Großkanzleien Nichts für die Masse

Großkanzleien gelten unter karriereorientierten Jungjuristen als die perfekten Arbeitgeber. Doch nur die Besten werden genommen - und der Job hat auch seine Nebenwirkungen.

Von Tobias Reckling


Tom Cruise in "Die Firma": Karriere mit Nebenwirkungen
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Mehr als zweitausend Mitarbeiter, Filialen überall auf der Welt, von Bangkok bis New York - heutzutage für manch eine Firma eine Selbstverständlichkeit. Internationalität ist oftmals ein Muss, um im Zeitalter der Globalisierung noch mithalten zu können. Doch was für die Industrie gilt, ist auch schon seit längerem für ihre Rechtsberater gang und gäbe. Großkanzleien wie Clifford Chance Pünder oder Freshfields Bruckhaus Deringer haben sich wie ihre Kunden den Gegebenheiten angepasst - und können dadurch auch ihren Mitarbeitern unvergleichliche Karrierechancen bieten. "Doch die Anforderungen sind hoch", weiß Stefan Göcken von der Bundesrechtsanwaltskammer, "genommen werden nur die Besten".

Unter Juristen zählen bereits diejenigen zu den "Besten", die ihr Studium mit "Vollbefriedigend" oder besser abgeschlossen haben. Das schaffen von den etwa 10.000 Absolventen "pro Jahr nur rund 1600" schätzt Thomas Tschentscher, Rechtsanwalt bei Freshfields Bruckhaus Deringer.

Spesen inklusive

Hinzu sollten noch Fremdsprachenkenntnisse und Berufserfahrung - wenn möglich auch im Ausland - kommen. Ein Doktortitel wäre ebenfalls nicht schlecht. Und natürlich Interesse an der Arbeit in einer Großkanzlei. Was schließlich als "Targetgruppe" für deren Rekrutierungsteams übrig bleibt, ist ein Rest von 400. Dieser wird dann "intensivst auf allen Fronten umworben", so Tschentscher. Unter anderem auch mit Einstiegsgehältern von über 70.000 Euro - Spesen inklusive.

Von einer Großkanzlei umworben zu werden ist auf der anderen Seite auch der heißeste Traum der prozentual meisten Jurastudenten. Das zumindest war das Ergebnis einer von dem Karrierenetzwerk e-fellows.net und dem Berliner Trendence Institut für Personalmarketing durchgeführten Umfrage. Demnach gaben 26,9 Prozent der befragten zukünftigen Anwälte Großkanzleien als die bevorzugten Arbeitgeber an.

Doch da sich ganze 80 Prozent der Befragten selbst als karriereorientiert bezeichneten, kann das Ergebnis der Umfrage auch nur für diese Gruppe als repräsentativ angesehen werden. Dafür spricht nicht nur die Übereinstimmung mit den von Tschentscher genannten Zahlen. Auch schon allein die Tatsache, dass nur 1400 Studenten, allesamt Mitglieder des Karrierenetzwerks e-fellow.net, befragt wurden, lässt darauf schließen. Und die besten Aufstiegschancen bieten nun mal Großkanzleien wie Clifford Chance Pünder oder Freshfields Bruckhaus Deringer. Beide wurden von den im Schnitt 24-jährigen Studenten als bevorzugte Wunscharbeitgeber genannt.

"Deals machen, die Märkte beeinflussen"

Studenten in der Bibliothek: Eifriges Studieren kann sich auch finanziell lohnen
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Aber nicht nur die von den Großkanzleien gebotenen internationalen Kontakte und die hohen Gehälter sind für die Berufseinsteiger von Belang. Mindestens ebenso hoch rangiert der fachliche Reiz, den die notwendige Spezialisierung bietet. "Deals zu machen, die Märkte beeinflussen, und nicht nur Streits um die Höhe von Gartenzäunen zu schlichten" ist für den auf Telekommunikationsrecht spezialisierten Tschentscher erst die eigentliche Herausforderung des Jobs.

Für die Möglichkeit, die Welt zu verändern, werden den Juristen aber auch einige persönliche Opfer abverlangt. Obwohl die Kanzleien sich zunehmend um geregeltere Arbeitszeiten bemühen, "gibt es doch Phasen", so Tschentscher, "in denen man auf sein Privatleben verzichten können muss". Die Studenten sind sich dessen absolut bewusst. Mehr als 30 Prozent der Befragten gab an, mit einer Wochenarbeitszeit von über 56 Stunden zu rechnen.

Aber wie gesagt: Nicht jedermann erfüllt die notwendigen Voraussetzungen für Großkanzleien. Und selbst unter den Qualifizierten ist nicht jeder bereit, in den zum Teil noch immer als "Anwaltsschmieden" verrufenen Sozietäten zu arbeiten. Trotz internationaler Beziehungen, fachlicher Herausforderung und Geld. So nannten selbst die karriereorientierten Berufseinsteiger der e-fellows Umfrage mit insgesamt 21,7 Prozent eine Anstellung im öffentlichen Dienst oder bei der Europäischen Union als zweitliebstes Ziel.

Lieber einen geregelten Tag, als sich totzuschuften

Denn gerade die Sicherheit des Beamtendaseins ist für viele verlockend. "Bevor ich mich totschufte", so die Jurastudentin Jenny Riemann von der Berliner Humboldt-Universität, "habe ich lieber einen geregelten Tag. Und gerade als Frau ist mir der Anspruch auf ein Babyjahr, ohne gleich deshalb meinen Job zu verlieren, wichtig." Zwar bieten auch Großkanzleien wie Freshfields Bruckhaus Deringer mittlerweile bessere Absicherungen für ihre weiblichen Mitarbeiter und konnten im letzten Jahr sogar eine Frauenquote von 45 Prozent bei den Neueinstellungen aufweisen. Doch manch einer geht halt lieber auf Nummer sicher.

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Fast ebenso beliebt sind noch immer die klassischen Anstellungen in kleineren Anwaltskanzleien à la "Liebling Kreuzberg". Mit 15,1 Prozent liegen sie in der Umfrage zwar nur auf Platz drei, werden aber nach Einschätzung von Stefan Göcken in der Realität von weitaus mehr Studienabgängern bevorzugt. Denn trotz der anfangs "oft relativ dürftigen Bezahlung" bieten sie den Rechtsanwälten eine viel größere Themenvielfalt. "Spezialisierung ist nun mal nicht jedermanns Sache", meint Göcken. Zudem würde auch viele die Möglichkeit der späteren Übernahme der Kanzlei reizen.

Ein allgemeingültiges Rezept für alle gibt es eben auch für Juristen nicht. Jeder wird für sich selbst entscheiden müssen, wo denn nun seine Präferenzen liegen. Vorausgesetzt natürlich, er schafft sein zweites Staatsexamen. 1999 haben das in ganz Deutschland nur knapp 70 Prozent fertig gebracht.



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