch finden müssen. Nicht mal die Betroffenen bestreiten, dass die Sicherheit in den zwölf Jahren der Qualifizierung verbessert wurde und der durch die Frist entstehende Druck zu konzentrierter Selbstfindung und Zukunftsplanung führt - mit dem Ziel, akademischen Wildwuchs zu beschneiden (Mittelmaß im Mittelbau) und damit auch wieder Platz zu schaffen für weiteren Nachwuchs. "Nach zwölf Jahren kann man wissen, wo man steht", sagte Simon.

Es gibt aber auch noch die Sonderfälle, wie die meisten Geisteswissenschaftler. Wenn sie nach zwölf Jahren merken, dass sie nicht gut genug sind oder dass kein Platz für sie ist in der Wissenschaft, bietet sich für sie kaum ein alternativer Arbeitsmarkt. Historisierende Taxifahrer gibt es bereits genug. Preis sieht das eher kühl: "Universitäten sind eben Durchlauferhitzer." Einspruch Dieter Simon: "Ingenieure bauen eben Brücken und verdienen damit mehr, Juristen können auch Anwalt werden und so die Welt quälen. Aber was macht der Historiker...".

Ein Querulant aus dem Publikum wollte deshalb das ganze System gerne auf die Politik übertragen: "Parteien, die es in zwölf Jahren nicht geschafft haben, ihr Grundsatzprogramm zu verwirklichen, müssen durchlauferhitzt ins Ausland gehen oder werden abgeschafft, um Platz für den Nachwuchs zu machen."

Das korrespondierte trefflich mit dem Simonschen Schlusswort, der einem Kollegen in den USA versuchte hatte, zu erklären, um was es in der Diskussion in der Akademie gehen sollte. Als Antwort bekam er: "Mir scheint, nicht das Gesetz ist der Skandal, sondern die Zustände, die bei euch herrschen."

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